Konnersreuth als Testfall

X. Nahrungslosigkeit

1. Beginn der Nahrungslosigkeit

Die Nahrungslosigkeit wäre wohl als das größte aller Konnersreuther Wunder zu bezeichnen, hätte Therese Neumann wirklich über Jahrzehnte hinweg ohne Speise und Trank auskommen können. Aber eben das ist die Frage: Hat Therese Neumann tatsächlich nahrungslos gelebt? Ist das derart sicher bewiesen, daß jeglicher Zweifel ausgeschlossen ist? Es ist ja ein unumstößlicher Grundsatz, daß von einem Wunder nicht gesprochen werden darf, solange eine natürliche Erklärung möglich ist.

Nach Steiner (1) hat Therese Neumann seit Weihnachten 1922 nur noch flüssige Nahrung zu sich genommen; andere sprechen von Anfang Dezember. Seit August 1926 ist Nahrungsaufnahme auch in flüssiger Form endgültig verweigert worden. Nur zum Kommunionempfang wurden ein paar Tropfen Wasser gereicht; seit September 1927 wurde auch darauf verzichtet. Nur eine einzige Ausnahme wird verzeichnet. An ihrem letzten Lebenstag verlangte Therese zum Kommunionempfang nach Wasser. Sie bat ihre Schwester Marie, sie möchte ihr etwas Wasser bringen, weil ihr Mund so trocken sei.

"Seit 1927 hatte man ihr auch zur hl. Kommunion keinen Tropfen Wasser mehr gereicht. Nur bei dieser Kommunion am Dienstagvormittag, da hat sie das verlangt!"

Auch beim letzten Kommunionempfang, versichert der Pfarrer, sei die Hostie die auf einem Löffel mit Wasser gereicht wurde, ohne jegliche Schluckbewegung verschwundene.

Die Nahrungslosigkeit läßt Dorsaz bereits zu einer Zeit beginnen, da Therese noch über einen ganz guten Appetit verfügt hat. Er schreibt:

"Therese Neumann hat seit dem 10. März 1918 bzw. seit Weihnachten 1922 keine konsistente Nahrung mehr und seit dem 26. Dezember 1926 auch keine Flüssigkeit mehr zu sich genommen." (3)

Der erstgenannte Termin ist eine offensichtliche Fabel, die allein schon durch die Tatsache widerlegt wird, daß Therese im Jahr 1918 auf eigenen Wunsch das Krankenhaus in Waldsassen verlassen hat, weil sie angeblich nicht satt werden konnte, trotz der Zugaben, die sie von den Krankenschwestern erhielt und trotz der Eßwaren, die ihre Angehörigen und Bekannten beim Besuch mitbrachten (4). Therese selber war es, die später ihren Biographen erzählte, man habe sie im Krankenhaus geradezu verhungern lassen wollen. Merkwürdigerweise bezeugt die Schwester der Stigmatisierten, Ottilie, am 6. Februar 1942 unter Eid vor den Eichstätter Professoren Dr. Lechler und Dr. Mayr:

"Schon seit den Tagen ihrer Krankheit 1928 nahm sie tatsächlich nur ganz kleine, kaum nennenswerte Mengen von Speise (Brei, Orangensaft, Tee, Milch) zu sich, erbrach aber so ziemlich alles wieder, so daß man sich fragen mußte, wovon sie eigentlich ihr Leben fristete... Das Reichen von Milch gab man überhaupt bald auf. Ich kann sagen, daß sie von der Nahrung, die man ihr zuführte, seit 1918 so gut wie nichts bei sich behielt. Meine Schwester fürchtete geradezu seit 1918 das Essen." (5)

Das eidliche Zeugnis steht im Widerspruch zu dem, was Therese selber über ihren Krankenhausaufenthalt erzählt hat; es steht ebenso im Widerspruch zu der Versicherung, die sie im Jahr 1927 Dr. Seidl gegenüber abgegeben hat, nämlich, daß sie .im Hl. Abend 1922 noch feste Speisen zu sich nehmen konnte. Vorsichtiger als Ottilie drückt sich Therese selber aus, als sie am 15. Januar 1953 in Eichstätt vernommen wurde. Auf die Frage, seit wann stark verminderte Nahrungsaufnahme bestehe, erklärte sie:

"Ohne ein genaues Datum angeben zu können, war die Verminderung der Nahrungsaufnahme während der Krankheit nach dem Unfall von 1918, also etwa um 1918/19 schon im Gang."

Wenn es zutrifft, daß niemand zwei Wochen ohne Essen und Trinken am Leben bleiben kann", dann müßte das erste Wunder in Konnersreuth nicht erst am 29. April 1923, als Therese wieder sehend wurde, geschehen sein, sondern bereits Monate früher. Von Weihnachten 1922 bis Epiphanie 1923, zwölf Tage hindurch, soll sie weder gegessen noch getrunken haben. Aber auch vorher war sie nach ihrer eigenen Versicherung gar übel darin; ungefähr vom 3. Dezember 1922 an will sie "nur Flüssigkeiten" zu sich genommen haben. Da sie zudem behauptet, sie habe nur "ein ganz kleines Teilchen" der Hostie mit Wasser schlucken können, müßte auch die Flüssigkeitsmenge eine ganz geringe gewesen sein, die überdies angeblich laufend verringert wurde bis zur völligen Nahrungslosigkeit von Weihnachten an bis zum Feste Epiphanie.

Diese Angaben macht Therese in ihrem Brief vom 27. Mai 1923 an eine Freundin. Sie stimmen nicht überein mit dem Bericht, den sie am 25. Juli 1927 Dr. Seidl gegeben hat. Ihm versicherte sie, sie habe am Hl. Abend 1922 noch feste Speisen zu sich nehmen können:

"Am 25. Dezember 1922 habe sie Mittag nichts Festes mehr schlucken können, und seit der Zeit habe sie zunächst nur von Flüssigkeit, Kaffee, Milch und etwas Fruchtsaft gelebt." (7)

Ottilie Neumann. hatte versichert:

"Das Reichen von Milch gab man überhaupt bald auf."

Diese Aussagen sind offensichtlich äußerst widersprüchlich. jedenfalls hätte Therese spätestens seit Beginn des Jahres 1923 ohne ein Wunder Gottes nicht mehr am Leben bleiben können. Sie Soll von 1923 bis 1925 täglich bloß einen bis zwei Eßlöffel Flüssigkeit zu sich genommen haben; volle fünfzehn Tage vor Ostern 1925, heißt es in einem Brief des Pfarrers von Konnersreuth vom 9. Juni 1925, habe sie "nicht das geringste, nicht einmal einen Tropfen Wasser", angenommene. In dieser Zeit vermochte sie auch nicht zu kommunizierend. Nach Naber bestand der Zustand der totalen Nahrungslosigkeit, wobei nicht die geringste Speise und auch nicht ein Tropfen Wasser genommen wurde, seit September 1927 (10). Seit dem 23. Dezember 1926 hat Therese, wie sie am 25. Juli 1927 Dr. Seidl erzählte, keine Flüssigkeit mehr zu sich genommen außer einen Schluck Wasser, um leichter kommunizieren zu können.

Angeregt durch Prof. Wutz kam im Dezember 1926 dessen Kollege, Prof. Mayr, zum erstenmal nach Konnersreuth. Während er sich mit Therese unterhielt, kam die Mutter ins Zimmer

"und schaute auf ein Glas, das auf dem Nachtschränkchen stand, und war dann ungehalten und schimpfte: ,Resl, jetzt hast wieder gar nicht getrunken, also was soll denn dös? Was soll denn werden, wenn Du gar nichts trinkst?' jetzt nahm Therese das Glas und nippte davon. Aber als die Mutter wieder draußen war, hat sie den Fruchtsaft über die Blumen gegossen. Sie hat schon damals nichts mehr gegessen und getrunken, und die Folge war, daß dann viele Blumen in ihrem Zimmer eingegangen sind."

So berichtet Dr. Mayr dem Reporter Wolfgang Bauer (10). Das klingt merkwürdig, wenn man bedenkt, daß Therese bereits am 6. August 1926 beim erstmaligen Schauen der Verklärung Christi Hunger und Durst auf dem Berge Tabor gelassen haben will. Eine entsprechende Erklärung gab sie allerdings erst am 1. Mai 1931 in einer Ekstase ab (12).

Welchen Grund sollte Therese gehabt haben, ihre Mutter zu hintergehen? Hatte sie etwa geglaubt, daß der Schwindel nicht entdeckt werden könnte? Wer aber in einem Fall betrügt, der kann das genauso in einem anderen Fall tun. Zudem ist nicht einzusehen, warum die Mutter unbedingt während des Zwiegesprächs, das Therese mit Prof. Mayr führte, ins Zimmer kommen mußte. Ebenso ist bemerkenswert, daß in der Frage des Beginns der völligen Nahrungslosigkeit nicht einmal zwei der bekanntesten "Konnersreuther Theologen" übereinstimmen, nämlich Pfarrer Naber und Professor Mayr.

2. Ausscheidungslosigkeit

Im Zusammenhang mit der Nahrungslosigkeit unterblieben, so sagen die Berichte, auch allmählich die Ausscheidungen. Gegen Ende des Jahres 1929 sollen sie ganz aufgehört haben. Dr. Seidl hatte zwar Jahre hindurch immer wieder verlangt, der ausgeschiedene Urin möge ihm zur Untersuchung zur Verfügung gestellt werden, aber er wurde andauernd mit leeren Versprechungen hingehalten, bis man den lästigen Forderungen mit dem Hinweis begegnete, die Ausscheidungen hätten aufgehört. Als Therese im Jahr 1953 in Eichstätt vernommen wurde, gab sie an:

"Die Ausscheidungen aus der Blase hörten etwa seit Anfang der Dreißiger Jahre (1930 ff) auf. Das weiß ich daher, daß mich die verstorbene Äbtissin M. A. Benedikta von Spiegel 0.S.B. (St. Walburg) bei Anlaß der Primiz von Bruno Rothschild (Juli 1932) fragte, ob ich nicht abseits gehen müsse. Ich antwortete ihr, das brauche ich schon länger nicht mehr."

Es muß festgehalten werden, daß nach endgültiger Verweigerung von Nahrungsaufnahme weiterhin Ausscheidungen erfolgt sind, wenn auch angeblich in geringem Ausmaße. Vom September 1927 an sollen etwa alle vierzehn Tage Urinausscheidungen in geringer Menge erfolgt sein (1). Noch im Juni und Juli des gleichen Jahres müßten die Ausscheidungen häufiger stattgefunden haben. Während der Beobachtungszeit im Juli hat Therese in zehn Tagen vom 14. bis zum 24. Juli nachweislich nicht weniger als sechsmal Harn gelassen, in einer Menge zwischen 5 ccm und 185 ccm (2)! Dabei muß noch auf einen besonderen Umstand aufmerksam gemacht werden. Am ersten Beobachtungsfreitag, dem 15. Juli, hat Therese dreimal Urin gelassen, um 1.25 Uhr 155 ccm, um 15.50 Uhr 5 ccm, um 21.45 Uhr 185 ccm. Außerdem hatte Therese zwischen den Ekstasen "sehr viel Harndrang, der auch nach der Urinentleerung andauerte"; sie klagte dann über "viele Schmerzen". Auch acht Tage später hatte Therese während der Ekstasen oftmals Harndrang; zweimal wurde Wasser ausgeschieden: am 21. Juli um 23.31 Uhr 20 ccm und am 22. Juli nach 8 Uhr 60 ccm. Sonst wurde während der Beobachtungszeit angeblich nur noch einmal Harn gelassen, nämlich am 24. Juli um 20 Uhr in der Menge von 10 ccm. Fassen wir das Ergebnis zusammen:

  1. Die Ausscheidungen von Harn, soweit sie von den Schwestern beobachtet werden konnten, erfolgten ausschließlich, während Therese im Bett lag.

  2. Die ganze gemessene Harnmenge betrug 425 ccm; 415 ccm wurden jeweils an den zwei Freitagen gemessen, am ersten Freitag allein 345 ccm.

  3. Im Gruppen-Tagebuch I lautet der am 24. Juli um 8.30 Uhr gemachte Eintrag: "Harnentleerung innerhalb drei Tagen 180 ccm." Tatsächlich lassen sich aber vom 21. bis zum 24. Juli um 8.30 Uhr nur 80 ccm belegen. Entweder hat sich die Schwester bei ihren Angaben getäuscht oder es wurde einmal der Abgang von Harn nicht im Tagebuch vermerkt.

  4. Abgesehen vom 24. Juli und an den zwei Freitagen hatte Therese nie Harndrang. Das macht stutzig.

  5. Wenigstens neunmal war Therese im Lauf der 14 Tage im Pfarrgarten, und zwar meist für Stunden. Außerdem war sie, abgesehen von den verschiedenen Besuchen in der Kirche, noch mindestens sechsmal "im Freien". Zweimal begab sie sich in die elterliche Scheune; außerdem weilte sie wiederholt im Pfarrhof und einmal in der Schule. Es ergibt sich die Frage: Hatte Therese an den leidensfreien Tagen nur deshalb keinen Harndrang, weil es ihr möglich war, außerhalb des Hauses Wasser zu lassen, ohne daß es bemerkt wurde?

Die Angaben erregen auch sonst Bedenken, wenn man die Berichte eingehender studiert. Da ist einmal die Tatsache, daß Therese überraschend oft Harndrang verspürt hat, wenn sie unter Beobachtung stand; zum andern die Behauptung, dieser Harndrang habe ihr große Pein bereitet. Dazu kommt, daß dies ausgerechnet während der Freitagsekstasen der Fall war und daß dann nicht bloß für kurze, sondern offenbar für lange Zeit und immer wieder die Bettschüssel benötigt wurde. Das war an zwei Freitagen im Jahr 1926 der Fall, als Pfarrer Leopold Witt anwesend war: Das erste Mal wird zusätzlich bemerkt, Therese leide an heftigen Leibschmerzen; das andere Mal erschien die Mutter "während einer Unterbrechung der Schauungen" und fragte ihre Tochter, ob sie nicht die Leibschüssel brauche. Weil sich die Besucher nicht entfernten, sprach die Mutter nach etwa fünf Minuten etwas entschiedener wieder von der Leibschüssel. Natürlich wurde jedesmal, wenn die Leibschüssel verlangt wurde, das Zimmer von den Besuchern geräumt (3).

Am Freitag, dem 7. Oktober 1927, war Frl. Cäcilie Isenkrahe in Konnersreuth und beobachtete:

"Sie hat meist während der Ekstasen starken Schweiß- und Harndrang, aber nur selten kommt ein Tröpfchen." Und: "Auch von starkem Harndrang wird sie bei dieser Gelegenheit gequält, aber trotzdem sie in den vielen Zwischenpausen zwischen den Schauungen öfter versucht, Harn zu lassen, geht keiner ab oder kaum etwas Nennenswertes." (4)

Genauso war es am Freitag, dem 23. März 1928, in Gegenwart der bischöflichen Kommission; auch jetzt brauchte Therese Neumann die Leibschüssel. Acht Tage später erleben die anwesenden Herren Gemelli, Reichenberger und Höfner das gleiche. Um acht Uhr verlangt Therese die Leibschüssel. Erst um 8.15 Uhr durfte Höfner das Zimmer wieder betreten; in der Zwischenzeit hörte er immer "das Wimmern und Stöhnen". Als er das Zimmer betrat, tat die Mutter schnell die Leibschüssel weg.

Um 9.48 Uhr verspürt Therese wieder Harndrang und verlangt die Leibschüssel; wieder müssen die Herren das Zimmer verlassen. Dann dürfen die Beobachter wieder kommen; aber da setzt eine Vision ein, so daß die Mutter die Bettschüssel nicht mehr entfernen konnte. Später räumt die Mutter die Bettschüssel weg, aber niemand darf Zeuge sein; alle werden vorher aufgefordert, sich zu entfernen.

P. Gemelli schreibt:

"Während der ,Ekstase' sind die Anwesenden oft aufgefordert worden, aus dem Zimmer zu gehen. Einmal, auf die Forderung des Herrn Pfarrers hin, war es genug, daß sie der Kranken den Rücken wandten. Ich weiß nicht, was während dieser Unterbrechungen geschah. Gewiß ist es, daß dieses Tatsache keinen guten Eindruck erweckt, wie Ewald schon bemerkt hat. Es ist nicht möglich, daß die Kranke so oft körperliche Bedürfnisse befriedigen mußte. Während solcher Unterbrechungen blieb die Kranke allein" (5)

Am Freitag, dem 23. März 1929, mußten alle, auch Bischof Kaspar auf Anweisung des Pfarrers das Zimmer verlassen "nur die Mutter trat ein, erschien jedoch sofort auf dem Gang. Resl blieb nur wenige Momente allein urinierte" (6).

Unsicher wie die Angaben über die Urinausscheidungen sind auch jene über die Stuhlentleerungen. Nach Cäcilie Isenkrahe ging im Jahr 1927 alle sechs Wochen ein wenig Schleim ab; Pfarrer Naber behauptet, seit September 1927 sei "alle Vierteljahre unter großen Schmerzen etwas Schleim aus den Gedärmen" abgegangen. Während der Beobachtungstage im Juli 1927 wurden keine Ausscheidungen festgestellt, aber in der zeit vom 17. Bis zum 26. Juli klagte Therese viermal über Stuhldrang (7). Es ist durchaus möglich, daß Therese währende der Beobachtungszeit keine festen Speisen zu sich genommen hat; darum gab es auch keine Stuhlentleerungen. Sie vermochte ohne weiteres die Fasttage durchzuhalten, wenn sie flüssige Nahrung zu sich genommen hat. Genausogut wie anderer "Nahrungslose", die als Betrüger entlarvt werden konnten, lange Zeit ihre Umgebung zu täuschen wußten, konnte dies auch Therese Neumann gelingen. Die entlarvten Betrügerinnen, von denen noch die Rede sein wird, konnten erst überführt werden, als sie aus ihrer Umgebung entfernt worden waren.

Auch hier drängt sich eine Reihe von Fragen auf:

Therese Neumann soll seit Ende 1922 nichts mehr gegessen haben. Warum erfolgen weiterhin sieben Jahre hindurch bis 1930 Ausscheidungen?

Angeblich erfolgten von 1927 an Urinausscheidungen ungefähr alle vierzehn Tage; Darmentleerungen werden von Isenkrahe für alle sechs Wochen angegeben, Pfarrer Naher spricht sogar von einem Zeitraum eines Vierteljahres. Selbst wenn an den Angaben etwas Wahres wäre, warum dann der wiederholte Harndrang an aufeinanderfolgenden Freitagen? Wieso haben ausgerechnet Ekstasen am Freitag derartige Folgen?

Nicht einmal die Harnausscheidungen sind zu begreifen, da ja Therese an den Freitagen, wie es heißt, nicht bloß viel Blut verlor, sondern auch Flüssigkeit durch starken Schweißausbruch. Woher kommt das ausgeschiedene Wasser und wie wurde es ersetzt?

Warum darf kein einziges Mal an den Beobachtungen irgendein Besucher die Leibschüssel näher untersuchen? Warum wird sie so heimlich entfernt? Warum bluten gerade dann, nachdem die Leibschüssel untergelegt oder wenn sie entfernt worden war, die Wunden?

Ohne Zweifel hatte Therese Neumann nicht nur Ausscheidungen in dem behaupteten geringen Ausmaß. Einmal, schreibt Gerlich (8), lag Therese an Wassersucht erkrankt darnieder, wobei vor allem die Beine angeschwollen waren. Schließlich "ging in der Tat viel Wasser auf natürlichem Wege ab". Gerlich übernimmt die Aussagen der Stigmatisierten sowie deren Eltern und des Ortspfarrers. Wie sonst auch kann er sich bei seiner Angabe auf keine ärztliche Diagnose stützen. Es handelt sich gewiß nicht um ein organisches leiden, sondern um Beschwerden pathologischer Art. Im übrigen konnte die Menge Wasser nur ausgeschieden werden, weil sie vorher getrunken worden war.

Die Stigmatisierte von Konnersreuth ertrug es keineswegs gleichgültig, wie die Leute über sie urteilten. So war es ihr auch ein Anliegen, daß geglaubt wurde, sie nehme weder Speise noch Trank zu sich. Dieser Gedanke verfolgte sie selbst noch in ihren Ekstasen. An einem Freitag, an dem der Bischof von Regensburg mit mehreren Gelehrten in Konnersreuth weilte, redete Therese über mancherlei Dinge; dabei kam sie auch auf ihre Nahrungslosigkeit zu sprechen: "Da meinen sie (die Leute), in diesem (halbwachen) Zustand esse ich." (9)

Therese Neumann hatte nicht bloß bis Ende 1929 Ausscheidungen, sondern auch, wie jeder Mensch der ißt und trinkt, in allen Jahren ihres Lebens. Am 21. und 22. August 1952 machte Dr. Hans Stubbemann aus Koblenz mit zwei Begleitern, darunter Abbé Adolphe Stickens, einem Priester aus Brüssel, einen Besuch in Konnersreuth. Darüber berichtete er am 20. Juni 1953 dem Bischof von Regensburg. Stubbemann hatte in Konnersreuth eine längere Unterredung mit dem Ortspfarrer; dabei kam auch die Rede auf die angebliche Nahrungs- und Ausscheidungslosigkeit der Stigmatisierten. Dr. Stubbemann berichtet:

"Auf die weitere (ihm unvermutet gestellte) Frage, was er davon halte, daß Therese Neumann erklärt habe: Obwohl sie nichts zu sich nehme, habe sie Ausscheidungen wie ein normal sich ernährender Mensch und auch diese Tatsache (der Ausscheidungen) erkläre sie als ein Wunder, erwiderte der Pfarrer nur ausweichend, über Therese Neumann sei schon viel geschrieben worden. Auf die Frage selbst ging er nicht ein (ohne im übrigen über die Fragestellung selbst indigniert zu sein; wir glaubten allerdings eine gewisse Unruhe, eine Art von Überraschungsschock über die inquisitorische Frageweise bei ihm feststellen zu können)."

Noch deutlicher war die Reaktion auf eine entsprechende Frage, welche Dr. Stubbemann einem Bruder der Stigmatisierten, in Gegenwart seines Vaters, stellte:

"Als Sprecher stellte ich dem Bruder ... Fragen. Als ich ihn ebenfalls plötzlich, für ihn völlig unerwartet, ,festnagelte': Was er dazu sage, daß seine Schwester das Vorhandensein von Fäkalien trotz Nahrungslosigkeit für ein Wunder erklärt habe, wich er (Nun waren wir die Überraschten!), sich verfärbend, mit erschrockener Miene, rückwärts durch den großen Raum bis zur entgegengesetzten Wand (,wie ein Ertappter') zurück, ohne noch ein Wort herauszubringen. Abbé Stickens und Monsieur Boucassot erklärten beim Verlassen des Hauses spontan, der Mann habe eindeutig unter dem Zeichen der Lüge gestanden." (10)

3. Überwachung im Jahr 1927

Wenden wir uns der wichtigen Frage zu: Ist die Nahrungslosigkeit im Falle Konnersreuth so einwandfrei nachgewiesen worden, daß kein vernünftiger Zweifel offen bleibt? Man muß die Frage verneinen. Gegen einen unanfechtbaren Nachweis hat sich merkwürdigerweise der Kreis um Konnersreuth von Anfang in und mit allen Kräften gesträubt.

Es ist begreiflich, in welche Verlegenheit Therese kam, als eine Untersuchung angeregt wurde. Einer Freundin gegenüber klagt sie am 13. Oktober 926 ihr großes Leid (1), es stünde ihr besonders Schweres bevor, worüber sie "hübsch traurig" sei: sie solle in ein Krankenhaus zur Untersuchung und Beobachtung. Das sei schrecklich und so hart.

"Ach wenn man nur Gottes Willen erkennen würde, auch in diesem Fall. Schreib aber Deinem Vater nichts davon, damit die Konnersreuther vorher nichts wissen, damit kein rechter Aufruhr entsteht; denn sie wollen alle nicht, daß ich fortkomme."

Merkwürdig, daß Therese nicht darüber im klaren war, was Gottes Wille verlangte, hat doch ihr sonst der "Heiland" so oft und regelmäßig seine Weisungen gegeben! Aber im Wunsch der oberhirtlichen Stelle vermochte sie den göttlichen Willen nicht zu erkennen!

Die Versuche, die Zustimmung für eine Beobachtung in einem Krankenhaus oder in einer Klinik zu erhalten, sind samt und sonders gescheitert. Seit Herbstbeginn 1926 bemühte sich das Ordinariat von Regensburg, vom Vater die Zustimmung zu bekommen. "Wir haben seit einem Jahre", schreibt Domdekan Kiefl am 4. September 1927, "alles aufgeboten, ihn dazu zu bewegen. Es ist alles umsonst." (2)

Einen letzten Versuch unternahmen im Auftrag des Bischofs am 2. und 3. Juni 1927 drei Regensburger Domherren. Sie wollten wenigstens erreichen, daß sich Therese ins Krankenhaus von Waldsassen begebe, wo sie sich acht Jahre zuvor mehrere Wochen lang aufgehalten hatte. Der dortige Chefarzt Dr. Seidl war Hausarzt im Neumann-Haus und seit seiner Schulzeit ein Duzfreund von Pfarrer Naber. Es war nichts zu machen; der Vater hat die Zustimmung verweigert. Als Hauptgrund wird angegeben "unüberwindliches Mißtrauen gegen Ärzte, Krankenschwestern und weltliche Krankenpflegerinnen; er befürchtet für die Tochter, sobald er sie in ein Krankenhaus entlassen haben würde, Untersuchungen zur Pein ihres Zartgefühls, Eingriffe zur Qual ihrer gesteigerten Sinnesempfindlichkeit, Arzneien von einer für ihre Konstitution allzu scharfen Wirksamkeit". Die bischöflichen Abgesandten mußten sich schließlich damit zufrieden geben, daß der Vater eine vierzehntägige Beobachtung im Elternhaus, wenn auch äußerst widerwillig und unter bestimmten Bedingungen, zugestanden hat.

Dr. Seidl von Waldsassen bekam den Auftrag, die Beobachtung zu beaufsichtigen. Dr. Ewald, Professor für Psychiatrie in Erlangen, wurde mit Erlaubnis des Ordinariates zugezogen, und war am 28. und 29. Juli anwesend. Zur Beobachtung waren vier Mallersdorfer Schwestern abgeordnete die eine nicht leichte Aufgabe zu erfüllen hatten. Die Behandlung, die sie erfuhren, nicht bloß von seiten der Familie Neumann, war alles andere als liebevoll. Pfarrer Naber zeigte ihnen zur rechten Zeit seine Abneigung. Bereits am 18. Juli rief Therese in einem fünf Seiten langen "eindringlichen Klagebrief" Prof. Wutz um Hilfe herbei. Kaum war dieser in Konnersreuth angekommen, da brachten ihm Therese und der Pfarrer "konkrete Klagen" vor. Zudem waren die vier Schwestern einfach überfordert; nicht bloß zufällig ist eine der Schwestern am Ende der vierzehn Tage zusammengebrochen. Keinen Tag länger als notwendig sind sie geblieben, obwohl ihnen das freigestellt worden war.

Das Amtsblatt für die Diözese Regensburg, Jahrgang 1927, Nr. 10, nahm zu der Überwachung im Elternhaus folgende Stellung:

"Der umfangreiche eingehende Bericht des Herrn Sanitätsrats Dr. Seidl mit einem Passus aus der Hand des Universitätsprofessors Dr. Ewald nötigt in Verbindung mit 2 Gruppentagebüchern der 4 Schwestern zu der Überzeugung, daß eine ursprünglich angestrebte, aber nicht durchführbar gewesene Beobachtung in einem Spitale oder in einer Klinik auch keinen besseren Erfolg hätte bringen können."

In der Nummer 12 desselben Amtsblattes folgte dann allerdings eine Einschränkung insofern, als hinzugefügt werden mußte:

"Hierzu bemerken wir noch ausdrücklich, daß Dr. Ewald unserer Überzeugung, es hätte die Beobachtung in einer Klinik auch keinen besseren Erfolg bringen können, als die stattgefundene, nicht beipflichtet."

Als Ergebnis glaubt das Amtsblatt festhalten zu können:

"Es fand nicht die geringste Nahrungsaufnahme statt."

Das war ein sehr voreiliges Urteil.

Hat die Beobachtung im Elternhaus den Tatbestand der Nahrungslosigkeit tatsächlich einwandfrei bestätigt? Das kann man keinesfalls sagen, da viele Fehler nachzuweisen sind, die man hätte vermeiden müssen und die im Elternhaus gar nicht vermieden werden konnten (4).

  1. Die Ausscheidungen der Therese Neumann wurden nicht sofort an Ort und Stelle untersucht, Das wäre möglich gewesen, da eine der Schwestern Laboratoriumserfahrung hatte.

  2. Therese Neumann hat sich während der Beobachtungszeit frei bewegen können. Sie konnte in Schwesternbegleitung in die Kirche und auch anderswohin gehen, wie sie eben wollte. Sie hielt sich wiederholt stundenlang im Pfarrgarten auf. Dort empfing sie auch Besucher. Einmal kamen die Kinder des Waisenhauses Waldsassen; sie unterhielten Therese mit verschiedenen Spielen und mit Gesang. Einmal begab sie sich in die Scheune des Elternhauses "um Luft zu schöpfen". Ein andermal ging sie in den "angrenzenden Schuppen", angeblich um ein Buch zu suchen, in dem die Begebenheit bei den Geschwistern in Bethanien ausführlich berichtet würde. Man fragt sich unwillkürlich: Wozu wird ausgerechnet in einem Schuppen ein Buch aufbewahrt, wenn Therese doch angeblich nur ganz wenig gelesen hat?

  3. Die Familienangehörigen hatten ungehinderten Zutritt zum Zimmer der Stigmatisierten. Auch andere Personen kamen und gingen. Am ersten Beobachtungsfreitag beispielsweise wurden 756 Besucher gezählt, am zweiten waren es 790.

  4. Die Möglichkeit konnten auch die Schwestern nicht verneinen, trotz gewissenhafter Erfüllung ihrer Aufgabe.

"Die Beobachtung einer Person, die seit Jahren hysterisch war, erfordert Schwestern, die in der Beobachtung und Pflege von Nervenkranken, insbesondere von Hysterischen große Erfahrung hatten. Diese fehlte aber den betreffenden Schwestern in Konnersreuth. Es ist schon schwer, hinter die Ränke einer Hysterischen bei einer Beobachtung in einem gut geleiteten Krankenhaus zu kommen, umso mehr hier unter den ungünstigen Umständen in Konnersreuth und bei Schwestern, die nicht die genügende Erfahrung besitzen in der Überwachung Neurotischer."

  1. Die Kleider, die Therese getragen hat, wurden keiner Untersuchung unterzogen.

  2. Die Schwestern waren physisch und psychisch überfordert. jede Schwester hatte täglich zwölf Stunden über vierzehn Tage hin zu beobachten, einschließlich jener Verpflichtungen, die sie nicht vernachlässigen wollten.

  3. Man hat diesen Schwestern überdies ihre Aufgabe sehr erschwert. Sie fanden auf seiten der Familie Neumann, und nicht bloß bei ihr, eine geradezu feindselige Stimmung vor. Das zeigt sich schon, um nur ein Beispiel anzuführen, in der Art wie sie untergebracht worden waren, obwohl entsprechende und störungsfreie Zimmer zur Verfügung gestanden hätten, z. B. im Pfarrhof. Gerlich behaupteten, die Schwestern hätten sich Verfehlungen zuschulden kommen lassen, die für geschulte Krankenschwestern unerhört seien. Er behauptet das, um den Konnersreuther Kreis in Schutz zu nehmen. Aber Gerlichs Vorwurf ist in dieser Form völlig unberechtigt. Er hat vor allem den heftigen Zusammenstoß zwischen den Schwestern und dem engeren Konnersreuther Kreis im Auge, von dem bereits die Rede war. Im übrigen, falls der Vorwurf Gerlichs richtig wäre, hätte er damit nur bewiesen, daß die Beobachtung nicht exakt genug erfolgt ist. Gerlich stützt sich natürlich auf die Anschuldigungen, die die Familie Neumann vorgebracht hat, nicht zuletzt Therese selber. Die angedeutete Szene ist bezeichnend und paßt ganz in das Bild der Hysterie.

"Es ist ja bekannt, daß Hysterische, sobald sie sich in ihrem Interessenkreis bedroht glauben, und sie die Entlarvung befürchten, sofort feindselig werden und vor den schlimmsten Anschuldigungen ihrer Gegner nicht zurückschrecken."

Ein Wort von Dr. Deutsch, dessen Wahrheit bestätigt zu finden wir wiederholt Gelegenheit haben.

  1. Zu einer exakten Untersuchung hätte gehört, daß Therese Neumann jeden Tag am Morgen und am Abend, und das nicht in der vollen Kleidung, gewogen worden wäre. Aber dies wurde nicht gestattet.

"Eine Wägung zum Beispiel wurde verweigert, wozu das Bischöfl. Ordinariat die Erlaubnis gegeben hätte. Auch wurde der überwachende Arzt nicht ohne weiteres zu Therese gelassen. Einmal, als er des Nachts kam, verlangte der Vater Theresens seinen Erlaubnisschein."

Dazu die Stellungnahme von Dr. Deutsch:

"Man fragt sich unwillkürlich: War zur Zeit, als Dr. Seidl kam, und als die Wägung vorgenommen werden sollte, vielleicht irgend etwas zu verheimlichen?" (6)

Dazu muß man auf Grund des entsprechenden Eintrags im Gruppen-Tagebuch schließen, daß während der erwähnten Begebenheit Therese allein im Zimmer blieb. Es heißt dort: "Wir ... wollten schnell hinunter." Die Haustür war verschlossen und der Vater Ferdinand Neumann mußte erst geholt werden. Der Eintrag lautet: "Wir mußten erst H. Neumann wecken."

  1. Therese Neumann selber hat den Schwestern ihre Aufgabe gewiß nicht leichter gemacht. Ewald schildert in seinem Bericht jene eigenartige Szene, da Therese plötzlich über schreckliche Schmerzen verschiedener Art zu jammern anfängt. Dann verkündigt sie, sie müsse leiden für die vier Schwestern, "die sich der großen Aufgabe, die ihnen zuteil geworden, nicht würdig zeigten". Hat diese Unwürdigkeit vielleicht darin bestanden, daß sie gegen ihren Willen abkommandiert worden und nun ihre Pflicht zu erfüllen bedacht waren? Oder macht ihnen Therese den Vorwurf, sie hätten ihre Pflicht nicht gewissenhaft genug erfüllt? Diesen Vorwurf konnte man den Schwestern sicherlich nicht machen. Man wird an den Vorwurf erinnert, den Therese Neumann jenen Beobachtern gemacht hat, vor allem Ärzten und Theologen, die nicht ohne weiteres den Versicherungen glaubten. Von ihnen sagte sie, sie meinten es nicht ernst.

  2. Gerlich nimmt an einem weiteren "Fehler" Anstoß (7). Die Schwestern hätten einmal eine Ätherflasche offen stehen lassen; deswegen habe sich bei Therese ein Erstickungsanfall eingestellt. Daraufhin sei es zu einem Zusammenstoß gekommen. Was soll man dazu sagen? Therese hatte oft und oft "Erstickungsanfälle", auch ohne Ätherflasche. Wem wurden dann Vorwürfe gemacht? Wenn eine Ätherflasche eine derart schlimme Wirkung erzeugt, dann kämen die Ärzte und ihre Helfer im Operationssaal aus den Erstickungsanfällen nicht mehr heraus. Eine offene Ätherflasche ist eine Kleinigkeit. Wer "Leidensbraut" und "Leidensblume" sein will, darf deswegen keine feindselige Skandalszene aufziehen. Im übrigen ist Gerlichs Vorwurf unberechtigt. Die Schwestern hatten keine Ätherflasche offen stehen lassen. Sie hatten lediglich mit Äther Objektträger gereinigt. Im Gruppen-Tagebuch der Schwestern heißt es:

"Wir machten es am offenen Fenster; es waren nur einige Tropfen und man hätte meinen können, daß es nicht der Rede wert sei. Frl. Neumann konnte aber den Äther nicht vertragen und bekam Brechreiz, Obwohl ich es schon zweimal gemacht hatte und Frl. Neumann nichts davon merkte. ... In den Pausen zwischen den Ekstasen kommt dann Frl. Neumann immer wieder auf den Äthergeruch zurück; als H. Pfarrer Naber nach zwei Stunden kam, erzählte sie es ihm auch gleich." Der Äthergeruch soll auf Therese so sehr unangenehm eingewirkt haben, "daß sie wegen des schlechten Geruchs nicht einmal mehr dem Heiland auf dem weiteren Weg habe folgen wollen". Dazu meint Dr. Seidl: "Nun ist diese Bemerkung insofern nicht ganz belanglos, als es mir doch merkwürdig erscheint, daß ein Geruch auf Theresia Neumann während der Ekstase so sehr einwirken könne, daß er sogar in die ekstatischen Zustände noch hineinwirke." (8)

Dr. Ewald veröffentlichte die Eindrücke, die er in Konnersreuth gewonnen hatte, in der "Münchener medizinischen Wochenschrift" (9). Während er von einem "mäßigen Hungergeruch aus dem Munde" spricht, den er wahrgenommen habe, sagt Dr. Lemke, der im Oktober 1927 an vier Tagen Therese aufgesucht hat: "Es fehlt der spezifische Hungergeruch nach Fasten."

Auch P. Gemelli hat im Jahr darauf nichts davon wahrgenommen. Er sagt:

"Ich habe mit besonderer Aufmerksamkeit festzustellen versucht, ob der Hungergeruch wahrzunehmen war, den Ewald in seinem bekannten Bericht erwähnt, aber ich habe ihn nicht wahrgenommen." (10)

Schließlich hat ja auch Therese während der Beobachtungszeit wirklich gefastet.

Große Bedenken und Zweifel erregt das Ergebnis der chemischen Harnanalyse vom 15., vom 21. Bis 23., vom 30. Juli und vom 5. August. Am 15. Juli wurde zu verschiedenen Zeiten Urin in der Gesamtmenge von 345 ccm ausgeschieden. Er wird als Hungerurin bezeichnet; das Beweist die starke Azetonreaktion (+++) und Reaktion an Azetessigsäure". Die Menge des untersuchten Urins vom 21. Und 23. Juli betrug 180 ccm. In den Gruppen-Tagebüchern ist für diese Zeit nur von zweimaligem Urinabgang die Rede, und zwar in einer Menge von 80 ccm; es wurde bereits darauf hingewiesen, daß vielleicht eine Eintrag vergessen wurde. Auch die zweite Untersuchung stellte Hungerurin fest, wenn auch nicht mehr so klar wie vorher ("Azeton ++, Azetessigsäure Spur"). Die weiteren Proben stammen aus der Zeit nach der Überwachung, Der Urin wird jetzt als normal bezeichnet, das heißt, die chemische Analyse entspricht dem Urin von Menschen, die normal Nahrung zu sich nehmen (29. und 30. Juli: "Azeton und Azetessigsäure Spuren"; 5. August: "Azeton und Azetessigsäure völlig negative")

Im Blick auf die chemische Harnanalyse schrieb Dr. Heermann am 10. Oktober 1929 an den Bischof von Regensburg:

"Seit 50 Jahren kontrolliert man bei wissenschaftlichen Hungerversuchen die Versuchsperson in erster Linie nach dem Urinbefund. Steigt plötzlich bei einer Versuchsperson der Chloridgehalt des Harns, und verschwindet gleichzeitig das Aceton und die Säurereaktion, so schickt man die Versuchsperson fort, da mit absoluter Sicherheit bewiesen ist, daß sie schwindelt. Bei Therese Neumann waren die Symptome genau die gleichen: Während der Beobachtung ausgesprochener Hungerurin, nach der Beobachtung völlig normaler Urin. Warum soll man nun hier nicht mit derselben Sicherheit dasselbe vermuten?" (11)

Auf die im Jahr 1927 vorgenommene Harnanalyse kommt Dr. Heermann nochmals in seinem Brief vom 30. Januar 1933 an den Bischof von Regensburg zu sprechen:

"Der Kochsalzgehalt der beiden ersten Urinproben von Therese Neumann war schon für einen Hungernden recht hoch: 0,65% und 0,84%. Daraus könnte man schon schließen, daß das Hungern vor der Urinentleerung 12 Tage gedauert hätte. Dafür spricht auch der hohe Stickstoffgehalt, 1,28% und 2,24%, der nur beim Beginn des Hungerns beobachtet wird. ... Dagegen ist der Gehalt der vierten Urinprobe an Kochsalz mit 1,08% bei der stärkeren Verdünnung des Urins (geringeres spez. Gew.) so hoch, daß er mit gänzlicher Enthaltung von Speis und Trank völlig unvereinbar ist. Überdies ist die absolute Gewißheit, daß bei Therese Neumann wirklich die gesamte Urinmenge gemessen wurde, doch nur für die Zeit vorhanden, wo sie sich in ihrem Zimmer und in ihrem Bett aufhielt, also am Freitag, woher auch alle Proben stammen." (12)

Nach Abschluß der Beobachtung war verlangt worden, Therese Neumann solle von nun an regelmäßig ihre Urinproben und anderen Ausscheidungen zur Verfügung stellen.

"Allein die Familie Neumann hat nicht ein einziges Mal wieder Urin herausgegeben, trotz dringender Vorstellung. Im Frühjahr 1929 versuchte Prof. Kern aus Bonn nochmals nachdrücklich, den Urin der Stigmatisierten zur Untersuchung zu bekommen. Er wurde abgewiesen."

Schließlich begegnete man allen derartigen Forderungen mit der neuen Erklärung, die Ausscheidungen von Urin und Stuhl hätten aufgehört. Damit hatte man glücklich auch diese gefährliche Klippe umschifft.

Die Zeitangabe für die Beendigung der Ausscheidungen ist nicht einhellig. In einem Brief vom 20. November 1929, den Prälat Geiger an Dr. Heermann schrieb (14), heißt es:

"Seit fast einem halben Jahr finden keinerlei Urinausscheidungen mehr statt, ... Darmausscheidungen kommen seit noch viel längerer Zeit als einem halben Jahr gar nicht mehr vor, auch kein Reiz oder Zwang." Geiger erklärt, er habe sich erst drei Tage zuvor unmittelbar in Konnersreuth über die "Stoffwechseltatsachen" erkundigt; er nennt das Ergebnis "ein Resultat, für dessen Glaubwürdigkeit und Richtigkeit ich jedwede Garantie übernehme".

So ganz zuverlässig ist jedoch Geigers Garantie doch nicht; er schreibt beispielsweise einmal, er sei nie Vertreter der Familie Neumann und nicht in ihre Verhältnisse eingeweiht gewesen. Ein andermal versichert er: "Durch die Vertrautheit mit den Personen und Verhältnissen in Konnersreuth" stehe für ihn die Nahrungslosigkeit der Therese Neumann absolut fest. Die erste Versicherung gab er im Jahr 1932 in einem Brief ab; den zweiten Satz schrieb er vier Jahre vorher an Prof. Martini (15). Kaplan Fahsel gibt einen späteren Termin als Geiger an (16). "Seit September 1930 hat auch jede Ausscheidung aufgehört." Diese Angabe stimmt eher mit der eidlichen Versicherung der Therese Neumann überein, seit Anfang der dreißiger Jahre hätten die Urinausscheidungen aufgehört.

Während der 14 Tage wurde ein paarmal das Körpergewicht der Stigmatisierten geprüft. Dieses betrug am 13. Juli 55 kg und am 16. Juli 51 kg. Das bedeutet eine Gewichtsabnahme vom ersten Mittwoch bis Samstag um 4 kg. Am 20. Juli ergab sich ein Gewicht von 54 kg; Therese hatte also vom Samstag bis zum zweiten Mittwoch 3 kg zugenommen. Das nächste Mal-, wurde das Gewicht geprüft am 23. Juli; es betrug 52,5 kg. Das bedeutet vom zweiten Mittwoch bis Samstag eine Abnahme von 1½ kg. Am 28. Juli wurde wieder das Anfangsgewicht von 55 kg erreicht, also vom Samstag bis zum Ende der Beobachtungszeit.

Auch diese Gewichtsunterschiede lassen sich erklären:

"Wenn man indes erfährt, daß Therese Neumann stets in vollem bis auf die Ferse reichenden Faltenkleid, nur ohne Schuhe gewogen worden ist, so kann man die Sache auch natürlich erklären. Einen Eid über das Reingewicht der Therese Neumann können die vier Schwestern jedenfalls nicht ablegen." (17)

Unter diesen Umständen können Täuschungsmöglichkeiten nicht ausgeschlossen werden. Auffallend ist auch, daß Therese am Samstag jeweils vollkommen erholt und frisch aussah, wo sie doch noch kein Gramm des Gewichtsverlustes der vorhergehenden Tage hätte aufgeholt haben können.

Wenn Fahsel jedoch behaupte (18), Therese Neumann habe jeweils am Samstag oder Sonntag nach den Leidensvisionen wieder ihr volles Gewicht erreicht, so stimmt das mit den Erfahrungen während der Beobachtungszeit nicht überein. Die Zunahme wurde erst zwei bis drei Tage später festgestellt. Die Prüfung des Gewichts hätte eben täglich vorgenommen werden müssen.

Im Februar 1918, also kurz vor Thereses Unfall, betrug ihr Gewicht 73,5 kg. Infolge der verschiedenen Krankheitszustände magerte sie ab; im Sommer 1927 wog sie nur mehr, und zwar mit Kleidern, 55 kg. In den späteren Jahren nahm ihr Gewicht ganz beträchtlich zu. Mehr und mehr näherte sie sich der Gestalt ihrer Mutter, die Gerlich als "ausgesprochen korpulent" bezeichnet (19). Rößler sagte eines Tages zu Therese im Scherz:

"Wenn man bedenkt, daß Sie niemals essen, muß man sich wundem, wie gut Sie aussehen." Lachend gab sie zur Antwort: "Ja, sagen S' nur: I bin dick. Wissen S', der liebe Gott macht nix halb." (20) Es ist erstaunlich, daß Nahrungslosigkeit sich so auszuwirken vermag.

Der zweite Arzt, der während der Beobachtungszeit neben Dr. Seidl vorübergehend anwesend war, Dr. Ewald, sieht die Überwachung nicht als einwandfrei an. Vor allem das Ergebnis der Urinuntersuchungen zwang ihn zur Überzeugung, daß Therese Neumann wesentlich mehr Urin ausgeschieden hat, als untersucht werden konnte, und daß sie bloß in der ersten Zeit der Überwachung ausgiebig gefastet hat. Er sagt:

"Angesichts dieser Tatsachen kann ich trotz aller Anerkennung der offenbar ehrlichen Bemühungen exaktester Beobachtung von allen Seiten nicht über den Eindruck hinweg, daß hier irgendetwas nicht stimmt. Ich selbst habe bei Annahme, daß die Beobachtung wirklich streng durchgeführt wurde, ein Loch in der Beobachtungsanordnung zwar nicht entdecken können; aber es muß noch ein solches vorhanden sein, es kann den Schwestern innerhalb des Konnersreuther Milieus so gut entgangen sein wie mir."

Ewald wiederholte darum seine schon früher geäußerte Forderung: Einweisung in eine Klinik

Im Hintergrund der Auseinandersetzung um die Konnersreuther Frage hat sich späterhin Dr. Seidl gehalten. Als Grund dafür gab er Dr. Deutsch gegenüber an (21), er habe den ihm übertragenen Auftrag als officium nobile betrachtet und habe ihn nicht ausschlachten wollen. Er sei sich aber der Unzulänglichkeit einer Beobachtung im Elternhaus wohl bewußt gewesen; darum habe er immer wieder auf eine klinische Beobachtung gedrängt. Da er den Karren nicht habe weiterzuschieben vermocht sei er im Laufe der Zeit an Konnersreuth ziemlich desinteressiert geworden.

Schon bevor Prof. Ewald seinen Bericht veröffentlicht hatte muß Therese Neumann von seinen Zweifeln erfahren haben worüber sie sich sehr enttäuscht, ja tief empört zeigt. Sie brachte ihren Zorn in einem Brief vom 25. Oktober 1927 an Prof. Wutz in Eichstätt zum Ausdruck. Dieser Brief ist äußerst aufschlußreich. Unter anderem heißt es darin:

"Da ich überzeugt bin, daß Sie von dem, was der lb. Heiland an mir und durch mich Armselige wirkt, eine klares Bild und den rechten Begriff davon haben, so will ich Ihnen schreiben, was ich auf dem Herzen habe und mir weh tut, weil es dem lb. Heiland nicht gefällt, ganz gewiß nicht. ... Ja, wenn die Wissenschaft noch so dagegen arbeitet und gescheiter sein will als der lb. Heiland selbst, sie müssen am Ende doch zugeben, daß sie aus sich nichts wissen. Sie wissen ja, daß ich von so übergescheiten, die alles nach dem Verstand erklären wollen und nicht bedenken, daß der lb. Heiland über ihnen steht, nicht viel wissen mag. Die kommen mir genauso vor, wie die elenden, stolzen Pharisäer, die ich immer am Freitag sehe und vor denen ich solch großen Abscheu und Ekel habe. Ja, es kommen oft ganz gute, vernünftige Ärzte, wie gleich gestern Einer bei mir war. Ich denke halt, die wahre Wissenschaft sollte zum lb. Gott führen, aber es ist meistens das Gegenteil. Wenn ich an das denke, was ich erst kürzlich erlebt und was auch der Anlaß meines Schreibens ist, so kann und darf ich das ruhig sagen. Solch eine Unehrlichkeit und der Hochmut dazu. Kam letzthin Herr Sanitätsrat Dr. Seidl nach langer Zeit wieder mal zu mir und wir redeten verschiedenes, woraus ich erkannte, wie gewissenlos in dem, was der lb. Heiland tut, gehandelt wird. Wenn ich auch nicht so gescheit bin, so kenne ich trotzdem ein, wie es zugeht. Herrn Professor Ewald schätzte ich anfänglich höher, sonst hätte ich ihm kein Vertrauen geschenkt. ... Und das heißt man Wissenschaft? Da ist ein altes Mutterl, das nichts wissen will, doch viel gescheiter. ... Da bin ja ich, wo ich mir nicht helfen kann dann doch schon fester und nicht so wankelig. ... Ich sagte dem Dr. Seidl viel und offen meine Meinung. Ich bin nicht bös mit ihm und verzeihe ihm, aber zu tun möchte ich so wenig wie möglich haben, wenn es nicht direkt sein muß, wie damals, als mich das Ordinariat nötigte. Da weiß ich, was ich durchmachte und jetzt soll es umsonst sein? ... Und wenn es heute heißt, ich soll fort in eine Klinik, so ist es mir recht. ... Aber der Vater sagt, er lasse mich nicht fort. ... Ich meine halt und weiß ganz bestimmt, daß der lb. Heiland mich auch nicht leiden läßt, daß die stolze Wissenschaft daran zu deuteln und zu nörgeln hat und doch nicht erklären kann. Nicht eine Seele kommt ihm dadurch näher, denn da müßte der lb. Heiland und die Apostel früher ein ganzes Regiment Wissenschaftler um sich gehabt haben. Aber die waren doch nicht notwendig und der lb. Heiland ist heute der gleiche wie früher. ... Ich weiß nicht, wie die Herren, die mich immer nur quälen wollen, wie die Ärzte, was doch keinen Wert hat so wenig begreifen können, daß der lb. Gott mehr kann, als sie verstehen. ..." (22)

Es ist unvorstellbar, daß das die Sprache eines von Gott besonders auserwählten Menschen sein könnte.

4. Aufforderung zur Überwachung in einer Klinik

a) Aufforderung durch die bayerischen Bischöfe

Der eben zitierte Brief der Stigmatisierten offenbart, daß die Beobachtung im Elternhaus nicht die vom Konnersreuther Kreis erwartete Anerkennung gefunden hat. Neben Dr. Ewald hat auch Dr. Seidl bei der Familie Neumann und beim Ortspfarrer Unwillen erregt, eine Tatsache, die immer wieder in den Briefen, die Therese und ihr Vater geschrieben haben, registriert wird. Auf Ersuchen des Bischöflichen Ordinariats hatte Dr. Seidl im Oktober 1926 den Pfarrer von Konnersreuth aufgesucht, um mit ihm über die geplante Beobachtung im Krankenhaus Waldsassen zu verhandeln. Ohne jede Veranlassung wurde der Pfarrer "sehr heftig" und machte dem Arzt "in aufgeregtem Tone", den Vorwurf, er habe durch seine Hysteriediagnose schon sehr viel geschadet. Daraufhin hat Dr. Seidl fünf Monate lang Therese Neumann nicht mehr besucht, bis er hörte, daß ihr Gesundheitszustand zu Befürchtungen Anlaß gebe (1). Feindselige Stimmung bekam Dr. Seidl auch während der Beobachtungszeit zu spüren. Daß Therese auf den Arzt nicht gut zu sprechen war, zeigt eine aufschlußreiche Szene am 20. Juli (2). Sie hielt sich gerade im Pfarrgarten auf. Kurz nach 17 Uhr erinnerten sie die Schwestern: "Theres, wir müssen jetzt heimgehen, der Herr Sanitätsrat kommt." Sie erwiderte "heftig": "Der soll zu mir kommen, wenn er was will; ich hab ihn nicht verlangt." Der Pfarrer stimmte ihr bei.

Ein andermal hatte Dr. Seidl mit dem Pfarrer eine stürmische Unterredung, worauf die Entfremdung sich noch vertiefte. Es ging um die Frage einer klinischen Überwachung. Allen Einwänden des Arztes glaubte der Pfarrer mit der Begründung begegnen zu können:

"Therese ist eine Heilige; wer die Wundmale und die Ekstasen sehe und dann noch zweifle, dem sei auch mit der genauesten Beobachtung nicht zu helfen."

Eine exakte Beobachtung anzustellen, wurde dem Arzt unmöglich gemacht. ja die Entfremdung ging so weit, daß er das Pfarrhaus nicht mehr betrat (3). Zwar erklärte er, auf Grund der moralischen Eigenschaften der Therese Neumann habe er keinen Grund, nicht an ihre Nahrungslosigkeit zu glauben, aber, so versicherte er, stützen könne er seine Ansicht durch den Befund des nach der Überwachung entleerten Urins nicht. Darum forderte er immer und immer wieder die Herausgabe von Urinproben. Im Brief vom 15. November 1929 an den Bischof von Regensburg verlangte er, man möge Therese dazu bringen:

"Da ich die Untersuchung des Urins auf längere Zeit hinaus für notwendig und unerläßlich halte, habe ich bei jeder Gelegenheit Ew. Bisch. Gnaden gebeten, bei der Therese Neumann auf die Erlaubnis zur Untersuchung des Urins zu drängen. 2½ Jahre lang bemühte ich mich bei ihr darum. Sie verspricht mir wiederholt, den Urin zu schicken, ohne daß ich auch nur einmal ihn bekam. Allmählich vergeht mir die Lust, immer wieder vergeblich darum bitten zu sollen." Der Bischof möge, so schrieb Dr. Seidl, Therese Neumann "doch den Befehl" geben, daß für die nächsten Monate der gelassene Urin und Stuhl zur Verfügung gestellt werden müsse (4).

Die Reaktion der Familie Neumann auf das dauernde Drängen war sehr einfach: Man machte alle Versuche, Stuhl und Urin zu untersuchen, gegenstandslos, indem erklärt wurde, von nun an hätten alle Ausscheidungen aufgehört.

Schließlich wurde dem Hausarzt der Familie Neumann nur allzu deutlich gezeigt, daß er ein unerwünschter Gast geworden wir. Als er am 6. Oktober 1931 dem Wunsch des Bischofs entsprechend nach vorheriger Anmeldung seines Besuches erschien, hat ihn Therese nicht vorgelassen. Dr. Seidl nennt ihr Verhalten "mehr als Ungezogenheit" (5)

Die Forderung, Therese möge sich in eine Klinik begeben, wurde bald nach der Überwachung im Elternhaus erhoben. Der Bischof von Regensburg hatte dem Vater der Stigmatisierten den Wunsch der Freisinger Bischofskonferenz vom Jahr 1928 übermittelt, seine Tochter möge sich einer nochmaligen Untersuchung in einem katholischen Krankenhaus zur Verfügung stellen; größtmögliche Rücksichtnahme und Fernhaltung jeglichen Mißgriffes wurde zugesichert. Der Vater lehnte das Ansinnen unnachgiebig ab.

"Ich stehe", so schrieb er am 17. Oktober 1928 an den Bischof, "auf dem unerschütterlichen und festen Standpunkt, solange ich ein offenes Auge habe, daß ich meine Tochter niemals mehr herausgeben werde, selbst wenn sich die ganze Welt erheben werde. Leichter würde Eisen brechen als meine Gesinnung ändern."

Den gleichen Ton, nur um ein gut Stück gröber, schlug er zwei Jahre darauf an (6).

Auf die Stimmen, die eine Überwachung der Stigmatisierten in einer Klinik forderten, gab Pfarrer Naber zur Antwort:

"Der Heiland lehnt die Überspannung des Wissens ab, daher auch das Verlangen nach erneuter Beobachtung und Untersuchung." (7)

Auf die Ablehnung durch den "Heiland" hat man sich denn auch immer wieder berufen, um die Pflicht des Gehorsams der kirchlichen Autorität gegenüber aufzuwiegen.

Im Jahr 1932 verlangten schließlich die bayerischen Bischöfe mit allem Nachdruck eine erneute Überwachung, und zwar in einer Klinik. Nach Luise Rinser (8) soll Therese Neumann der Aufforderung der Bischöfe zugestimmt haben.

"Aber als es so weit war, wollte niemand für den Klinikaufenthalt bezahlen, weder die Kirche noch irgendeine wissenschaftliche Gesellschaft. Daß Theresens Eltern bezahlten, konnte man nicht wohl verlangen; denn sie waren arm. So ließ man die Sache fallen."

Aber diese Ansicht stimmt nicht. Weder Therese noch ihre Angehörigen waren einverstanden. Außer Luise Rinser spricht sonst niemand davon, daß die klinische Überwachung an der Kostenfrage gescheitert sei. Das Gegenteil entspricht der Wahrheit. Auf Anfrage teilte der Bischof von Regensburg am 1. April 1933 dem päpstlichen Nuntius in München mit, er habe sich angeboten, für die Kosten der von den Bischöfen geforderten Überwachung aufzukommen (9). Genauso wären der Familie Neumann keine Kosten entstanden, hätte sie bereits im Jahr 1927 ihre Zustimmung zu einer Überwachung in einer Klinik gegeben. Die Kostenfrage hätte überhaupt keine Rolle gespielt; denn schon die erste geplante Beobachtung im Krankenhaus zu Waldsassen hätte die Familie Neumann keinen Pfennig gekostet. Als am 26. Oktober 1926 das Bischöfliche Ordinariat den Sanitätsrat Dr. Seidl bat, er möge Therese Neumann zu einem freiwilligen Aufenthalt im Krankenhaus überreden, wurde ausdrücklich versichert: "Für die Kosten der Krankenhausbehandlung werden wir aufkommen." (10) Am 11. November 1927 erklärte sich Dr. v. Ehrenwall, der Leiter des Kurhauses Ahrweiler im Rheinland, dem Bischöflichen Ordinariat Regensburg gegenüber bereit, Therese Neumann auf eigene Kosten aufzunehmen (11). Weihbischof Hierl mußte dem Arzt antworten nach den bisherigen Erfahrungen werde sich die Familie Neumann "gänzlich ablehnend verhalten". Fast um dieselbe Zeit erbot sich der vom Erlanger Stadtpfarrer Weinig als gläubiger Katholik bezeichnete Prof. Dr. Hermann Wintz, Direktor der Universitäts-Frauenklinik in Erlangen, Therese Neumann "völlig unentgeltlich vier Wochen lang in seine Klinik aufzunehmen, jegliche Untersuchung ihr zu ersparen, nur katholische Ordensschwestern beizuziehen, im übrigen allen Wünschen des Ortspfarrers Rechnung zu tragen". Vom Regensburger Ordinariat wurde dem Professor der Rat gegeben, sein Angebot direkt der Familie Neumann vorzulegen; zugleich wurde betont, daß "die Eltern in ähnlicher Situation sich immer ablehnend verhielten" (12)

Jeder Versuch in dieser Richtung ist also gescheitert. Die Aufforderung der bayerischen Bischöfe lehnte Ferdinand Neumann am 17. Oktober 1932 rundweg ab (13). Der Brief an den Bischof ist nichts anderes als eine Zusammenstellung von unwahren Behauptungen und Anschuldigungen. So erklärt der Vater der Stigmatisierten unter anderem, der Generalvikar Dr. Scheglmann habe ihm seinerzeit versprochen, nach der Überwachung im Elternhaus werde bestimmt keine Untersuchung mehr verlangt werden; das könne er beeiden. Dann macht er den beobachtenden Schwestern den bekannten Vorwurf, sie hätten eine geöffnete Ätherflasche stehen lassen und so seiner Tochter geschadet. Weiter schreibt Neumann:

"Man hat mir damals die Wahl des Arzt, die doch jedem frei steht, nicht gewährt und einfach Dr. Seidl geschickt, ohne mich zu fragen, ob ich wegen seines Verhaltens während ihrer langen früheren Krankheit noch zu ihm Vertrauen habe. Ich wir damals sehr zornig, als Dr. Seidl damals nachts 12 Uhr ohne mein Vorwissen mit Hilfe der Schwestern im Haus einzudringen suchte. Die Schwestern hat man mir ohne meine Erlaubnis ins Haus geschickt. Man hatte versprochen, nur die Nahrungslosigkeit beobachten zu wollen, hat aber dann Blut entnommen durch Einschnitte in die Ohren, welche von Zeit zu Zeit wieder aufbrechen. ... Man hat mir z.B. auch erzählt, daß die Schwestern im Protokoll die Erklärung abgegeben haben, die Therese bete fast nichts. Meine Tochter hat sich damals bitter beklagt, daß sie nicht eine Sekunde allein mit dem Heiland reden konnten denn die ganze Nacht hindurch war sie hell beleuchtet und da sie sich gegen die Wand kehrte, beleuchtet man sie jede Minute mit der Taschenlampe ins Gesicht."

Mit dem naiven Argument, die Blutentnahme aus einem Ohr habe wiederholt zu späteren Beschwerden geführt , arbeitet der Vater auch sonst. Im Brief vom 17. Dezember 1936 an den Bischof (14) bezeichnet er die beobachtenden Schwester als "meineidig"; sie hätten nämlich seine Tochter "ins Ohr geschnitten und eine Blutprobe entnommen"; das Ohr habe daraufhin "lange geeitert". Die Blutentnahme zur Haemoglobinbestimmung wurde am 18. Juli 1927 vormittags vorgenommen. Noch zehn Tage waren die Schwestern anwesend; von einer Eiterung der ganz geringfügigen Wunde hat niemand etwas bemerkt. Auch hier hat sich Therese Neumann nicht als "Leidensblume" erwiesen. Die betreffenden Schwester schreibt im Gruppen-Tagebuch I:

"Ich hatte ein recht feines Messerchen und machte es sehr rücksichtsvoll, aber trotzdem tat sie, als wenn es ihr recht wehe getan hätte. Auf mich machte es den Eindruck, als wäre sei recht empfindlich."

Nach dem ablehnenden Bescheid des Vaters schaltete sich Kardinal Faulhaber ein. Er wandet sich am 9. Dezember 1932 an den Vater der Stigmatisierten und bat ihn er möge doch seine

Zustimmung zu einer vierwöchigen Beobachtung in einer katholischen Klinik geben. Er empfahl die Klinik in München, die unter der Leitung des bekannten Arztes Prof. Dr. Lebsche stand (15). Es war vergebliche Mühe

Der Bischof von Regensburg gab die Hoffnung nicht auf. Im Jahre 1935 ließ er den Vater Ferdinand Neumann nach Regensburg kommen; dort hat er "eine Stunde mit dem Vater gerungen" um die Zustimmung zu erhalten. Wiederum vergebens. Daß Therese selbst keineswegs ein Entgegenkommen gezeigt hat, verrät Lama, wenn er im Blick auf die Forderung der bayerischen Bischöfe schreibt:

"Resl hat mir einmal gesagt: ,Der Heiland will es nicht; darum wird es auch nicht geschehen'" (18)

b) Aufforderung durch die römische Kurie

Der letzte Versuch, doch noch eine Überwachung in einer Klinik zu erreichen, ging von der höchsten kirchlichen Instanz aus, vom Hl. Offizium in Rom. Das Ansinnen wurde ausgesprochen in einem Dekret vom 17. November 1936 an den Bischof von Regensburg. Der Aufforderung war die Klausel beigefügt: Im Weigerungsfalle gelte Therese Neumann als "inoboediens", also ungehorsam. Therese und ihre Eltern, natürlich auch Pfarrer Naber, wurden genau informiert; dem Vater wurde das Dekret auftragsgemäß durch die beiden Domherren Wührl und Doeberl gezeigt. Trotzdem behauptete er später, er wissen nicht, an wen sich der Befehl eigentlich richte, noch auch auf welche Rechtsgrundlage er sich zu stützen vermöge. Er forderte eine beglaubigte Abschrift des römischen Erlasses, um sich, wie er angab, den Inhalt von seinen Freunden erklären zu lassen. Mit den Freunden meinte er nach den Worten des Regensburger Bischofs "einige Geistliche, die ihn immer beeinflußt haben, daß er den Wunsch seines Ordinarius und der bayerischen Bischöfe nicht erfülle". Diese Freunde haben auch die Briefe des Vaters verfaßt, unter die er nur seine Unterschrift setzte, was er übrigens selber eingestanden hat.

In der Konnersreuther Literatur ist verschiedentlich die Rede davon, daß der Vater seine Zustimmung zur Überwachung abhängig gemacht habe von der Erfüllung jener Bedingungen die er in Form von 15 Punkten dargelegt habe. In Wirklichkeit sind diese 15 Forderungen nie aufgestellt und nie dem Bischöflichen Ordinariat zur Kenntnis gebracht worden. Obwohl der Bischof den Pfarrer von Konnersreuth aufforderte, die Punkte zu nennen, wurden sie nicht mitgeteilt, Trotzdem behauptete der Pfarrer diese 15 Punkte seien im Brief des Vaters an den Bischof vom 17. Oktober 1932 enthalten Das ist unwahr; der Brief enthält eine Reihe von Fragen, aber keine Bedingungen, unter denen der Vater seine Tochter einer Klinik anvertrauen wollte.

Das römische Dekret hat den engeren Konnersreuther Kreis in arge Verlegenheit und Aufregung versetzt, Sofort besann man sich auf die Hilfe geneigter geistlicher Würdenträger, Man wandte sich zur Abwendung oder wenigstens zur Milderung der strengen römischen Anordnung um Fürsprache an den österreichischen Bischof Waitz. Auch der Kardinal von Prag wurde eingeschaltet, der Therese Neumann und Pfarrer Naber zu einer Besprechung einlud. Diese fand dann in Karlsbad statt. Der Vater Ferdinand Neumann ist auch nach Salzburg gefahren. Angeblich war der Zweck der Reise eine Wallfahrt; aber ohne Zweifel traf er sich dort mit dem Erzbischof Waitz (1).

Die Antwort aus Konnersreuth auf das römische Dekret ließ lange auf sich warten. Am 10. März 1937 erteilte der Vater dem Bischof die erwartete, mit schweren Anklagen verbundene Absage:

"Dieser Tage erfuhr ich von meiner Tochter Theres etwas, das meine Einstellung zu einer erneuten Untersuchung von Grund auf ändert. Bei der von Ihrem Vorgänger angeordneten Untersuchung hat Professor Ewald ohne mein Wissen und ohne jede Erlaubnis meine Tochter auf ihre jungfräuliche Unversehrtheit untersucht. Meine Tochter hat es sich gefallen lassen müssen, ohne in der Lage zu sein, dagegen zu protestieren; Dabei hätte Ewald ihre Einwilligung haben müssen; und sie hat all die Jahre über aus Scham darüber geschwiegen. ... Daß man unter dem Titel ,Beobachtung der Nahrungslosigkeit' bischöflicherseits einem Arzt, noch dazu einem Protestanten, Vollmachten zugesteht, die es nicht verhindern, ein unbescholtenes Mädchen wie eine Dirne auf der Polizeistation zu untersuchen, finde ich unerhört und schamlos nach jeder Richtung. Damit ist der jeder Disput über eine ärztliche Untersuchung ein für allemal geschlossen. ... Schließlich geben Stigmen und Nahrungslosigkeit keinen Grund für eine solche unerhörte Schamlosigkeit, die man sonst keinem normalen Menschen anzutun wagen durfte. Jedenfalls passiert es mir nicht mehr, daß man in dieser schamlosen Weise das Vertrauen meiner Familie mißbraucht, da ja selbst die bischöfliche Anordnung keinen Schutz bedeutet ... " (2)

Am 4. August 1937 hat das Hl. Offizium nochmals die Weisung ergehen lassen, Therese Neumann sei abermals zu einer Untersuchung einzuladen. Wahrscheinlich gab zu dieser Aufforderung Prof. Martini, der sich am 15. Juli 1937 mit einer entsprechenden Bitte an den Kardinalstaatssekretär Pacelli gewandt hatte, den Anstoß. In diesem römischen Schreiben war allerdings der Zusatz, im Weigerungsfalle sei Therese Neumann als ungehorsam zu erklären, nicht mehr enthalten; es wurde nur zum Ausdruck gebracht, widrigenfalls solle der Bischof den Vater und die Tochter darauf aufmerksam machen, "daß sich die höhere kirchliche Autorität gezwungen sehe, öffentlich zu erklären, daß sie für die Ereignisse in Konnersreuth keine Verantwortung übernehmen könne". Dem Vater wurde die Aufforderung des Hl. Offiziums mitgeteilt. Der Bischof ließ ihn auch auffordern, seine Bedingungen für eine Untersuchung kurz und klar aufzuführen. Vater Neumann antwortete darauf mit Schweigen. Erst auf weiteres Drängen antwortete er am 24. Oktober 1937, mit der Entschuldigung, er habe auf dem Felde und zu Hause so viel zu arbeiten und des Abends sei er müde. Das viele Schreiben sei er zudem nicht gewohnt. Zu dem vom Bischof angesetzten Termin für die Antwort erklärt er:

"Wenn der 25. Oktober der letzte Tag sein soll, so ist es mir auch recht und ich bin froh, daß die Schreiberei ein Ende hat."

Nunmehr wandte sich der Bischof an den Pfarrer von Konnersreuth (3), Er schlug dem Vater der Stigmatisierten eine Reihe von leicht annehmbaren Bedingungen vor:

Das waren Bedingungen, wie sie nicht entgegenkommender hätten sein können. Auf den gutgemeinten Vorschlag des Bischofs ging der Vater in seiner endgültigen Absage überhaupt nicht ein; er brachte nur eine Reihe von Anklagen vor. Das gleiche tat Therese Neumann selber in zwei Briefen (4). Sie enthalten neben Beteuerungen nur Vorwürfe wider ihre Gegner, sogar gegen den Bischof, dazu nicht wenige Hinweise auf ihre eigenen Verdienste und Leistungen. Im Brief vom 21. November 1937 betont Therese einleitend, weder die Eltern noch der Pfarrer wüßten etwas davon, daß sie an den Bischof schreibe. Dieser Brief wird auszugsweise in der Neuen Bildpost veröffentlicht. Dabei fällt auf, daß er stark von dem Originalbrief abweicht; außerdem ist der veröffentlichte Brief sprachlich geschliffener als das Original. Offenbar hat Therese einen für sie aufgesetzten Text mit Änderungen und Fehlern abgeschrieben.

Auch ein Vergleich mit den in Steiners Buch veröffentlichten Briefen Thereses legt die Vermutung nahe, daß für die Schreiben an den Bischof ein Helfer zur Verfügung stand. Das gleiche gilt auch für andere Briefe, so für den am 29. November 1937 an den Bischof gerichteten Brief. Von diesem hatte sie, wie sie am 14. März 1939 dem Bischof mitteilte, noch eine "Abschrift" in Händen. In Wirklichkeit handelte es sich gewiß nicht um eine Abschrift, sondern um den für sie aufgesetzten Text. Daß Therese am 21. November ohne Wissen der Eltern und des Pfarrers an den Bischof geschrieben hat, entspricht bestimmt nicht der Wahrheit.

Der Bischof mußte einsehen, daß kein Einlenken der Familie Neumann zu erwarten war. Das war ja schließlich von Anfang an klar; zu deutlich waren die Worte des Vaters der Stigmatisierten im erwähnten Brief vom 7. Oktober 1928. Das Bischöfliche Ordinariat hat im Amtsblatt vom 10. Dezember 1937 bekanntgegeben:

"Therese Neumann hat sich zur Untersuchung bereit erklärt, aber ihr Vater hat sie bisher abgelehnt bzw. an unerfüllbare Bedingungen geknüpft. Bei dieser Sachlage kann die kirchliche Behörde keine Verantwortung übernehmen für die Wirklichkeit der behaupteten Nahrungslosigkeit und für den Charakter sonstiger außergewöhnlicher Phänomene in Konnersreuth."

Die Angabe, Therese Neumann habe sich zur Untersuchung bereit erklärt, ist in dieser Form unrichtig. Sie hat ihre Bereitwilligkeit bloß vorgetäuscht.

Ein letztes Schreiben wurde am 17. Mai 1938 vom Hl. Offizium an den Bischof von Regensburg abgesandt. Darin wurde verboten, Erlaubnisscheine zum Besuch der Stigmatisierten auszustellen. Weiterhin wurde dem Bischof geraten, er möge sich überlegen, ob er mit Pfarrer Naber von Konnersreuth entfernen könne, damit die geistliche Führung einem anderen, klugen Priester übertragen werden könne. In dieser Hinsicht ist allerdings leider nichts erfolgt. Offenbar hat der Bischof mit dem Pfarrer im Sinne des letzten römischen Schreibens gesprochen, Das läßt die Bemerkung eines Gastwirts von Konnersreuth erkennen, bei dem sich Frau M. Hartmann aus Breslau einquartiert hatte; es war im August 1938. Der Gastwirt erwähnte, der Bischof habe den Pfarrer versetzen wollen, dieser aber habe erklärt, er gehe nicht fort; würde er dennoch versetzt, dann würde er sich pensionieren lassen und als Privatmann in Konnersreuth bleiben (6).

In vielen Konnersreuther Schriften heißt es, Therese selber habe sich mit einer klinischen Beobachtung einverstanden erklärt. Teodorowicz (7) meint sogar, sie habe eingesehen, daß Untersuchungen notwendig seien, damit die Menschheit von der Wahrheit der Vorkommnisse in Konnersreuth überzeugt würde.

"Darum bat sie ihren Vater tränenden Auges, zu gestatten, daß sie untersucht werde, damals als das Konsistorium es zum erstenmal verlangte. Mit Freuden willigte sie selber in die Untersuchung."

Wie freudig die Zustimmung war, haben wir in dem Brief an Prof. Wutz gesehen. Wohl trifft zu, daß Therese am 16. Dezember 1936 eine zustimmende Erklärung abgegeben hat. So etwas konnte sie zu jeder Zeit unbedenklich tun, weil sie wußte, daß daraus keine weiteren Folgen zu erwarten waren. Sie kannte ohne Zweifel den Brief ihres Vaters vom 7. Oktober 1928 an den Bischof von Regensburg, in dem er so deutlich wie nur möglich ausgesprochen hatte, daß er niemals zu einer Untersuchung seine Zustimmung geben werde. Einerseits hat Therese Neumann betont, sie müsse ihrem Vater gehorchen, andererseits wußte sie daß dieser nie von seiner Weigerung abgehen werde, In solcher Lage kann man leicht eine Bereitschaft abgeben. Therese Neumann und ihre Familie wußten ganz genau, was auf dem Spiel stand. Es war ihnen aus dem Beispiel der Anna Maria Göbel von Bickendorf wohl bekannt, wie gefährlich ein Aufenthalt in einer Klinik sein mußte.

Ohne Zweifel wäre in Konnersreuth vieles anders gelaufen, wäre nicht dort als Seelsorger Pfarrer Naber gewesen, Daß die Untersuchung nicht stattfinden konnte, ist nicht die Schuld des Vaters Ferdinand Neumann alleine. Das beweist die Unterredung, die Frau M. Haftmann in der Himmelfahrtswoche 1938 mit dem Pfarrer führte. Sie legte ihm nahe, Therese zur Erfüllung des bischöflichen Wunsches zu bewegen, Der Pfarrer erwiderte, der Bischof verlange, daß Therese gegen das vierte Gebot handle. Auf den Einwand der Frau Hartmann, Therese sei als Erwachsene in solcher einer Sache den Eltern nicht mehr Gehorsam schuldig, gab der Pfarrer den Bescheid:

"Das ist alles lang und breit und klar überlegt worden, ehe der Bischof die abschlägige Antwort bekam." (8)

Diese Worte beweisen eindeutig, daß über die Angelegenheit nicht bloß der Vater Ferdinand Neumann "lang und breit und klar" Überlegungen angestellt hat.

Als seinerzeit Therese Neumann eine amtsärztliche Untersuchung verweigerte, wurde ihr die bisher gewährte Rente gestrichen. Das war nicht mehr als konsequent. Die Stigmatisierte, nicht bloß ihr Vater, hat einen einwandfreien Nachweis ihrer angeblichen Nahrungslosigkeit abgelehnt. Das allein, abgesehen von allen übrigen massiven Gründen, hätte genügen müssen, eine ganz deutliche Sprache zu sprechen. Man vermißt hier leider eine klare, konsequente Haltung. Im Schreiben an das Hl. Offizium am 30. Januar 1937 hatte der Regensburger Bischof auf einen zu erwartenden großen Skandal hingewiesen. Darum gab er den Rat, die Ausflüchte des Vaters Neumann nicht zu beachten, sondern auf sofortige Untersuchung zu bestehen. Am Schluß des Schreibens heißt es:

"Zugleich sollen jene Priester als inoboedientes erklärt werden, welche weiterhin die Familie Neumann in ihrer Weigerung bestärken. ... Dem Pfarrer soll es verboten werden, daß er die Ther. Neumann außerhalb der Kirche Beicht hört und ihr hinter dem Altar die Kommunion spendet. Therese Neumann kann gehen und reisen, daher braucht sie keine Ausnahme in der seelsorglichen Betreuung."

Leider ist nicht entsprechend durchgegriffen worden.

Lama hatte das Gerücht verbreitet, der Bischof habe die Erlaubnis für die Feier des hl. Meßopfers im Zimmer der Stigmatisierten gegeben. Erstmals soll die Erlaubnis für den Passionssonntag 1936 erteilt worden sein. Am 22. Januar 1937 bezeichnete der Bischof in einem Brief an Dr. Deutsch das Gerücht als unwahr. Es stimmt zwar, daß eine Generalerlaubnis nicht gegeben wurde, aber die Feier eines Gottesdienstes während der Fastenzeit wurde doch Jahr für Jahr gestattet.

Noch einmal sei hier die Frage gestellt: Hat Therese Neumann zu irgendeiner Zeit einer Überwachung zugestimmt, und zwar ohne Hintergedanken? Zum Verständnis der Sachlage ist die Betrachtung ihrer Einstellung dazu am Anfang der Ereignisse wichtig. Am 26. Oktober 1927 hatte das Regensburger Bischöfliche Ordinariat den Sanitätsrat Dr. Seidl und Pfarrer Naber ersucht, sie möchten Therese und ihre Eltern so weit bringen, daß sie einer Überwachung im Krankenhaus Waldsassen zustimmten. Als der Pfarrer das Schreiben erhielt, begab er sich zu Therese. Wie reagierte sie? In Anwesenheit des Pfarrers begann der "Teufel", nur für Therese verständlich, zu sprechen:

..Was du gerade gelitten hast, ist umsonst (Therese hatte eben für eine Person, die ein schlechtes Leben hinter sich hatte und schon einen Selbstmordversuch gemacht hatte, nun aber sich bekehren wollte, gelitten). Die will mir auskommen. über die komme ich aber jetzt schon. Wart', deine Tätigkeit wird dir bald eingestellt werden, dann erfährst du so viel nimmer; da kriegst du jetzt Plage; der neben dir sitzt, weiß auch nicht, was er tun soll; das gefällt mir, das freut mich. Du hast mir diese Zeit schon viel zu viel entgegengewirkt, das war so zu lange, aber jetzt wird es dir eingestellt. Hintertrieben wird es, so weit es geht, zuletzt siege ich doch noch. Du mußt doch denen folgen, die dir etwas anzuschaffen haben, die wollen dies auch dicht, du machtest ja die halbe Welt narrisch. Aber da bin ich auch schon noch da, das wird hintertrieben (schreit mich so an und lacht mich so aus, sagte da Therese, der Heiland lacht mich nicht aus). Ihr kennt euch nicht aus; da laß dir jetzt raten von dem, auf den du alleweil so hältst; dem wirk ich schon entgegen, soweit ich kann (Theres bemerkt hier: Da lacht er so spöttisch, das kann ich gar nicht leiden). Gelt, jetzt seid ihr in Verlegenheit. Dem sag's nur, der neben dir sitzt; dein Leiden ist ja doch umsonst, das kennst du schon noch ein. Wenn du nicht willst, kann der (nämlich: der Heiland) nichts machen." Nach einer Pause, in der Therese das Sühneleiden für die Selbstmordkandidatin fortsetzte verfiel sie in den ekstatischen Zustand und sprach: "Du hast heute etwas bekommen von deinen Obern, das gefällt dem Bösen; schon im voraus hat er triumphiert, aber umsonst. Der Heiland erreicht, was er will. Wenn sie erfahren, was der Böse da gesagt, dann werden sie meinen, Theres sei einer Täuschung erlegen. Folgen müssen wir; wir tun alles, was wir tun können, um dem nachzukommen, was die Obern wollen, wir widersprechen in gar nichts, aber wir übernehmen auch gar keine Verantwortung. Wir haben die größten Opfer gebracht, wir haben persönlich nichts davon gehabt, wir haben sie des Heilands wegen gebracht und er hat seinen Segen dazu gegeben. Viele und viele sind schon weggegangen mit vielen Gnaden, mit guten Vorsätzen im Herzen und haben ein besseres Leben angefangen, besonders Männerleute weiterher, und viele sind schon ganz umgekehrt worden, wovon einen großen Teil du selber kennst. Wenn wir diesem Wunsche streng nachkommen, wird das Volk irre an der Obrigkeit, weil so viele schon dagewesen sind und so viele überzeugt sind. Weißt du, was das Volk sagt: Das könnte die Obrigkeit nie anordnen, wenn sie Einblick in das hätte, was der Heiland wirkt; weder die Bischöfe hatten noch hat man im Bischöflichen Ordinariat Regensburg Einblick. Da haben ganz Fremde, die ein wenig beobachteten, mehr Einblick und gehen auch mit Gnaden fort. Wie oft habe ich dir schon sagen dürfen: Der Heiland wirkt das nicht meinetwegen, daß ich etwas zu leiden habe und meine Umgebung Arbeit und Plage hat, der Heiland will, daß ihm dadurch Seelen näher kommen, was schon häufig geschehen ist. Die Welt will das, was sie nicht sieht, nicht glauben. Wie genau wollen sie sogar da noch forschen, wo sie etwas offen vor Augen sehen."

Überdenkt man genau den Sinn der Rede, dann muß man feststellen, daß im ersten Teil ein eminent dummer Teufel oder ganz eindeutig Therese Neumann in eigenem Anliegen spricht. Was sagt sie in der nachfolgenden "Ekstase"? Zuerst singt sie ein Loblied auf die eigene Person, lehnt aber dann eine Beobachtung strikt ab. Man beachte auch während der "ekstatischen Ansprache" den ganz auffallenden Wechsel: Einmal sagt Therese "Ich", dann spricht sie von sich in der dritten Person ("Theres"), ferner in der Mehrzahl ("Wir") und meint damit sich, ihre Eltern und den Pfarrer. Diese eben geschilderte Szene gibt die aufschlußreichste Antwort auf die Frage, ob Therese Neumann eine Zustimmung zur Überwachung gegeben hat und ob der Vater an allem schuld war.

c) Stellungnahme zu einigen gegen die Überwachung vorgebrachten Begründungen

Was die Begründungen für die ablehnende Haltung im einzelnen betrifft so muß festgehalten werden, daß schon die Beobachtung im Elternhaus 1927 erst nach schwierigen Verhandlungen erreicht wurde.

"Man wehrte sich aus Gründen des Gefühls dagegen. Auch der Seelenführer der Therese fragte sich warum man denn nicht rechtschaffenen Menschen unbescholtenen Leumunds, mit einem in tiefer Religiosität wurzelnden Gewissen, auch ohne medizinische Bestätigung Glauben schenken sollte, Die Eltern haben zudem entgegengehalten, man wäre zur Zeit der jahrelangen schweren Krankheit der Tochter dankbar gewesen, wenn sich die Ärzte mehr um sie bemüht hätte; jetzt aber, da die ärztliche Hilfe nicht mehr nötig sei, bestünde plötzlich medizinisches Interesse." (1)

Der Vorwurf gegen die Ärzte ist unberechtigt, Therese Neumann wurde ja nach ihrem Unfall von mehreren Ärzten behandelt. Sie war ein paarmal im Krankenhaus von Waldsassen. Dr. Seidl, der fünfte Arzt, der zu Rate gezogen wurde, hat sicher keinen gewünschten Krankenbesuch abgelehnt; Therese selber wollte von ihm nichts mehr wissen. Ihre Eltern waren zweiundfünfzigmal hinter dem Rücken des Hausarztes bei einem Kurpfuscher, wie Dr. Seidl erst nach der Veröffentlichung der Bücher Gerlichs erfuhr. "Bei meiner Beurteilung der Eltern bis dorthin", sagt Seidl, "hätte ich das nicht für möglich gehalten." (2) Bereits im Jahre 1926 versichert Prof. Wutz dem Sanitätsrat, sein Kommen sei "im Hause Neumann und im Pfarrhof sehr mißliebig"; "seine Besuche wurden längst als beleidigend betrachtet". Dr. Wutz riet den Eltern, sie sollten dem Arzt einfach erklären, seine Besuche seine nicht mehr erwünscht (3). Therese lehnt im übrigen jeden Arzt ab, der sich ihren Wünschen und Vorstellungen nicht unterordnet. Auch die von der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft verlangte Nachuntersuchung wurde verweigert. Also hatten die Vorwürfe gegen die Ärzte eine ganz bestimmte Absicht. Zudem hat die kirchliche Behörde, nicht eine ärztliche Kommission, die Überwachung verlangt.

Bach Steiners Angabe (4) hat der Kirchenrechtler Prof. Lechner in einem Brief und Gutachten ausgeführt, daß das kirchliche Recht kaum Handhaben biete, einen Laien zu einem Beobachtungsaufenthalt in einem Krankenhaus zu zwingen und ihn im Fall der Nichtbefolgung dieses Auftrags als ungehorsam zu erklären. Vielmehr sei das Gegenteil richtig: Das kirchliche Recht schütze die menschlichen Grundrechte der Freiheit und Unversehrtheit der Person.

"Beratende Freunde der Familie wiesen auch darauf hin, welch schwerer Eingriff in das Grundrecht menschlicher Freiheit es sei, eine Staatsbürgerin zu einer Überwachung in einer Klinik zwingen zu wollen." (5)

Aber würden hier tatsächlich die Freiheit und Unversehrtheit der Person verletzt werden? Wie oft müssen Menschen der Aufforderung zu einer ärztlichen Untersuchung nachkommen! Von wem könnte man das verlangen, falls es ein unerlaubter Eingig in die menschliche Freiheit wäre? Therese Neumann wurde nicht gezwungen, sich untersuchen zu lassen, aber dafür hat sie ihre Rente verloren. Sie wurde aus nicht gezwungen, sich in einer Klinik überwachen zu lassen darum hat sie aus auf den Anspruch verzichtet, daß man ihrer Behauptung, nahrungslos zu leben, Glauben schenkt.

Steiner stellt die Behauptung auf, Bischöfe hätten die Familie Neumann gegen eine Überwachung in einer Klinik animiert. Der Vater der Stigmatisierten hielt sich einmal in der Zeit, da Rom auf eine Untersuchung drängte, in Eichstätt auf; offenbar hat er sich dort von seinen theologischen Beratern ein Antwortschreiben an den Bischof von Regensburg aufsetzten lassen. In jenen Tagen, so versichert Prof. Mayr, ließ ihn der Eichstätter Bischof Rackl zu sich rufen und ermunterte ihn, "keinesfalls in eine nochmalige Untersuchung einzuwilligen". Kardinal Preysing von Berlin, der zuvor Bischof von Eichstätt war, soll den Ausspruch gemacht haben: "Mich freut es, daß der Vater so einen harten Kopf hat." (6) Ist das möglich, nachdem doch die Aufforderung in einem Dekret des Hl. Offiziums ausgesprochen war, zuerst sogar mit der ausdrücklichen Androhung von kirchlichen Strafen? Da hätte ja die eine kirchliche Autorität gegen die höhere Instanz zum glatten Ungehorsam aufgewiegelt! Da hätte sich ja die Anregung, die der Regensburger Oberhirte in seinem Schreiben an das Hl. Offizium gerichtet hat, nicht bloß gegen Pfarrer Naber und Eichstätter Professoren, sondern auch gegen die Bischöfe von Eichstätt und Berlin gerichtet:

"Zugleich sollten auch jene Priester als inoboedientes erklärt werden, welche weiterhin die Familie Neumann in ihrer Weigerung bestärken."

Die Weigerung wird mit der Befürchtung begründet, man hätte die Patientin durch Einspritzungen ermorden können. Das ist eine Verdächtigung des Ärztestandes, die nicht ernst zu nehmen ist weil man die tieferen Gründe der Ablehnung kennt. Die Krankenhäuser waren auch im Nazireich nicht Verbrecherstätten, und Ärzte, die gegen ihr Gewissen handelten ' waren auch damals die Ausnahme. Zudem stand die Wahl der Klinik frei. Nachdem schon in den Jahren 1926 und 1927 die Einweisung in das Krankenhaus von Waldsassen abgelehnt und nachdem 1932 das bischöfliche Ansinnen mißachtet worden war, ist die neue Begründung abwegig.

Therese macht ferner geltend, sie habe im Jahr 1927 viel durchmachen müssen (7). Aber auch diese Behauptung ist leicht zu widerlegen. Zwei Schwestern waren zu dieser Zeit in ihrer Umgebung; viermal hat man ihr Gewicht geprüft. Kann man das als "viel durchmachend" bezeichnend? Mehr als Therese haben die Schwestern durchmachen müssen; eine von ihnen ist gegen Ende der Beobachtungszeit zusammengebrochen. Am Donnerstag, dem 21. Juli, abends 8 Uhr, hat eine beobachtende Schwester niedergeschrieben:

"Wir mußten Frl. Therese bewundern ob ihrer Kraft; denn wir waren zu Tod erschöpft an diesem Nachmittag."

Die Schwestern waren herzlich froh, als sie am 28. Juli, nachdem sich Prof. Ewald entfernt hatte, ihre Sachen zur Abreise packen konnten. Der Schlußsatz im Gruppen-Tagebuch II lautet:

"Das Gefühl, das wir dabei hatten, läßt sich nicht gut beschreiben. Unsere Selbstüberwindung wurde in Konnersreuth auf harte Proben gestellt."

Therese behauptet im erwähnten Brief an Prof. Wutz, man wolle sie immer nur quälen. Dies die Aussage einer Frau, die Staudinger die "Leidensblume" und "Leidensbraut" nennt.

Schon vor der Überwachung im Elternhaus taucht die später wiederholt mit Varianten vorgebrachte angebliche Bemerkung eines Arztes auf, die die Familie Neumann in ihrer ablehnenden Haltung bestärkt haben soll. Teodorowicz gibt an, der Vater habe zufällig "das Gespräch der Ärzte abgelauscht, welches sich seiner Überzeugung nach als gefahrdrohend für das Leben seines Kindes erwies im Falle, daß er sein Kind einer Klinik überlasse". Einer der Ärzte habe sich namentlich unter anderem so geäußert. "Soll nur Therese in die Klinik kommen, dann werden wir ihr katholische Injektionen geben." (8) Es ist eine der üblichen Behauptungen, die sieh P. Staudinger in Konnersreuth auftischen ließ, wenn er sagt, Therese und ihre Eltern hätten "schon längst" ihre Zustimmung gegeben.

"Die Ausführung scheiterte infolge des taktlosen Benehmens mancher Ärzte. Als schon alle Vorbereitungen zur Abreise in die Klinik getroffen waren, machte ein Arzt in Gegenwart der Eltern folgende Bemerkung im Sinne: ,Die werden sie schon so behandeln, daß sie nicht mehr zurückkommt.'" (9)

Warum hat der Vater diesen Arzt nie mit Namen genannt und bloßgestellt? Selbst wenn eine derart dumme Äußerung gefallen wäre, was hätte sie bedeutet im Blick auf den zunächst verantwortlichen Chefarzt Dr. Seidl und die später vom Regensburger Bischof und von Kardinal Faulhaber vorgeschlagenen katholischen Ärzte? Aber Vorbereitungen zur Abreise in eine Klinik hat es nie gegeben.

Immer wieder wird betont, Therese Neumann habe ihre Zustimmung gegeben, aber ihr Vater habe sie verweigert; man könne ihr also keinen Vorwurf machen, da sie ihrem Vater Gehorsam schuldig gewesen sei. So lauten die Argumente von Anfang an. Schon damals, als mit Mühe und Not die Zustimmung zur Überwachung im Elternhaus erreicht wurde, glaubte sich Therese vor dem Gehorsam drucken zu können mit dem Hinweis auf das vierte Gebot. Als ihr die Vertreter des Bischofs nahelegten, sie sei doch volljährig und nicht mehr an den Willen der Eltern gebunden, gab sie die fadenscheinige Antwort:

"Der göttliche Heiland ist seinen Eltern bis zum Alter von dreißig Jahren untertan gewesen." (10)

Auch die Aufforderung von seiten der römischen Kurie mißachtete die Achtunddreißigjährige mit dem Hinweis, sie sei den Eltern Gehorsam schuldig Therese hielt es sogar für notwendig, dem Bischof über die Verpflichtung des vierten Gebots Unterricht zu erteilen. (11).

Einer der Gründe, der besonders vom Vater Neumann des öfteren vorgebracht wurde, ist die Berufung auf ein angebliches Versprechen, das der Regensburger Generalvikar Dr. Scheglmann erteilt haben soll. In einem Brief an den Bischof behauptet der Vater, der Generalvikar habe ihm seinerzeit versprochen, daß die geplante Untersuchung "die erste und die letzte" sein werde. Das könne er jederzeit auf Eid nehmen. Dr. Scheglmann jedoch hat "mit aller Entschiedenheit" versichert, er habe nie ein derartiges Versprechen abgegeben (12).

Mehrmals hat sich Therese in ihren Briefen an den Bischof auf die Drohung ihres Vaters berufen, er werde seine Tochter aus dem Hause verstoßen, falls sie ihm in dieser Angelegenheit nicht gehorche. Therese macht geltend, sie sei auf ihre Eltern angewiesen, sie brauche ihre Pflege, sie benötige Kleider und eine warme Stube. Aber das sind wenig überzeugende Begründungen. Sie weilte oft wochen- und monatelang fern von Konnersreuth und hätte auch wie ihre Schwester im Pfarrhof wohnen können; sie kam auch zurecht, als ihre Eltern gestorben waren; schließlich hätte sie auf ihre Freitagspassionen verzichten können, wie sie es während ihrer Urlaubsreisen tat. Hätte der Vater tatsächlich die Drohung ausgeführt, falls das Ergebnis positiv ausgefallen wäre? Diese Drohung ist letzthin nur verständlich, wenn durch die klinische Beobachtung eine Entlarvung befürchtet werden mußte. Man möchte meinen, die Familie Neumann hätte nichts mehr wünschen müssen als eine Bestätigung durch eine einwandfreie Beobachtung.

In dem Brief der Therese Neumann an den Bischof von Regensburg vom 21. November 1937 lesen wir unter anderem (13):

"Was hab ich denn der Kirche, zu der ich doch treu stehe, getan, daß sie mich so heimsucht, verfolgt und ausliefern will? Nur gelitten, geopfert und geblutet für ihre Interessen. Immer suchte ich ihr Seelen zuzuführen, Abtrünnige näher zu bringen, Gute zu stärken in dem Kampf. Was redete ich oft gut zu und dachte nicht daran, daß ich auch selber noch von ihr verstoßen werde. Ist schon hart und furchtbar."

Als Sprache einer Demütigen kann man solche Worte nicht bezeichnen. Ebenso vermißt man Liebe zur Wahrheit. Wann hat die Kirche sie jemals heimgesucht und verfolgt?

Befreundete Ärzte sollen die Befürchtung geäußert haben, man werde zur Feststellung des Charakters der Stigmen Schnitte machen wollen oder man werde künstliche Ernährung durch den Darm oder durch Infusionen vornehmen. Welcher Arzt hat in dieser Weise vor seinen Kollegen gewarnt? Solche Maßnahmen hätte sich in einem frei zu wählenden Krankenhaus kein Arzt erlaubt. Außerdem hatte sich der Bischof persönlich dafür verbürgt, daß lediglich eine Überwachung stattfinden sollte.

Schließlich nahm Therese ihre Zuflucht zu Christus. Der Pfarrer fragte sie in der Ekstase, was der Heiland wolle. Die Antwort lautete:

"Wenn der Heiland von einer neuen Beobachtung sich etwas zu seiner Ehre oder zum Heile der Seelen hätte erwarten können, dann wäre er längst selbst darauf gedrungen." (14)

Erstaunlich, daß der "Heiland" in dieser entscheidenden Frage keine klaren Weisungen gegeben haben soll, während dies doch sonst bei den nebensächlichsten Dingen geschah. Hat der "Heiland" eine Weisung gegeben? Die Biographen Lama und Fahsel behaupten es. Lama versichert:

"Herr Neumann weiß, daß es gegen den Willen des Heilandes wäre, wenn die Untersuchung nochmals vorgenommen würde, und ganz besonders aus diesem Grunde ist er unnachgiebig. Die Resl hat mir selbst einmal darüber gesagt: Der Heiland will es nicht und daher wird es auch nicht geschehen."

Ähnlich lautet die Aussage Fahsels. Er beruft sich auf das Wort des Vaters der Stigmatisierten, es "äußere sich der Heiland in den mystischen Zuständen seiner Tochter dieser erneuten Beobachtung in einer Klinik entgegen." Der "Heiland" ist auch hier niemand anders als Therese Neumann selber.

In der für die Familie Neumann so gefahrvollen Zeit soll nach einem Bericht des Pfarrers Nabers die Stigmatisierte durch die hl. Theresia getröstet worden sein:

"Liebes Kind! Geh, nimm doch jedes Leid und jede Prüfung willig und freudig hin! Die Seelen warten drauf. Werd' doch nicht mutlos! Vertrau blindlings! Erhältst so viele Beweise der Liebe. Durfte dir doch schon öfter die Zusicherung unserer Hilfe geben. Wir verlassen dich auch weiter nicht. Mußt deinen Beruf ganz ausfüllen, mußt auch dem verkannten, verachteten und verfolgten Heiland immer ähnlicher zu werden trachten."

Ob man durch Ungehorsam Gott ähnlicher werden kann und dabei noch den Zuspruch der heiligen Theresia vom Kinde Jesu erwarten darf?

Im "Benediktusboten", Februar 1938, wurde ein Hinweis auf die Bekanntmachung im Bischöflichen Amtsblatt vom Dezember 1937 gebracht. Im Anschluß daran findet sich folgende Notiz:

"Resl hat im gehobenen Ruhezustand gesagt, sie unterwerfe sich gerne dem Wunsch des Episkopats betreffs neuer Untersuchung; aber zurückkehren werde sie nicht mehr." (16)

In einem hatte die "Nahrungslose" recht: Eine totale Fastenkur von vier Wochen hätte sie lebend nicht überstanden. Natürlich wäre die Kur rechtzeitig abgebrochen worden; aber dann hätte sie wirklich nicht mehr nach Konnersreuth zurückkehren können.

In die größte Verlegenheit kam die Familie Neumann durch die Forderung der römischen Kurie. Von jetzt ab wurde mit als Hauptargument gegen die verlangte Untersuchung ein schwerer Vorwurf gegen Prof. Dr. Ewald vorgebracht. Erstmals am 10. März 1937 taucht die Verdächtigung gegen den Arzt auf, er habe Therese wie eine Dirne auf der Polizeistation behandelt. Der Vater behauptet, bisher davon nichts gewußt zu haben, weil seine Tochter aus Scham über die Sache geschwiegen habe. Den Vorwurf wiederholte Ferdinand Neumann in seinem letzten Schreiben an den Bischof vom 24. November 1937, Dr. Ewald habe an seiner Tochter Untersuchungen vorgenommen, "wie sie sich ärger eine Dirne auch nicht gefallen lassen muß". Daß diese Verdächtigung nicht etwa bloß eine Erfindung des Vaters war, das zeigt die Äußerung der Therese ihrer Freundin Anni Spiegl gegenüber: "Einer Dirne wäre es nicht schlechter ergangen." Ja, sie erklärte sich sogar bereit, für die Richtigkeit ihrer Aussage einen Eid zu leisten. Nachdem der Bischof ihren Vater aufmerksam gemacht hatte, falls Dr. Ewald von dem ihm gemachten Vorwurf erfahre, werde er sicher Klage erheben, wiederholte der Vater am 30. März 1937 seine Verdächtigung. Er erklärte: Die "peinliche Untersuchung" sei eine Tatsache; "meine Tochter wird gegenüber jedem Kläger die Schwurhand für die von mir festgestellte Tatsache erheben." Damit wird zum Ausdruck gebracht, daß Therese bei vollem Bewußtsein die angeblich peinliche Untersuchung zugelassen haben soll.

Dem Vorwurf gegen Ewald muß nachgegangen werden. Zwei Wochen, bevor Ferdinand Neumann die Verdächtigung gegen Dr. Ewald vorbrachte, schrieb seine Tochter einen Brief an Prof. Wutz in Eichstätt (18), in dem sie dem Professor ihr großes Leid klagt. Vor allem beschwert sie sich über das Bischöfliche Ordinariat in Regensburg, wo man über sie "recht abfällige Bemerkungen" mache. Ein Hinweis auf Dr. Ewald kommt in dem Brief nicht vor. Aber ein Satz findet sich, der recht nachdenklich stimmt. Es heißt:

"Vielleicht ist, wenn Ostern kommt, die schwere Frage auch gelöst, daß wir dann aufatmen können."

Die schwere Frage ist bekannt. In diesen Tagen zwischen dem 22. Februar und 10. März 1937 muß die Verdächtigung gegen Ewald entstanden sein.

Hätte sich Dr. Ewald wirklich ein taktloses Vorgehen erlaubt, dann hätte ihn Therese ganz bestimmt nicht gelobt, wie sie es getan hat, bis sie merkte, daß er sich von ihr nicht hatte blenden lassen. Als Pfarrer Witt die Unterlagen für sein Buch in Konnersreuth einholte, hat sich niemand, weder Therese noch ihre Eltern, über Ewald beklagt. Im Gegenteil, "die Eltern rühmten sehr sein durchaus taktvolles und respektvolles Benehmen, weswegen sie ihm auch wie dem Herrn Sanitätsrat ihr volles Vertrauen schenkten" (19). Auch die Schwestern haben nicht bemerkt, daß der Stigmatisierten Unwürdiges zugemutet worden ist; sie hätten es auch gewiß nicht zugelassen. Und soll man glauben, daß sich Therese selbst eine schamlose Behandlung hätte gefallen lassen?

Daß sich Dr. Ewald absolut einwandfrei verhalten hat und daß Therese mit ihm vollauf zufrieden war, das offenbart der entsprechende Eintrag im Gruppen-Tagebuch der Schwestern. Am 28. Juli um 8.30 Uhr kam Dr. Ewald in Begleitung des Sanitätsrats Dr. Seidl an.

"Frl. Neumann zeigte nicht die geringste Angst. Die Herren waren aber auch äußerst rücksichtsvoll gegen Frl. Neumann. H. Prof. Ewald nahm die Vorgeschichte genau auf und untersuchte sie eingehend. Frl. Neumann äußerte sich nach der Untersuchung recht zufrieden über H. Professor und H. Sanitätsrat. Sie sagte: Der H. Professor sei ein recht liebenswürdiger freundlicher Herr, sie habe ihn durchschaut, er habe eine edle Seele."

Dr. Ewald nahm die Untersuchung ausschließlich am Donnerstag vor; am Freitag war er bloß Beobachter, denn "eine eigentliche Untersuchung war nicht gestattet".

Prof. Ewald betont in seinem Bericht über die am Donnerstag vorgenommene Untersuchung ausdrücklich:

"Unwahr ist natürlich die Behauptung, daß in irgendeiner Weise von mir mit der Kranken experimentiert worden sei."

Er versichert, daß die Beobachtung stattfand "gemeinsam mit Kollegen Seidl in Gegenwart der Krankenschwestern, bald auch der Mutter oder des Vaters". Andere Personen "gingen ab und zu". Ewald stellt weiter fest, er habe nicht einmal die Brust der Stigmatisierten gesehen, nur die Wunde neben dem Brustbein. Lediglich die Schambehaarung habe er bei einer Bewegung der Therese kurz zu Gesicht bekommen. Über diese Bemerkung beschwert sich Ferdinand Neumann bereits in seinem Schreiben vom 17. Oktober 1932 an den Bischof von Regensburg, in dem er die von den bayerischen Bischöfen verlangte Überwachung seiner Tochter ablehnte. Unter anderem schreibt er:

"Ich möchte auch nicht, daß anläßlich der Beobachtung von Nahrungslosigkeit noch öffentlich bekanntgegeben würde, daß die ,Schamhaare' meiner Tochter normal sind, wie Ewald es für nötig gefunden hat. Es sträubt sich fast die Feder, so etwas zu schreiben, aber es zwingt mich dazu. Als katholischer Bauer kann ich mir das nicht gefallen lassen, von einem kommunistischen Ewald, wenn er auch wissenschaftlich ist. Wo ist da der Schutz des jungfräulichen Schamgefühls?"

Über ein ungeziemendes Verhalten des Arztes konnte sich Ferdinand Neumann nicht beschweren. Das tat er erst am 10. März 1937 und spricht in diesem Zusammenhang von peinlichen Unterleibsuntersuchungen. ja er beschuldigt sogar den Bischof selber:

"Anscheinend aber finden Sie ja das nicht so schlimm, da Sie vor drei Jahren, als Therese bei Ihnen war und davon sprach, wie peinlich ihr jene Untersuchung durch Professor Ewald gewesen, Unterleibsuntersuchungen nicht so bedenklich gefunden haben, zumal sie im Krankenhaus täglich stattfänden, die übrigens auch nicht ohne Einwilligung des Kranken vorgenommen werden dürfen."

Die dem Bischof unterschobene Bemerkung ist eine glatte Lüge, gegen die der Bischof am 13. März 1937 protestiert hat:

"Diese Behauptung weise ich als unwahr mit Entschiedenheit und Entrüstung zurück. Ich habe nie mit Therese Neumann über ein so delikates auch nur ein Wort gesprochen."

Schließlich widerlegt der Vater im gleichen Brief, in dem er gegen Dr. Ewald protestiert, den von ihm gemachten Vorwurf, wenn er schreibt, seine Tochter habe bisher aus Scham geschwiegen, zugleich aber behauptet, Therese habe vor drei Jahren den Bischof instruiert. Dabei soll nach Angabe des Vaters im Februar 1933 Prof. Wutz bei der Unterredung der Tochter mit (lern Bischof zugegen gewesen sein. Wenn der Bischof bei dieser Gelegenheit wirklich die genannte Äußerung gemacht hätte dann müßte zuvor Therese Neumann den bekannten Vorwurf gegen Ewald vorgebracht haben. Sollte dann nur der Vater der Stigmatisierten bis Ende März 1937 von dem Vorgehen Ewalds nichts erfahren haben, weil Therese aus Scham geschwiegen hatte?!

Dabei bringt er den gleichen schweren Vorwurf gegen Ewald bereits am 23. Januar 1933 vor (20). Er behauptet darin, es seien im Jahr 1927 mit seiner Tochter "die schamlosesten Sachen gemacht" worden. Trotzdem beteuert er vier Jahre später, er habe bisher von der Sache nichts gewußt.

Ohne Zweifel konnte weder Therese noch ihr Vater dem Arzt irgendeine unerlaubte oder gar ungehörige Handlung vorwerfen. In jener aber für sie so gefährlichen Lage gab ihnen eine harmlose Bemerkung, nämlich der nebensächliche Hinweis auf die Schamhaare der Stigmatisierten, Anlaß, ein Vergehen zu erdichten, und zwar einem Mann gegenüber, der monatelang nur gelobt worden war. Was hier Therese Neumann getan hat, das ist die bekannte, vor keiner Verleumdung zurückschreckende Abwehrhandlung einer in Bedrängnis geratenen hysterischen

5. Die behauptete Nahrungslosigkeit im Widerstreit nach 1937

Es muß noch auf die Erklärung einer Nichte der Stigmatisierten hingewiesen werden, ihre Tante lebe nicht nahrungslos, sowie auf ihren Widerruf im Jahr 1962 (1). Im Widerruf heißt es:

"Ich erkläre, daß ich meine Tante und Patin Therese Neumann niemals gesehen habe, daß sie irgendetwas gegessen oder getrunken hat, auch nicht in kleinsten Mengen."

Hier wird etwas widerrufen, was vorher gar nicht in dieser Form behauptet worden war. Die Nichte hatte 20 Jahre zuvor eine schriftliche Versicherung abgegeben, ihre Tante esse und trinke wie jeder andere Mensch. Von dem, daß Therese Neumann ihre Nichte beim Essen und Trinken habe zuschauen lassen, war nicht die Rede. Ist der Verdacht unbegründet, daß der Widerruf absichtlich in solcher Form abgefaßt wurde, so daß man ihn beeiden könnte? In der Neuen Bildpost war dieser Widerruf veröffentlicht. Dabei wurde versichert, der Vater der Nichte habe erklärt, er wisse nichts davon, daß er seine Unterschrift gegeben habe. Das entspricht jedoch nicht der Wahrheit. Er hat tatsächlich unterschrieben, mit ihm noch zwei andere Männer. Kann er das vergessen haben? Daß jene Nichte der Stigmatisierten von Konnersreuth genau im Bilde war, was gespielt wurde, beweist auch eine Äußerung, die sie unvermittelt und unaufgefordert in Gegenwart des damaligen Kooperators von Waldsassen Alois Ederer und anderer gemacht hat.

"Wenn unsere Tante einmal tot sein wird, dann müssen eben wir reden."

Auf dieses Reden warten wir allerdings noch.

Auf die persönlichen Verdächtigungen, die von dem Verfasser der Artikelserie in der "Neuen Bildpost" in dem genannten Zusammenhang ausgesprochen wurden, soll nicht weiter eingegangen werden; sie sind einfach widerlich. Der Reporter hat zwar den Weg nach Konnersreuth und nach Eichstätt gefunden, aber zu dem in billiger Weise Verdächtigten ist er nicht gefahren. Das ist die sattsam bekannte Methode, die von dem Konnersreuther Kreis nicht bloß einmal angewandt wurde, um unbequeme Kritiker zum Schweigen zu bringen.

Was hat nun eigentlich jene Nichte der Stigmatisierten beobachtet? Eines Tages begab sie sich in das Neumann-Haus und klopfte an die Zimmertür ihrer Tante. Diese forderte auf, ein wenig zu warten, weil sie sich gerade beim Umziehen befinde. Durch die verschlossene Zimmertür vernahm die Nichte einen Lärm, wie wenn Geschirr weggeräumt würde; auch hörte sie dann das Zuschlagen einer Tür. Als sie vorgelassen wurde, wir nichts Verdächtiges zu sehen. Dann aber, als Therese das Zimmer verlassen hatte, öffnete die Nichte unter anderem eine Schranktür und fand darin einen Teller mit Pickelsteiner samt Eßbesteck. Was die Nichte beobachtet hatte, war kein Einzelfall; zu wiederholten Malen wurden Nahrungsmittel auf dem Zimmer der Nahrungslosen entdeckt. Die Aussage der Nichte freilich hat Therese in arge Verlegenheit gebracht, und zwar so sehr, daß sie alsbald zum Bischof von Regensburg, der sich in Mallersdorf aufhielt, reiste und ihm vormachte, Speise und Trank, die sich auf ihrem Zimmer befänden, seien nicht für ihren eigenen Gebrauch bestimmt, sondern zum gelegentlichen Verschenken an ihre Nichten und Neffen, wenn sie zu Besuch kämen (2). Bei Pickelsteiner allerdings kann man das schwerlich annehmen.

Die Nichte der Stigmatisierten mußte für ihre Aussage schwer büßen. Die Folge war ihre Verbannung aus Konnersreuth. Seit April 1943 hielt sie sich in Eichstätt bei ihrer Tante auf. Nach Bekanntwerden ihrer schriftlichen Erklärung mußte sie in Konnersreuth wie unter Polizeiaufsicht leben, so daß sie kein Wort mit anderen Leuten wechseln konnte. Von Eichstätt aus durfte sie nur für zwei Tage heim zur Erstkommunionfeier ihrer beiden Brüder, wo sie bloß "in Begleitung" gesehen wurde und dann wieder verschwinden mußte (3).

Über die "Nahrungslosigkeit" und die Aussage der erwähnten Nichte der Therese Neumann gibt ebenso Aufschluß eine Niederschrift, die am 22. November 1947 ein Pfarrer der Eichstätter

Diözese angefertigt hat:

"Aussagen der Theresia Härtl, Nichte der ,Resl' von Konnersreuth, etwa 20jährig, Konnersreuth, Hohlgasse.

  1. Resl (R') hat eine heftige Abneigung gegen manche.

  2. R' hat ein eigenes Nebenzimmer, in das sie niemand hineinläßt. 3. In diesem Nebenzimmer hat sie einen elektrischen Kocher, auch einen Nachtstuhl. Die Th. Härtl hat in diesem Zimmer oft noch warmes Essen und benutzten Löffel gesehen.

  3. Die R' bekommt viele Amerikanische Pakete und gibt wenig her.

  4. Die Resl hat Schnaps gebrannt, angeblich für den Pfarrer von Konnersreuth.

  5. Die Th. Härtl war vor etwa 5 Jahren (15jährig) das Opfer einer Art Erpressung. Sie mußte eine ihr vorgelegte Erklärung abschreiben und unterschreiben, daß es nicht wahr sei, daß sie bei R' ein Essen gefunden oder einen frisch gebrauchten Löffel gesehen hat." (4)

Der von Wolfgang Bauer, dem Verfasser der erwähnten Artikel in der "Neuen Bildpost", namentlich genannte ehemalige Benefiziat von Konnersreuth hatte dort die gleichen Erfahrungen machen müssen wie sein Vorgänger Josef Plecher. Sobald sie zu erkennen gaben, daß sie das Spiel durchschaut hatten, wurde ihnen übel mitgespielt. Auch in den Konnersreuther Akten des Bischöflichen Ordinariatsarchivs von Regensburg ist verschiedentlich die Rede von einem ausführlichen Bericht, den der erwähnte Benefiziat nach Regensburg gesandt hat. Er enthielt, wie es heißt, eine Reihe von persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen; die Aussagen der Nichte der Stigmatisierten sind ein Teil des Berichts (5). Die Akte mit dem erwähnten Bericht ist erst am 11. 3. 1971 in das Bischöfliche Zentralarchiv gekommen und konnte im einzelnen nicht mehr ausgewertet werden.

Immer wieder hat Prof. Waldmann betont, daß Therese Neumann ißt und trinkt; das wüßten ihre Angehörigen. Hilda Graef bringt einen bemerkenswerten Auszug aus einem Brief des Professors vom 23. Dezember 1952:

"Aus zuverlässigem Munde weiß ich: Eine Flüchtlingsfrau, also nach 1945, fragte die Mutter der Therese: Nun, was ißt sie (die Therese) denn eigentlich?' Darauf kam die Antwort: Na ja, hie und da ein Oierl (Ei)." (6)

Es ist nicht das erstemal, daß jemand nahrungslos gelebt haben soll. Gerade bei Stigmatisierten soll dies der Fall gewesen sein. Peter Thurston ist der Auffassung, die Verweigerung der Nahrungsaufnahme, "der wir immer wieder bei fast allen Visionären begegnen", müsse nicht notwendigerweise übernatürlicher Herkunft sein". Das ist aber nur dann richtig, falls es sich nicht um völlige Nahrungslosigkeit handelt. In keinem einzigen Fall konnte einwandfrei nachgewiesen werden, daß ein Mensch vollkommen nahrungslos gelebt hat; aber bei sehr vielen hat sich herausgestellt, daß sie zwar viel zu fasten verstanden, aber auf Speise und Trank nicht verzichten konnten.

Prof. Waldmann äußerte des öfteren seine Ansicht - auch Hilda Graef teilte sie -, Therese Neumann könne im Trancezustand gegessen haben, ohne daß sie im Wachzustand die leiseste Erinnerung daran gehabt hätte. Diese Vermutung könnte man wohl für eine kürzere Zeit gelten lassen, aber in Anbetracht der Jahrzehnte ist diese Theorie zu gewagt. Daß Therese wie andere Visionäre und Stigmatisierte in ungewöhnlichem Ausmaß zu fasten vermochte, kann nicht bezweifelt werden; aber nahrungslos hat sie nicht gelebt. Andernfalls hätte sie der Forderung nach einer exakten Überwachung nicht einen so unüberwindlichen Widerstand entgegengesetzt. Ohne Zweifel wußten die Familienangehörigen, wie die Nichte es gewußt hat, daß Therese gegessen und getrunken hat. Abgesehen von Reisen, wo eine Überwachung ausgeschlossen ist, hat sich Therese regelmäßig dort aufgehalten, wo Familienmitglieder waren. Sowohl Pfarrer Naber als auch Prof. Wutz in Eichstätt hatten eine Schwester der Therese als Haushälterin. Außerdem hat Therese keine Reise ohne Begleitung von Angehörigen unternommen.

Die Heiligkeit des Lebens verlangt keine außergewöhnlichen Phänomene. Nikolaus von der Flüe wurde seliggesprochen, obwohl seine Aussage, er esse und trinke nichts, nicht eindeutig als den Tatsachen entsprechend nachgewiesen werden konnte. Beim Kanonisationsprozeß hat der damalige Promotor Fidei Franziskus de Rubeis die Zeugnisse für die Beobachtung der Nahrungslosigkeit verworfene. (8)

Man wendet ein, es sei nicht möglich über längere Zeit Nahrungslosigkeit vorzutäuschen, ohne entdeckt zu werden. Daß dies dennoch gelingt, beweist der uns bereits bekannte Fall Anna Maria Göbel. Und auch sie hätte man sicher nicht überführen können, wenn sie es so gemacht hätte wie Therese von Konnersreuth, die so schlau war, sich nicht in eine Klinik zu begeben. Ein weiteres Beispiel für vorgetäuschte Nahrungslosigkeit erzählte im Jahr 1947 der Volksmissionar F. Schaumberger in meinem Beisein: In einem Frauenkloster wurde er auf eine Schwesteraufmerksam gemacht, die man als Heilige bezeichnete. Seit zwei Jahren, so sagte man, lebe sie ohne jede Nahrung. Später einmal kam der Pater wieder in jenes Kloster. Er erkundigte sich nach der nahrungslosen Schwester. Zögernd bekam er die Auskunft: Sie sei gestorben und habe auf dem Sterbebett eingestanden, all die Jahre geschwindelt zu haben. So etwas ist möglich. Zum Glück hat man in jenem Kloster zu Lebzeiten der "Nahrungslosen" keinen Rummel aufgezogen.

In einem Aufsatz in der "Deutschen Tagespost", 1965, findet Prof. Dr. Mayr für Therese Neumann "eine sehr interessante und wertvolle Bestätigung der Nahrungslosigkeit" in einem zahnärztlichen Attest vom 8. Januar 1932:

"Im Oberkiefer bis auf 2 bis 4 intakte nur zerstörte Zähne und Wurzeln, dazwischen einige Lücken. Von den oberen Schneide- und Eckzähnen waren nur noch die Wurzeln vorhanden. Beim Anblick dieses Gebißzustandes war ich weniger von dieser Tatsache beeindruckt als von der Feststellung, daß dieser ruinöse Zustand ja ganz. anders aussah als sonst: Die zu allen möglichen Formen zerstörten Zähne und kronenlosen Wurzeln glänzten, waren glatt, ohne kariöse Beläge. Sie kamen mir vor wie Steine unter einem Wasserfall, so blank und sauber!"

Im Munde, so folgert Mayr, sei keine normale Bakterienflora vorhanden gewesene die Nahrungsaufnahme durch den Mund sei damit ausgeschlossen. Der Zahnarzt will noch einen weiteren Beweis für die Nahrungslosigkeit erkannt haben. Er gab an, im Gaumen der Patientin eine "muskulöse Entartung" bemerkt zu haben, die "das Schlucken zur Unmöglichkeit mache" (9), Keiner der Ärzte jedoch, die Therese Neumann untersucht haben, hat derartiges vorgefunden.

Mayr nimmt an, keine normale Bakterienflora sei vorhanden gewesen, aber das ist eine unbewiesene Behauptung. Über normale oder anomale Bakterienflora kann nur eine Untersuchung durch einen Fachmann Aufschluß geben. Eine solche ist nicht erfolgt.

Das Gutachten spricht von 2 bis 4 intakten Zähnen im Oberkiefer. Bei diesem Gutachten vermißt man eine exaktere Angabe des Zahnarztes. Er konnte ja feststellen, wie viele Zähne in Ordnung waren. Der behandelnde Zahnarzt in Eichstätt, Dr. Richard Diener, hat vom 5. Mai 1931 an "in etwa zehn Sitzungen" das Gebiß bei Therese Neumann "in Ordnung gebracht". Sein Attest hat er acht Monate später, offenbar aus dem Gedächtnis niedergeschrieben; darum die ungenauen Angaben. Es kann gar nichts aussagen über den Zustand der Zähne in den Jahren vorher, seit Verweigerung der Nahrungsaufnahme. Dr. Mayr meint, seit der Nahrungslosigkeit sein "eine Stagnation des stark auftretenden Fäulnisvorgangs (Karies) eingetreten" und die "vorhandenen weichen Kariesbeläge" seien durch Zunge, Wangen und Speichel weggewaschen worden. Demnach müßten die Zähne seit etwa Ende 1922 in unverändertem Zustand geblieben sein. Die Argumente des Professors sind äußerst oberflächlich und lassen sich leicht widerlegen. Schon Dr. Ewald konstatiert im Jahr 1927: "Die Zähne sind defekt." Im Jahr 1930 war Therese in Behandlung bei einem Zahnarzt; "sie mußte sich mehrere Zähne ziehen lassen, die fortwährend ihre Zunge arg zerkratzten" (10). Ob noch weiterer Maßnahmen zur Sanierung des Gebisses vorgenommen worden sind, wissen wir nicht, obwohl es anzunehmen ist. Ebenso unbekannt ist, ob Therese zwischen 1927 und 1930 in Zahnbehandlung war, War dies mit der falls dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder blieben die Zähne die Jahre hindurch ohne jede Veränderung, dann hätte bisher das Zerkratzen der Zunge Therese nicht weiter gestört, oder die Zähne waren im Jahr 1927 noch in einem besseren Zustand als drei Jahre später. Im Jahr 1930 war also Therese in Zahnbehandlung; auch im Mai 1931 mußte sie die Hilfe des Zahnarztes in Anspruch nehmen. Am 21. Mai wurde sie vom Arzt Dr. Witry untersucht. Zu diesem Zeitpunkt muß die Zahnbehandlung in Eichstätt abgeschlossen gewesen sein, sonst wäre Therese wohl nicht nach Konnersreuth zurückgekehrt. Der Eichstätter Zahnarzt Dr. Diener sagt aus: "Bis auf 2 bis 4 intakte nur zerstörte Zähne und Wurzeln, dazwischen einige Lücken." Dr. Witry konstatiert, nach erfolgter Zahnbehandlung: "Die oberen Zähne sind etwas kariös." Also, der Zahnarzt findet fast nur zerstörte Zähne vor, aber "ohne cariöse Beläge". Kurz nach erfolgter Zahnbehandlung bezeichnet der Arzt Dr. Witry die oberen Zähne als "etwas kariös". Ende Mai 1932 besucht Dr. Witry wiederum die Stigmatisierte von Konnersreuth, die "seit einigen Monaten" ein künstliches Gebiß am Oberkiefer trug (11). Sind nach der Behandlung im Mai 1931 die Zähne weiterhin schadhaft geworden? Das ist ohne Zweifle der Fall gewesen. Therese hatte ja auch späterhin unter Zahnschmerzen zu leiden.

Eines Tages, es war nach 1940, wurde sie vom ehemaligen Domprediger P. Leo Ort besucht. Sie erzählt ihm, daß sie "schon tagelang unter heftigen Zahnschmerzen litt, da der Nerv offenlag". Der Domprediger gab den Rat, sie solle sich doch von ihrem Bruder oder dessen Frau, die beide Zahnärzte seien, behandeln lassen. Sie meinte dazu:

"Daran sterbe ich nicht; das muß man aushalten können. Ich habe die Schmerzen dem Heiland geschenkt. Ich würde mich schämen, wenn ich dieses Opfer zurücknehmen würde." (12)

Der Domprediger kannte, wie er bezeugt, die Stigmatisierte erst seit dem Jahr 1940; ihr Bruder eröffnete seine Zahnarztpraxis nach 1945.

Im November 1947 war Jos. Ludw. Hämmerle in Konnersreuth. Therese war leidend und darum bettlägerig; sie litt an einer "Zahnvereiterung" (13).

Damit ist erwiesen, daß die Zähne der Stigmatisierten regelmäßig, wie bei anderen Menschen auch, defekt geworden sind. Soviel ist also sicher: Die Nahrungslosigkeit läßt sich nicht beweisen in der Art, wie es Pro. Mayr tat.

Das zahnärztliche Attest vom Januar 1932 ist also wertlos, und Prof. Mayrs Schlußfolgerungen sind falsch. Er nimmt offenbar an, Karies werde ausschließlich durch Nahrungsaufnahme verursacht. Wäre dies der Fall, dann hätten nach 1926, da Therese angeblich weder gegessen noch getrunken hat, die Zähne nicht mehr an Zahnfäule erkranken können. Aber selbst wenn Nahrungsreste zwischen den Zähnen und sonst nichts Karies bewirken würden, so würde sicher nicht durch völliges Fasten die bereits vorhandene Erkrankung der Zähne verschwinden Die einmal vorhandenen schädlichen Bakterien stellen deswegen nicht ihr zerstörendes Werk ein. Zudem drängt sich noch eine andere Überlegung auf: Mit dem Stoffwechsel im Körper haben viele Organe unmittelbar zu tun, wie Magen und Nieren, Wollte man eine ähnliche Folgerung hinsichtlich dieser Organe ziehen dann hätten sie nach dem Fortfall ihrer natürlichen Aufgabe auch nicht mehr erkranken können. Nun aber hatte Therese Neumann ihren Angaben entsprechend beständig Magen, Darm- und Nierenstörungen sowie andere Gebrechen.

Einen weiteren "Beweis" bringt Prof. Mayr. "Mit vollkommener Sicherheit, habe sich nach dem Tod der Therese Neumann gezeigt, daß die Gesetze des natürlichen Stoffwechsels aufgehoben waren, denn vier Tage nach dem Tod hätten sich "nicht die geringsten Spuren der Verwesung gezeigt, keine Leichenflecken, kein Leichengeruch, keine Totenstarre". Die Lippen hätten ihre rötliche Farbe beibehalten; lediglich die gebrochenen Augen hätten bewiesen, daß Therese wirklich gestorben war. Durch natürliche Kräfte sei dies nicht zu erklären. Noch deutlicher wird der Professor dem Reporter der "Neuen Bildpost" gegenüber (14):

"Daß die Resl noch vier Tage nach ihrem Tode ohne jedes Zeichen einer Verwesung war, das ist meines Erachtens ein Wunder."

Solch ein Urteil kann sich nicht auf den Wunderbegriff der Theologie stützen. Der Eintritt und Fortgang des Verwesungsprozesses ist von mancherlei Faktoren abhängig; aber gerade die Beendigung der Totenstarre zeigt an, daß die Verwesung begonnen hat. Das sollte ein Theologe und Naturwissenschaftler wie Prof. Mayr wissen.

Offensichtlich will Prof. Mayr mit seiner Feststellung als Schlußfolgerung aussprechen: Eine Verwesung wird nicht eintreten. Nun gibt es Mittel, die den Eintritt der Verwesung hinauszögern. Daß die Ärzte, die von Steiner namentlich aufgeführt werden (15), die oben aufgeführten Feststellungen getroffen haben, ist nichts Besonderes. Aber daß sie Schlußfolgerungen gezogen haben wie Prof. Mayr, ist ausgeschlossen. Was heißt überhaupt "Gesetze des natürlichen Stoffwechsels"? Wie konnte das verlorene Blut erneuert werden, falls überhaupt der Blutverlust so groß war wie behauptet wird? Wie kam es, daß Organe erkrankten und das sich Abszesse bildeten, aus nach vollkommener Nahrungslosigkeit? Wie erklärt man sich, wenn die Gesetze des natürlichen Stoffwechsels aufgehoben waren, die Tatsache, daß im Laufe der Jahre das Körpergewicht der Stigmatisierten ganz erheblich zugenommen hat? Schließlich haben doch auch die Lungen ihre Tätigkeit nicht eingestellt; auch die Atmung gehört zum Stoffwechsel.

Steiner behauptet:

"Der Vater hat zu allen Zeiten, solange er lebte auch ich bezeige das , gesagt: ,Meinetwegen stellen sie die Resl in ein Glashaus und beobachten sie, solange sie wollen, aber herumexperimentieren lasse ich nicht mit ihr'" (16)

Das ist leeres Gerede. Der Vater hätte dieses Angebot nur zu machen brauchen; es wäre sofort angenommen worden, sogar ohne Glashaus. Der Pfarrer, sagt Steiner weiter, habe ihm im Jahr 1949 erklärt: "Wenn nur grad einer von den Regensburger Domherren oder Professoren käme, wir würden ihm ja alle Wege ebnen und alle Beobachtungsmöglichkeiten zu jeder Zeit gewähren." (17)

Aber von Konnersreuth aus könne man doch so einen Besuch nicht anregen, da es falsch ausgelegt werden könne. "Dieses aufrichtige Bedauern" habe der Pfarrer auch 1963 ausgesprochen. Man habe unter der gegensätzlichen Haltung vieler, die Konnersreuth in den letzten 25 Jahren unbeachtet gelassen hätten, sehr gelitten: also seit 1938. Aber was hätte man denn noch tun sollen, nachdem die verlangte Beobachtung abgelehnt worden war? Wann wurden denn alle Wege geebnet? Wann wurden alle Beobachtungsmöglichkeiten zu jeder Zeit gewährt?

Therese Neumann und ihre Familie waren ja stets von Angst erfüllt, sobald nur ein Hinweis auf eine mögliche Überwachung in einer Klinik erfolgte. Auch Pfarrer Naber teilte diese Furcht. In seinem Brief vom 22. November 1937 an den Bischof heißt es:

"Wenn ich an das Vorkommnis bei Gemma Galgani mit Arzt und Bischof denke, kommt mir die Frage: Wird der Heiland in Klinik oder Krankenhaus den von der Wissenschaft verlangten Wunderbeweis gehen Wem nicht, ist dann Therese Neumann eine Betrügerin?" (18)

Ähnlich drückte er sich in den fünfziger Jahren ganz unvermittelt einem Mitbruder gegenüber aus; hier äußerte er besorgt die Furcht, Therese werde dann vielleicht sogar wieder Nahrung zu sie nehmen. Naber begründete seine Befürchtung mit dem Beispiel Gemma Galganis. Der zuständige Bischof Volpi hatte eine Untersuchung durch einen Arzt angeordnet. "Aber als dieser kam, waren sofort alle Phänomene verschwunden." (19) Freilich als Beweis für die Übernatürlichkeit der Stigmen Gemma Galganis läßt sich diese Tatsache nicht gebrauchen. Man kann doch nicht sagen: Gott hat die Wundmale verschwinden lassen, damit man ihre Echtheit nicht nachprüfen konnte. Die Angast des Konnersreuther Pfarrers war auch verständlich im Blick auf die Überwachungsergebnisse in Bickendorf. Als Maria Göbels Hände und Füße mit einem Schutzverband versehen wurden, sprach die Patientin zur anwesenden Schwester:

"Dem Bischof und allen denen, die sie nicht aus guter Absicht, sondern aus Gehässigkeit hierher geholt haben, wird das zum Zeichen sein: Die Wunden könnten heilen."

Die Wunden sind tatsächlich geheilt, und Maria Göbel hat auch gegessen, nunmehr vor Zeigen, was sie bisher insgeheim getan hatte (20).

Die Bereitschaft zu einer exakten Untersuchung war bei dem zuständigen Kreis in Konnersreuth nie vorhanden. So hatte nach dem Krieg ein nichtkatholischer Arzt Therese gegenüber angeregt, sie möge sich vier oder sechs Wochen in einer Klinik beobachten lassen. Falls dann feststehe, daß sie ohne Nahrungsaufnahme lebe, werde er katholisch, weil er dann ein unleugbares Wunder anerkennen müsse. Von da na hat Therese nichts mehr von diesem Arzt wissen wollen. "Der glaubt nicht an mich", sagte sie.

Ein deutscher Prälat hatte von Ärzten gehört, daß die Gedärme einer Person, die überhaupt nichts ißt und trinkt, nach vier Wochen völlig eingetrocknet sein müßten, was unweigerlich den Tod zur Folge hätte. Der Prälat ersuchte den Bischof von Regensburg, er möge eine neue Untersuchung anordnen. Der Bischof verwies ihn an den Pfarrer von Konnersreuth. Nun erklärte Therese sie wolle den Heiland fragen, was sie tun solle. Dieser soll die Weisung gegeben haben: "Die Antwort liegt bei deinem Vater." Nunmehr wandte sie der Prälat an diesen. Aber er hatte seine Bitte ihm gegenüber noch nicht zu Ende gesprochen da schrie ihn der Vater an: "Schaun's, daß Sie hinauskommen!", und machte ihm einen derartigen Spektakel, daß die Nachbarschaft es mitanhören konnte. Im Bericht des Prälaten heißt es: "Noch nie in meinem Leben habe ich eine solche Demütigung erfahren." Der Berichterstatter P. Siwek SJ meint dazu: "War das wirklich die Antwort Christi (21)?"

Im fahr 1951 unterhielt sich der amerikanische Benediktinerpater Bernard Weigl längere Zeit mit Therese Neumann und stellte die Frage: Hat Sie je jemand aufgefordert, nach Regensburg oder an einen anderen Ort zu gehen zur Überprüfung Ihrer Nahrungslosigkeit?" Sie antwortete: Ich bin nie aufgefordert worden." Fünfmal gebrauchte sie die Ausdrücke "verleumdet" und "Verleumdung", als der Pater sie fragte, ob eine entsprechende Aufforderung an sie ergangen sei. Weigl fragte weiter: "Angenommen, der Erzbischof würde Sie auffordern, nach Regensburg zu gehen, würden Sie dorthin gehen oder an einen anderen zu bestimmenden Ort, z.B. Eichstätt?" Die Gefragte erwiderte: "Ich würde lieber nach Eichstätt gehen. Aber wohin ich auch gehe, ich möchte etwas zu tun haben, ich will nicht müßig sein" (22) Auch hier findet sich in der Schlußbemerkung die versteckte Andeutung, daß Therese nicht bereit war, sich einer einwandfreien Überprüfung zu unterziehen. Darüber hinaus muß wohl die bestrittene Tatsache der immer und immer wieder an sie ergangenen Aufforderung zu einer Überwachung nicht anders als eine Lüge zu bezeichnet werden.

Nicht lange nach dem Besuch des amerikanischen Paters, gegen Ende des Jahres 1951, hat sich das Physiologische Institut der Universität Heidelberg angeboten, unter den annehmbarsten Bedingungen die Überwachung vorzunehmen. Der zuständige Pfarrer bezeichnete den Leiter des Physiologischen Instituts, Prof. H. Schaefer, und die von diesem vorgeschlagenen Assistenten als "in jeder Weise vorbildlich". In einem Schreiben, das Prof. Schaefer am 11. Oktober 1951 an das Bischöfliche Ordinariat Regensburg richtete, heißt es unter anderem:

"Der Nachweis, daß die wesentlichen Behauptungen von Therese Neumann richtig sind, würde daher nicht nur eine wissenschaftliche Sensation bedeuten, sondern würde meiner Meinung nach den Wissenschaftler veranlassen müssen, seine Vorbehalte gegen Wunder aufzugeben, Wenngleich nicht erwartet werden kann daß die heutige Menschheit hierdurch wesentlich gläubiger werden würde, so wäre doch zu sagen, daß dem geistigen Kampf gegen die Kirche eine der entschiedensten Waffen aus der Hand genommen wäre. So ungeheuer bedeutungsvoll der Nachweis der Wahrhaftigkeit der Aussagen Therese Neumanns ist, so bedeutungsvoll wäre auch die Tatsache daß sie eine Untersuchung dieser Art ablehnt. ... Wenn Gott wirklich durch Therese Neumann ein Wunder wirkt, so ist es mit der Würde Gottes nicht vereinbar zu denken, daß dieses Wunder nicht auch den Charakter einer Offenbarung an die Menschen unserer Zeit hätte. Wenn Therese Neumann sich einer möglichen Offenbarung widersetzt, so kann ihr Verhalten nicht von Gott und dem heiligen Geist geleitet sein. Ich glaube daher auf der anderen Seite, daß die Ablehnung einer Untersuchung nicht nur den Nachweis eines Wunders, das unter unseren Augen geschieht, unmöglich macht, ich glaube vielmehr, daß aus theologischen Gesichtspunkten zwingend folgt, daß diese Dinge nicht von Gott sind und daher alles um Therese Neumann nur auf die menschlichen Schwächen, Irrtümer und persönlichen Absichten von Personen zurückgeht, welche in keiner Weise von Gott her handeln oder einen göttlichen Auftrag erfüllen. Die Ablehnung der Untersuchung würde also alles, was heute an Klarheit möglich ist, vernichten und die Dinge so durcheinanderwerfen (diaballein), daß diese Haltung im Sinne des Wortes diabolisch bezeichnet werden muß."

Das Heidelberger Angebot wurde dem Pfarrer von Konnersreuth übersandt mit dem Auftrag, die Einladung mit Therese Neumann und ihrem Vater zu besprechen und das Ergebnis mitzuteilen. Der Pfarrer antwortete erst zwei Monate später. Er bringt lediglich das sattsam bekannte, fadenscheinige Argument vor: Der Vater weigert sich.

"Vater Neumann steht immer noch auf dem Standpunkt, auf den er durch allerlei Erlebnisse gebracht und auf dem er hauptsächlich durch Eichstätter theologische Kreise befestigt worden ist. ... Therese Neumann kann und will gegen den charakterfesten Willen des Vaters sich nicht auflehnen. Sie ist für sich hilflos und auf ihren Vater und die demselben gleichgestellten Geschwister angewiesen."

Pfarrer Naber erklärt ebenso sein Einverständnis mit der Ablehnung (23). Was hat Therese Neumann aber dem amerikanischen Pater gesagt? Im Lichte dieser Belege ist die Aussage Thereses durchaus als eine Lüge zu bezeichnen.

In den Jahren 1952 und 1953 bemühte sich Dr. jur. Hermann Mersmann bei persönlichen Besuchen in Konnersreuth um die Zustimmung zu einer Untersuchung, Thereses Vater und Pfarrer Naber lehnten jedoch ab. Am 5. August 1953 hatte Dr. Mersmann wieder eine Unterredung mit der Stigmatisierten. Diese erklärte, wie sich Mersmann ausdrückt, ihre Bereitwilligkeit, falls der Bischof eine Untersuchung anordne. Therese versicherte, keine Furcht zu haben, "wenn sie auch Spritzen bekomme und es dann zu Ende sei, das mache ihr nichts aus." Sie gebrauchte auch die Worte: "Dann kommt der Himmel"; als sie das sagte, "war der ganze Körper erschüttert." Aber eine von Dr. Mersmann vorbereitete zustimmende Erklärung unterschrieb sie nicht, auch nicht ein weiteres Schriftstück mit der Bitte um eine mündliche Aussprache in der Angelegenheit mit dem Bischof. Offenbar fand keine Aussprache statt; sie wäre auch erfahrungsgemäß zwecklos gewesen. Das Bischöfliche Ordinariat von Regensburg konnte gar nichts mehr unternehmen. In einem Schreiben vom 8. Februar 1957, das der Generalvikar Baldauf an das Pfarramt Auw sandte heißt es:

"Nachdem vom Vater der Therese die auch vom Hl. Stuhl ernstlich gewünschte nochmalige Untersuchung des Falles in einem Krankenhaus oder einer Klinik hartnäckig abgelehnt wurde, bestehen zwischen der Bischöfl. Stelle und Therese Neumann keine amtlichen Beziehungen mehr." (24)

Am 26. November 1959 starb Thereses Vater Ferdinand Neumann. Nunmehr war jenes von Therese vorgeschützte Argument sie sei ihren Eltern Gehorsam schuldig, endgültig weggefallen. Da regte am 6. Mai 1961 ein Berliner Arzt, der an die Nahrungslosigkeit der Therese glaubte, in je einem Schreiben an den Regensburger Bischof und an die Stigmatisierte eine neue Untersuchung an. Er bat Therese eindringlich um ihre Zustimmung (25). Wie in ähnlichen Fällen, so hat auch Therese diesmal keine Antwort gegeben.

Kein Arzt wurde von dem Konnersreuther Kreis derart gehaßt wie der Chefarzt des Lippstädter Dreifaltigkeits-Krankenhauses Dr. Deutsch. Immer wieder hat er zur Feder gegriffen, und er hat über das Werk Gerlichs vom ärztlichen Standpunkt aus ein vernichtendes Urteil gefällt. Ebenso hat er Stellung genommen gegen Mediziner, die sich durch die Konnersreuther Phänomene hatten täuschen lassen. Nicht zuletzt entsprang sein mannhaftes Auftreten einer tiefen Liebe zu seiner Kirche.

"Ich habe", so schreibt Dr. Deutsch am 2. April 1937 an den Regensburger Bischof (26), "in meiner 38jährigen ärztlichen Tätigkeit so viele Fälle von Hysterie kennen gelernt, insbesondere habe ich dieses in der 29jährigen Tätigkeit als Oberbegutachter bei Sozialversicherungsträgern mit ca. 20000 Gutachten, daß ich für mich in Anspruch nehmen kann, mit dieser geistigen Verirrung so vertraut zu sein, wie nur wenige andere. Diese Tatsache aber birgt nach der anderen Richtung wieder Pflichten gegenüber der katholischen Kirche für mich in sich. ... Ich kann die Erfahrung, die ich gewonnen habe, dahin zusammenfassen, daß, wenn der Teufel der Vater der Lüge ist, dann die Hysterie ihrer Tochter. Es gibt nichts, aber auch gar nichts, wessen ich Hysterische nicht für fähig hielte, wenn es ihrer Tendenz und ihrem Geltungsbedürfnis entspricht. Deshalb kann das Mißtrauen Hysterischen gegenüber auch nie zu weit getrieben sein. Es müssen schon die handfestesten Beweise vorliegen, ehe man ihnen irgendwie trauen darf. Die ständige Weigerung der Therese Neumann, sich beobachten zu lassen, paßt ganz und vollständig in das Krankheitsbild der Hysterie, wie es in Konnersreuth auch sonst aus tausend anderen Kennzeichen zu erkennen ist. Ein römischer Arzt, der wiederholt zu Gutachten bei Heiligsprechungsprozessen herangezogen worden ist, äußerte vor kurzem, man müsse als Arzt blind und taub sein, wenn man bei Therese Neumann die Hysterie nicht erkennen könnte."

Noch als schwerkranker Mann diktierte der 64jährige Chefarzt den letzten Teil seiner Streitschrift wider Konnersreuth. In einem Offenen Brief sagt er:

"Ich habe in meiner 37jährigen ärztlichen Tätigkeit so viele hysterische weibliche Personen gesehen, die mit wahren Engelsgesichtern zum Tisch des Herrn gingen, und zwar recht häufig."

Um die Einstellung des Arztes etwas zu charakterisieren, sei das Schlußwort in seiner letzten Schrift zitiert:

"Ich bin stolz, als Naturwissenschaftler in der Natur Gottes Gedanken nachdenken zu dürfen, wie Kepler sagt. Ich bewundere Gottes Weisheit und Macht in der wunderbaren und sinnvollen Ordnung, die vom kleinsten einzelligen Lebewesen bis zum Menschen in der organischen Natur herrscht und falte dabei in tiefster Ehrfurcht anbetend meine Hände vor meinem Schöpfer und Erhalter. Als überzeugtem Katholiken ist mir ferner das Blut, das nach meinem Glauben täglich auf dem Altar für uns geopfert wird, unendlich viel wichtiger als das Blut, mit dem Hände und Gesicht einer hysterischen Kranken in Konnersreuth beschmiert sind. ... Nur für die Wahrheit kämpfe ich, gegen Personen nur insoweit, als sie sich der Wahrheit entgegenstellen und in törichter Verblendung einen offenkundigen hysterischen Betrug zu decken suchen. Diesen Kampf werde ich führen bis zum letzten Atemzuge."

Dr. Deutsch hat sich vor allem in seinen letzten Lebensjahren bis zu seinem Tod am 24. August 1938 nach Kräften bemüht, eine klinische Überwachung durchzusetzen; er wußte bereits seit längerer Zeit, daß seine Lebenstage gezählt waren. Davon spricht er in seinem Brief vom 31. November 1937 an P. Brühl. Er ist überzeugt, daß das Neujahrsfest 1938 das letzte seines Lebens sein werde.

"Ich lasse", so schreibt er, "den Kopf nicht hängen; ich glaube fest an meinen Erlöser und habe die feste Zuversicht, daß er mir ein gnädiger Richter sein wird. Ich habe nicht die Absicht, mich ruhig hinzusetzen und abzuwarten, was kommt. Ich möchte arbeiten bis zum letzten Atemzug. Ich weiß, daß keinerlei Kuren einen durchschlagenden Erfolg haben können; sie könnten die endgültige Katastrophe vielleicht etwas verzögern, aber nicht aufhalten. So sei mir Gott gnädig und nehme mich in seine Vaterarme auf, wenn meine Stunde geschlagen hat. Ich habe ihm dienen wollen mit bestem Wissen und Gewissen; er weiß es am besten."

Zum Schluß bat er den Pater, er möge seiner und seiner Angehörigen am Altare gedenken, und fügt hinzu:

"Wenn ich abberufen werde, wird es von den Konnersreuthern als Strafe Gottes ausgelegt werden." (27)

Er hat sich nicht getäuscht. Therese soll gesagt haben, "er sei gestorben, als Strafe für sein Buch" (28). Auf einer anonymen Karte an Prof. Engert wird Dr. Deutsch als ein "Werkzeug des Satans" bezeichnet, dessen "Satanslügen" der Himmel nicht länger mehr habe dulden können (29). Ein "Sühneleiden" hat Therese Neumann für ihren größten Gegner weder zu seinen Lebzeiten noch nach seinem Tod aufgeopfert.

Aber etwas anderes ist geschehen; eine Legende aus obskurer Quelle wurde aufgetischt, um das mannhafte Zeugnis des Arztes, zu entwerten. "Dr. Deutsch hat widerrufen!", so erklärte am 10. Juni 1948 Pfarrer Naber (30).

"Jemand, der in den Sterbestunden des Dr. Deutsch bei diesem gewesen sei, hätte ihm berichtet, daß Dr. Deutsch kurz vor seinem Tode alles mit Bedauern zurückgenommen habe, was er jemals gegen Konnersreuth geschrieben habe."

Nicht ein blasser Schimmer an Wahrheit liegt in diesen Worten, wie die mir auf Anfrage zugekommene schriftliche Versicherung der Gattin des Chefarztes bezeugt:

"Ich kann ... versichern, daß die Äußerung ... nie über die Lippen meines Mannes gekommen ist. Das Gegenteil ist der Fall. Er war bis zuletzt der festen Überzeugung, mit seinem Kampf gegen Konnersreuth der guten Sache gedient zu haben; er nahm immer wieder viele Anfechtungen entgegen, um der Wahrheit zum Siege zu verhelfen ... "

Der Zeuge, von dem Pfarrer Naber spricht, hat ohne jeden Zweifel die Unwahrheit gesagt Dr. Deutsch hat nie widerrufen, auch schon deshalb nicht weil er nicht mehr sprechen konnte. Am 20. August 1938 ist er, nachdem er noch als Todkranker eine schwere Operation durchgeführt hatte, auf sein Zimmer gegangen und ist dort zusammengebrochen. Während der letzten hundert Stunden seines Lebens kam er zwar wiederholt zu Bewußtsein aber sprechen konnte er nicht mehr" (31).

Es ist bezeichnend für den Konnersreuther Kreis, mit welchen Methoden er gearbeitet hat, um Gegner zu erledigen. Als Dr. Poray-Madeyski als Militärattaché nach Rom kam, war dort gerade Erzbischof Teodorowicz anwesend. Der Arzt machte ihm einen Besuch. Später behauptete Teodorowicz, Poray-Madeyski sei als Spion nach Rom geschickt worden und habe ihn, den Erzbischof auf Schritt und Tritt verfolgt. Auf Einspruch der polnischen Militärbehörden mußte Teodorowicz widerrufen (32).

Nicht minder gehässig wurde gegen Dr. Deutsch gearbeitet. Daß der Vater der Stigmatisierten gegen ihn gewettert hat, wird nicht verwundern. Es ist allerdings schon mehr als ein starkes Stück, wenn er ihn in einer für die Juden in Deutschland so furchtbaren Zeit als einen "jüdischen Konvertiten" beschimpft (33). Im übrigen ist Dr. Deutsch, wie er selber sagt, in den katholischen Glauben "hineingeboren und hineingewachsen" (34).

Auch Pfarrer Naber schaltete sich in diese Kampagne ein. Im Brief vom 8. September 1937 an den Bischof von Regensburg brachte er unter anderem gegen Dr. Deutsch vor, er sei gegen Patienten grob gewesen und einmal habe er Steuer nachzahlen müssen, als ob so etwas von Bedeutung in der Angelegenheit gewesen wäre. Am heftigsten richtete die Stigmatisierte von Konnersreuth selbst ihren ganzen Zorn und Groll gegen Dr. Deutsch. Im Brief vom 29. November 1937 an den Bischof bezeichnet sie ihn als Verleumder und Lügner. Sie beruft sich sogar auf eine angebliche Äußerung eines Arztes, der Sturmbannführer war. Dieser habe ihr gesagt:

"Ist eine Schmach für unseren Stand daß dieser Deutsch so schlampig und in solch hinterhältiger Art arbeitet. Solch einer, der urteilt, ohne gesehen zu haben, ist nicht wert, daß man ihn hört. Ist eben nicht ernst zu nehmen."

Gewiß war Dr. Deutsch nicht in Konnersreuth. Er wäre dort gar nicht vorgelassen worden wie die anderen, die Beweise verlangten, und nicht bloß leere Beteuerungen. Was er geschrieben hat, war auf Grund reicher Berufserfahrung wohl fundiert. Auch kannte er auf Grund seiner Korrespondenz mit einer Reihe von Fachleuten z. B. P. Norbert Brühl, Prof. Killermann, Dr. Seidl, Dr. Martini und dem Regensburger Generalvikar und späteren Weihbischof Dr. Höcht, einen großen Teil der einschlägigen Akten.

Bereits im Jahr 1925 hat angeblich die Heilige von Lisieux zu Therese Neumann gesprochen: "Kein Arzt wird dir helfen können." Im Vertrauen auf dieses Wort soll regelmäßig, wenn eine Krankheit auftrat, auf die Zuziehung eines Arztes verzichtet worden sein. Er hätte ja, so sagte man, nicht helfen können, da Therese auch keine Medizin zu sich nehmen konnte. Nur in den letzten Lebenstagen suchte der herbeigerufene Arzt einem Herzanfall mit Strophantinspritzen zu begegnen (35).

Wurde früher nie mit solchen Mittel gearbeitet? Die in Madrid lebende Schriftstellerin Maria Barbara Kolb war bis 1949 von der Echtheit der Konnersreuther Phänomene überzeugt. Dann aber wurde sie bitter enttäuscht durch das, was sie erlebte und erfuhr. Im Jahr 1949 war ihr nach langer Zeit wieder eine Reise nach Deutschland, ihrer Heimat, möglich. Vorher hatte sie mit einer "erstklassigen, besonders in Amerika viel gelesenen Zeitung" vereinbart, sie werde in einem Artikel auf die zahlreichen Anstürme gegen Konnersreuth antworten. Nach ihrem

Besuch in Konnersreuth wußte sie nicht, was sie im Sinne ihres Versprechens hätte schreiben können. In einem Brief von neun Schreibmaschinenseiten an Therese Neumann bringt sie eine Menge von Bedenken vor, die ihr den bisherigen Glauben an die Übernatürlichkeit der Phänomene geraubt hatten. Unter anderem erwähnt sie den Fall, daß sich Therese selber, gegen den Widerstand ihrer Eltern, von dem Arzt Dr. Mittendorfer Spritzen hatte verabreichen lassen (36). Wer kann oder will aussagen, wie oft auch sonst Medikamente verabreicht worden sind?

Hat Therese Neumann nahrungslos gelebt Die Antwort kann nicht schwerfallen wenn man all das abwägt was dafür und dagegen spricht. Wenn Gott an einem und durch einen Menschen serienweise Wunder wirkt, dann muß dieser Mensch sich durch eine Heiligkeit des Lebens auszeichnen, das auch nicht die Spur eines Makels aufweist. Auch in dieser Frage fällt ein Urteil nicht schwer.

Therese von Konnersreuth hat ohne Zweifel gegessen und getrunken wie die übrigen Menschen. Wieweit sie für den Betrug verantwortlich zu nennen ist, das ist eine andere Frage. Bei Hysterischen ist sicher die Verantwortung herabgemindert. Aber Hysterie hebt nicht jegliche Verantwortung auf. Zweifelsohne war Therese nicht allein schuldig; vielleicht trifft sie nicht einmal die Hauptschuld, denn allzu viele haben sie in ihre Rolle mehr und mehr hineingedrängt.

Der unwiderlegliche Nachweis, daß sie nicht nahrungslos gelebt hat, hätte zu ihren Lebzeiten leicht geführt werden können. Eine einwandfreie Beobachtung in einer Klinik hätte den Betrug genauso sicher aufgedeckt, wie es bei anderen "Nahrungslosen" geschehen ist. Ebenso sicher hätte eine Sektion nach dem Tode den Nachweis erbracht. Aber auch ohne diese Beweise sprechen die Tatsachen eine völlig eindeutige Sprache.

6. Entlarvte Betrügerinnen

Nahrungslosigkeit muß wie jedes behauptete Wunder bewiesen werden. Die Beobachtung der Therese Neumann im Elternhaus kann einer ernsten Kritik nicht standhalten. Der Arzt Dr. Hoche sagt in seiner Schrift Wunder der Therese Neunmann eine Prüfung im Elternhaus sei nicht imstande einen raffiniert aufgezogenen Betrug zu entlarven. Die Überführung der Betrüger gelang immer nur, wenn die betreffenden Personen in einen völlig anderen Lebenskreis versetzt wurden, Das war der Fall bei Louise Lateau und Anna Maria Göbel. Aus der nicht geringen Zahl ähnlicher Beispiele seien hier einige erwähnte

Erst im Krankenhaus wurden wie die genannten "Nahrungslosen" zwei angeblich Stigmatisierte des vorigen Jahrhunderts entlarvt, nämlich, Caroline Beller aus Lütgeneder bei Warburg und Anna Maria Kinker aus Borgloh i. W. Bei Caroline Beller schaltete der behandelnde Arzt Dr. Pieper in den angelegten Wundverband ein Papierstück ein, das danach mit Nadelstichen durchbohrt befunden wurde. Die Beller gestand den Betrug ein.

Anna Maria Kinker behauptete, über ein Jahr lang nichts gegessen und getrunken zu haben; trotzdem magerte sie nicht ab. Vierzehn Tage lang wurde sie von unbescholtenen Männern beobachtet. Sie lösten sich zu je zwei alle acht Stunden ab. Nach Schluß der Beobachtung erklärten diese Männer unter Eid, daß die Kranke während dieser zeit nichts gegessen und getrunken habe. Später wurde Kinker aus dem Haus gebracht, "wogegen sich die Verwandten sträubten und der Vater wütete". Da gelang es drei Juristen und Ärzten, ihren Betrug aufzudecken, den sie dann auch eingestand. Sie wurde zu halbjähriger Zuchthausstrafe verurteilt und ihr achtjähriger Bruder, der ihr Nahrung zugesteckt und die Ausscheidungen entfernt hatte, zu 20 Rutenstreichen.

Eine 60jährige Frau aus Pynakker bei Delft aß angeblich nichts. Ärzte hielten mehrere Wochen bei ihr Wache und bestätigten die Tatsache der Nahrungslosigkeit. Nach ihrem Tode wurde aus wissenschaftlichen Gründen ihr Leib eröffnet. Ihr Magen enthielt eine Menge Grütze. Daraufhin gestanden die Angehörigen den Betrug ein.

Dr. Hoche erwähnt einen Fall aus dem Jahr 1879, der in der Freiburger Klinik aufgedeckt wurde. Ähnliche Fälle gibt es genug. Sie beweisen, daß die Überwachung durchtriebener Personen durchaus nicht einfach ist. Dr. Hoche sagt: "Jeder Fall dieser Art ist von einem Wall umgeben ..., der, wie die Erfahrung der Jahrhunderte lehrt, an Ort und Stelle nicht zu durchbrechen ist." (1)

Ebenfalls im vergangenen Jahrhundert lebte zu Boke i. W. eine angeblich Stigmatisierte, die behauptete, nahrungslos zu leben; es war Angela Hupe. Der Beichtvater und mehrere Ärzte schenkten ihr Glauben; auch der zuständige Bischof Konrad Martin ließ sich täuschen. Schließlich entschloß sich die kirchliche Behörde, sie unter die Aufsicht von Klosterfrauen zu stellen. Diese entlarvten sie als Schwindlerin. Mit Tauben- und Hühnerblut bestrich sie ihre Wunden, und das Fleisch der getöteten Tiere aß sie. Zu ihrem Vorgehen hatte sie die Lektüre über Katharina Emmerick angeregt (2).

In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts lebte zu Cordoba in Spanien Magdalena vom Kreuz. Dreimal war sie Äbtissin ihres Klosters. Sie täuschte elf Jahre lang Nahrungslosigkeit vor. 38 Jahre hindurch war sie auf Grund angeblich mystischer Phänomene, wie Ekstasen, Schweben und Prophezeiungen, das Ziel zahlloser Hilfesuchender. Sie brachte es fertig, die berühmtesten Theologen, Bischöfe und Kardinäle ihrer Zeit zu täuschen, sogar die Inquisition, bis ihr Betrug aufgedeckt wurde (8).

Gegen Ende des Mittelalters lebte in Augsburg eine Frau, Anna Laminit, die um 1497 allgemein Aufmerksamkeit erregte. In der Heilig-Kreuz-Kirche räumte man ihr einen besonderen Sitz ein, damit sie bei ihrer Andacht nicht gestört würde. Die Hostie konnte sie nur unter Husten und Halsbeschwerden empfangen. Weil sie nur schwer zu schlucken vermochte, verlangte sie, man möge für sie kleine Hostien backen. Angeblich benötigte sie keinen Schlaf. Sie behauptete auch, nahrungslos zu leben. Eingehende Untersuchungen wurden stets durch ihre Freunde hintertrieben. 16 Jahre hindurch hatte sie ihr betrügerisches Gaukelspiel getrieben, da gelang es der Herzogin Kunigunde, der Schwester Maximilians I., die Schwindlerin zu entlarven. Sie wurde verschiedener Verbrechen wegen zum Tode durch Ertränken verurteilt (4).

Die Parallelen zum Fall von Konnersreuth sind unverkennbar. Wäre Therese in einer Klinik strengstens überwacht worden, dann wäre ohne Zweifel der Konnersreuther Spuk ein für allemal erledigt gewesen. Die Finten Hysterischer sind so ausgeklügelt, daß sie nur schwer aufgedeckt werden können. Eine Überwachung im Elternhaus ist dazu nicht imstande.

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Letzte Änderung: 26. Dezember 2002