Konnersreuth als Testfall

IV. Ekstatische Zustände

1. Die ekstatischen Trancen im Überblick

In der Fastenzeit des Jahres 1926 erhielt Therese Neumann die Wundmale. Gleichzeitig stellten sich Ekstasen ein, die im Laufe der Jahre eine feste Form an nahmen. Im Schrifttum über Konnersreuth, vor allem bei Teodorowicz, wird ausführlich darüber berichtet.

Zunächst muss in aller Kürze etwas über die wichtigsten ekstatischen Zustände gesagt werden, die unterschieden wurden, weil das zum Verständnis der aufgestellten Thesen notwendig erscheint.

Zum Normalfall der mystischen Zustände gehörte, den Angaben gemäß, der Zustand des visionären Schauens. Darauf folgte der Zustand der „kindlichen Eingenommenheit“ und schließlich die „gehobene Ruhe“. Es wurden noch andere mystische Zustände unterschieden; diese sind jedoch nicht so wesentlich, dass man auf sie eingehen müsste.

Anfänglich erlebte Therese Neumann vergangene Ereignisse aus dem Leben Christi oder der Heiligen so, wie sie sich seinerzeit abgespielt haben sollen. Unmittelbar darauf besprach und beurteilte sie im Zustand der kindlichen Eingenommenheit das Geschaute. Zuweilen richtete sie Fragen an die Anwesenden, wie z. B., wem sie ihre Leiden und Schmerzen zuwenden sollte. Fragen, die an sie gestellt wurden, beantwortete sie in der Regel bereitwillig. Dabei verfügte sie lediglich über die „Ausdrucksfähigkeit eines etwa fünfjährigen Kindes, aber die Denkfähigkeit eines Erwachsenen“. Hier hatte sie auch die Gabe des Hellsehens, wie sie sich beispielsweise in dem Erkennen von Reliquien kundtat.

Während Therese im Zustand der „kindlichen Eingenommenheit“ in ihrer Mundart redete, war bei der „gehobenen Ruhe“ die Sprache das Hochdeutsch. Vom Zustand der gehobenen Ruhe, der regelmäßig nach jeder ekstatischen Schauung auftrat, sagt Teodorowicz: „Er stellt sich ohne Rücksicht auf die Ekstase ein, inmitten der Ekstase, untersteht jedoch, was Zeit und Umstände anlangt, keiner Regel.“ Im Zustand der gehobenen Ruhe gab es kein Besinnen, kein Fragen. „Mit ruhigem Ansehen“ gab sie auf ihr vorgelegte Fragen „unwiderrufliche Antworten.“ In diesem Zustand durchschaute sie die mit ihr Sprechenden, zeigte Kenntnis von Ereignissen aus dem Leben dieser Leute und erteilte Anweisungen verschiedener Art.

Die kindliche Eingenommenheit war von höchster Erschöpfung begleitet; Therese hatte oftmals schwerste Beschwerden bis zur Todesgefahr und litt an beängstigenden Erstickungsanfällen. - Im Zustand der gehobenen Ruhe empfand sie keinerlei Schmerzen, ja sie war schmerzunempfindlich. Nach Aretin soll sie dann sogar völlig blind gewesen sein.

Bemerkenswert ist, dass sie, zum normalen Bewusstsein zurückgekehrt, keinerlei Erinnerung an das hatte, was gesprochen worden war. „Nicht selten kam es deshalb vor, dass ein Auftrag lautete: ,Sag der Resl, sie möge dem und dem schreiben, oder das und das tun'“1. Hier gab also die „Stimme“, gemeint ist der „Heiland“, Anweisung, man solle ihr von dem Gesprochenen berichten, weil sie ja sonst, mangels Erinnerungsvermögens, nicht gewusst hätte, was ihr zu tun aufgetragen worden war. Das ist eine unhaltbare These. Es gibt keinen Fall in der echten Mystik, dass Gott einem Menschen Anweisungen erteilt, von denen dieser Mensch nichts weiß. Dadurch wäre ja die Mitteilbarkeit Gottes in Frage gestellt, oder zumindest bedingt von der Anwesenheit eines Zuhörers, der die "Stimme" zu vernehmen vermöchte.

Bei der eidlichen Vernehmung in Eichstätt im Jahr 1953 sprach Therese selber von ihrer völligen Erinnerungslosigkeit an das, Was sowohl im Zustand der erhobenen Ruhe als auch im Zustand der kindlichen Eingenommenheit vorgefallen war: „An das, was ich im erhobenen Ruhezustand sehe, kann ich mich nicht erinnern. An das, was ich im Zustand der kindlichen Eingenommenheit gesagt habe, kann ich mich nicht erinnern."

Diese Erinnerungslosigkeit nach Beendigung der „ekstatischen Zustände“ , die so genannte Amnesie, „hat ihr Analogon in dem posthypnotischen Zustand, in dem erinnerungslosen Zustand, der nach der Hypnose vorhanden zu sein pflegt“2. Warum sollte dieselbe Erscheinung einmal dem Bereich der Natur und das andere Mal dem Bereich der Übernatur zugeschrieben werden?

Auch die Art, wie Therese Neumann aus dem "ekstatischen" Zustand wieder erwacht ist, ausgiebig gähnend wie nach tiefem Schlaf, schließt den Gedanken an echte Visionen aus. Nach Beendigung des „erhobenen Ruhezustandes“, berichtet Pfarrer Naber seinem Bischof, „gähnt und dehnt sie sich wie jemand, der recht gesund geschlafen hat"3.

Hinsichtlich des Zustandes der "gehobenen Ruhe" muss von vornherein bemerkt werden, dass es Ähnliches in der Mystik nicht gibt.

„Einen halbekstatischen Zustand der gehobenen Ruhe, in dem ein Engel oder Maria oder der Heiland aus dem Ekstatischen redet, dabei verborgene oder weit entfernte unnütze Dinge mitteilt, und nicht bloß im Gehorsam, sondern jedem Beliebigen auf ganz unnütze Fragen nach Verborgenem antwortet, in fremden Sprachen redet, wobei zudem nachher jede Erinnerung an das in jenem Zustand Gesprochene fehlt, wo das Verhalten und Reden auf das eines Kindes herabgedrückt erscheint, sucht man beim Kirchenlehrer der Mystik vergeblich. Auch ist dieser Zustand in der ganzen mystischen Theologie unbekannt. Erinnerungslosigkeiten gilt vielmehr als Zeichen unechter Ekstasen."4

2.Die Leidensvisionen

Die bedeutendsten Visionen hatte Therese Neumann an den Freitagen des Jahres. Im Laufe ihres Lebens schaute sie den Heiland auf dem Kreuzweg etwa siebenhundert mal, in 35 bis 50 Teilvisionen. Diese Visionen dauerten jeweils etwa zwei bis fünf Minuten und wurden immer wieder vom „Zustand der Eingenommenheit“ unterbrochen. Eine längere Pause pflegte nach dem Todesurteil durch Kaiphas einzutreten; dies war der „erhobene Ruhezustand“. Die zweite Ruhephase trat zwischen elf und zwölf Uhr ein; dann erlebte Therese die Kreuzigung bis zum Tod des Herrn.

Über den Verlauf einer Freitagsekstase gibt einen interessanten Einblick Prof. Killermann1. Er war mehrere Stunden Beobachter am 22. und 23. Februar 1928. Was er - vor allem über die Äußerungen der Therese während dieser Zeit - überliefert hat, das ist durchaus nicht ergreifend. Therese klagt immer wieder, ihr sei so heiß, erklärt auf eine entsprechende Frage des Pfarrers, dass sie den Heiland gern habe, um gleich wieder festzustellen, dass es auf dem Ölberg kälter gewesen sei als in ihrem Bett, wo es so heiß sei. Wiederholt spricht sie die Vermutung aus, dass der Heiland heimgehe; sie weiß nichts davon, dass er dem Erlösungstod entgegengeht. Hartnäckig behauptet sie im Gespräch mit Pfarrer Naber, Judas habe den Heiland gern gehabt, während sie Petrus abfällig als „Ohrwaschelabschneider“ bezeichnet. Während sie sonst in der Umgangssprache redet, geht sie plötzlich in die Schriftsprache über und schimpft über die ungläubige Wissenschaft, wobei sie sich besonders abfällig über den Arzt Dr. Aigner äußert. Bei dieser Gelegenheit verweist sie auf Sokrates und zitiert seinen bekannten Ausspruch: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Dann stellt sie fest: „Dem Bischof von Würzburg hat der Heiland auch etwas wissen lassen durch Schreiben.“

Am Freitag gegen Mittag ist die Rede vom Kreuzesholz. Dazu meint sie: "Zum Einschürren ist kein Ofen da." Offenbar weiß sie nicht, wozu das Kreuz dient. Als der Pfarrer fragt, was mit dem Holz gemacht werde, antwortet Therese: „Der Heiland darf jetzt heim!“ Der Pfarrer will daraufhelfen, indem er sagt: „Am Ende nageln sie ihn auf's Holz n'auf.“ Darauf weiß Therese nur zu erklären: „Das sag ich ihm.“ Wider der Pfarrer: „Gewiß, die bösen Leut haben ihm viel angetan.“ Nochmals widerspricht sie: „Ganz gewiß nicht!“ - Ein solches Miterleben jener Ereignisse am Karfreitag in Jerusalem stimmt sehr nachdenklich und muss im Vergleich mit der schriftlichen Überlieferung dieser Ereignisse als sehr fragwürdig bezeichnet werden.

Am Freitag vor dem Palmsonntag 1928 waren Zeugen der Passion P. Gemelli, der Pfarrer von Waldsassen, Höfner, Dr. Seidl und Domkapitular Dr. Reichenberger. Die Aufzeichnungen Reichenbergs seien hier auszugsweise wiedergegeben, da auch sie ein anderes Bild als die üblichen Veröffentlichungen vermitteln. Interessant sind vor allem die Bemerkungen der Stigmatisierten nach den einzelnen Visionen:

6.15: Therese zu Reichenberger: Es sei nahe beim Bischof ein Herr, der gegen die Sache ist. „Wer dagegen oder dafür ist, erfährst Du noch. Deshalb wird es auch nicht anders; der Heiland tut doch, was er will: Der neue Bischof möchte alles recht machen.“

6.30: "Herr Martini war auch gut. Aber der Killermann hat sich nicht recht ausgekannt, nicht ganz." - Jetzt wird sie ganz schwach, gähnt, stöhnt. Man kann mit ihr jetzt gar nichts reden. Sie weiß nichts mehr vom Bischof, nichts von der hl. Theresia, kennt mich nicht mehr, auch nicht Dr. Seidl.

Auf Fragen sagt sie: „Den Heiland kenn' ich schon; man muß nicht alles kennen.“ - Als Dr. Seidl eine Frage stellt, antwortet sie: „Heiß ist mir. Wer bist du? Was da schmeckt?“ (Dr. Seidl hatte vorher bei einer Entbindung geholfen und man konnte Lysolgeruch wahrnehmen). - Therese: „Das mag ich nicht, das stinkt.“

6.40: (Nach der Schau der Gefangennahme Jesu): „Wo der Heiland da war, hat es nicht so geschmeckt. Jetzt, wo er furt ist, schmeckt es wieder. Ich vertrag es schon.“

6.45: Therese klagt wieder über den Geruch.

7.00: „Dem Heiland ist es schlecht geworden. Da schmeckt es; das wächst mir da hinein“ (Therese zeigt auf den Mund).

7.05: Therese greift mit der rechten Hand nach dem Rücken und spricht: „Heiland, wie das sticht!“ - Dr. Seidl sagt, es sei rheumatischer Schmerz. Die Mutter behauptet, Therese habe Lungen- und Rippenfellentzündung. Der Vater meint, die Schulter sei geschwollen.

7.15: Therese: „Beim Heiland stinkt es nicht so.“ - Um 7.30 Uhr entfernt sich Dr. Seidl.

7.30: Therese klagt, jetzt rieche auch ihre Hand (Dr. Seidl hatte ihr zum Abschied die Hand gereicht). - Therese: „Dem Heiland zulieb will ich dieses Zeug ertragen.“ - Sie tut, als ob sie sich erbrechen müßte; dazu ist sie offenbar stark gereizt. - „Es würgt mich drinnen; was das ist?“ - Es folgt ein starker Versuch zu erbrechen. Die Mutter fährt ihr mit dem Finger in den Mund; sie erbricht etwas Schleim. - Starkes Würgen.

8.25: „Da geh ich fort von dem stinkenden Zeug.“

9.00: „Durch die Wissenschaft kommt niemand dem Heiland näher, sie glaubt nicht an Gott. - Der Weihbischof ist gut, den hat der Heiland gern; er hat es mit der Wissenschaft nicht so arg. Im Domkapitel sind solche, die es mit der Wissenschaft arg haben. Was hat der Heiland für Wissenschaftler gehabt? Größtenteils Fischer. - Der Heiland hat es ihm verziehen, dem alten Bischof. Der jetzige Bischof ist anders; er erkundigt sich besser.“ - Zu Gemelli: Sie sagt ihm, daß er wahrscheinlich bis Mittwoch beim Hl. Vater in Rom sein werde, wenn nichts dazwischen komme (Nachher bestätigte Gemelli, daß er tatsächlich die Absicht habe, bis Mittwoch zum Hl. Vater

zu kommen).

9.50: Die Mutter fordert die Herren zum Verlassen des Zimmers auf. - Wunden und Blut sind trocken.

9.55: Beim Wiedereintreten ist das Blut der linken Hand wieder frisch.

13.40: Therese zu Reichenberger: „Du kannst wieder heimfahren, wenn Dir auch der Bischof sagte, daß Du bis morgen bleiben mußt. Die Gnad' kommt vor Ostern nicht mehr“ (Der Bischof hatte Reichenberger beauftragt, für den Fall, daß Therese den Empfang der Hostie für Samstag in Aussicht stelle, solle er bleiben)2

Die Bemerkungen während der Visionspausen weisen keinen religiösen Gehalt auf. Beachtenswert ist bei der Schilderung Reichenbergers, ähnlich wie bei anderen entsprechenden Berichten, die nicht stilisiert sind, wie Therese während ihrer Ekstasen fortwährend von dem Gedanken an ihre Gegner verfolgt wird.

Bei den Auskünften über das in der Ekstase Geschaute muss berücksichtigt werden, dass sie nur erfolgten auf Befragen, und zwar ausschließlich durch den anwesenden Pfarrer Naber. P. Gemelli schreibt hierüber als Zeuge:

„In diesem Zustand spricht Therese Neumann nur, wenn sie befragt wird. Ihre Antworten sind dann kurz, ja einsilbig, höchstens aus zwei oder drei Worten bestehend; der Ton ihrer Stimme ist vom normalen ganz verschieden; die Worte werden wie schleppend, aussetzend, unregelmäßig in einem Klageton ausgestoßen; oft wird das Wort nur leise geflüstert.“ Die Antworten entsprächen der Form nach der Sprechweise eines Kindes; ihr Inhalt sei „sehr kindisch“. „Während des ,Ekstasezustandes' wurde Therese Neumann wiederholt von den Anwesenden befragt. Sie antwortete aber fast ausschließlich dem H. Pfarrer und tat es einsilbig und aussetzend. Meistens sind es Gespräche, in denen der H. Pfarrer ihr ein Wahl stellte. ... Die Antworten waren beschreibender Art und bezogen sich meistens auf Personen oder Stellen der Passion Christi. Manchmal aber waren die Antworten sonderbar, merkwürdig; einige waren sogar komisch, andere kindisch. ... Es ist aber nie vorgekommen, daß Therese Neumann während ihres Zustandes aus freien Stücken ein Gespräch geführte hätte, so kurz dieses auch sein mochte“3.

Viele Zuschauer waren innerlich ergriffen, wenn sie die blutbefleckte Stigmatisierte von Konnersreuth sahen. War auch Therese selber vom Leiden Jesu für die Menschheit, von seinem Erlöserleiden für die sündigen Menschen religiös ergriffen? Dies scheint nicht zuzutreffen. Vielmehr war ihr „Mitleiden“ rein ästhetisch, jedoch nicht religiös normiert; es hat nichts gemein mit wirklicher Frömmigkeit. Was der evangelisch-lutherische Pfarrer Simon schreibt, ist keinesfalls ein zu hartes Urteil:

„Was ist Golgotha für sie? Ein vergangenes Schauspiel? ... Aber eine religiöse Bedeutung kann einer solchen Schau, die den Sinn der Vorgänge überhaupt nicht kennt, unter keinen Umständen zugesprochen werden. Theresia erlebt nur mit, was sie sieht; das ist rührend in der Intensität, mit der sie es erlebt, aber es kann nicht davon gesprochen werden, daß dieses Miterleben religiös sei. Denn nicht darauf kommt es an, was Jesus gelitten hat, sondern, sondern darauf wer das alles gelitten hat; und daß er es für uns gelitten hat. Daß es Jesus ist, der da leidet, das tritt in den Visionen und im Mitleid der Therese vollständig zurück. Es ist das Marterleiden eines Menschen, der zufällig Jesus heißt. So liegt in Konnersreuth auch der Nachdruck ganz auf dem physischen Leiden Jesu. Der seelische Untergrund, der dem Leiden des Körpers erst seine erdrückende Last gibt, bleibt unberücksichtigt. Das Leiden des Unschuldigen unter der Last der Weltschuld, das Leiden aus der Liebe zu der Welt, die ihn verrät und martert, das Leiden im Gefühl der Gottverlassenheit - das erst ist doch das Leiden Jesu! ... Das Kreuz Christi ist uns Christen doch das Gericht über die ganze Welt in ihrer Sündhaftigkeit. Von diesem Bewußtsein der im Kreuz Jesu gerichteten Weltschuld, gar von ihrem persönlichen Mitverflochten sein in diese allgemeine Weltschuld merkt man aber bei Therese Neumann nichts. ... Ebenso wenig wie Gottes großes ,Nein!`zur Sünde der Welt, das im Kreuz Christi gesprochen wurde, kommt in Konnersreuth das ewige ,Ja!' Jesu zum Ausdruck. Das bedeutsame am Leiden Jesu ist ja doch gewiß nicht das dingliche Leiden mit seinen Wunden und Blutstropfen. Wir sehen darin doch vor allem den vollkommensten Ausdruck des Gehorsams und der Liebe Jesu. ... Von diesem geistigen Gehalte des Leidens Jesu aber schweigt in Konnersreuth alles, vom Glauben, vom Gehorsam, von der Liebe Jesu – auch nicht ein Wort! Bei solchen Mängeln können wir in der intensiven Beschäftigung Theresens mit den Leidensphasen Jesu grundsätzlich nichts anderes sehen als eine religiös verbrämte Parallele zu dem Wühlen in den schauerlichen Einzelheiten gräßlicher Folterungs- und Hinrichtungsszenen, wie sie Hintertreppenromane übelster Sorte ausmalen. Es ist eine harte Feststellung, aber sie muß einmal gemacht werden, damit die religiöse Betrachtung des Leidens Jesu vor Verzerrung und Mißdeutung bewahrt werde! Denn Christus hat nicht darum gelitten, daß kranke Phantasierer sich unter dem Deckmantel der Frömmigkeit getrost an solchen Szenen weiden können! Gar ein Gemütszustand, der sich in das körperliche Verspüren der Wunden Jesu hineinbohrt, scheint uns mehr als mit der echten Frömmigkeit mit einer Seelenkrankheit verwandt zu sein, für die nur Schmerzen Wollust bedeuten.“4

3. Andere Visionen

a) Allgemeines

Zu den gewohnten Visionen am Freitag durfte Therese Neumann auch andere Bilder aus dem Leben Christi oder der Heiligen, je nach der Zeit des Kirchenjahres schauen. Es kam oft vor, daß sie urplötzlich von den Schauungen gleichsam überfallen wurde. Von solchen Ekstasen schreibt Luise Rinser:

„Sie kommen ungerufen. Es kommt vor, daß Therese bei der Gartenarbeit davon betroffen wird; dann entfällt ihr Rechen oder Gießkanne. Oder sie spielt mit Kindern und hält eines auf dem Schoß; plötzlich breitet sie die Arme aus und das Kind entgleitet ihr. Oder sie hustete, mitten im Husten fällt sie in Ekstase und sie hustet erst zu Ende

Offenbar stellten sich Visionen mit Vorliebe dann eine, wenn Beobachter zugegen waren, denen etwas bewiesen werden sollte. Therese war bei Prof. Wutz in Eichstätt zu Besuch. Da kommt sie spät in der Nacht in die Schlafkammer der Anni Spiegl und berichtet über ihr über die Tagesereignisse. Plötzlich hatte sie ein Vision über die Heilung des Blindgeborenen. - Eines Abends machten die Stigmatisierte und Anni Spiegl im Eichstätter Krankenhaus Besuch bei der Oberin und einer Mitschwester. Während das Gesprächs gegen 23 Uhr wurde Therese von einer Vision überfallen; sie schaute die wunderbare Brotvermehrung. - Nach einem Besuch des Dompfarrers Kraus schaute Therese plötzlich den Engelsturz1, als sie sich gerade an der Haustür verabschiedeten.

Etwas Merkwürdiges ist Aretin aufgefallen bei solchen Visionen, „die Therese ganz unregelmäßig plötzlich überfallen“. Sie sei hier nicht die „Mitleidende, sondern nur Zuschauerin und Zuhörerin“.

„Da sie körperlich nicht sonderlich groß ist, so kommt es vor, daß ein Teilnehmer der geschauten Szene ihr den Ausblick auf das Geschaute verstellt. Dann biegt sie sich aus ihrer Lage heraus, um an der störenden Gestalt vorbei freie Sicht zu bekommen. So war ich z. B. am Peters- und Paul-Tag 1929 Zeuge dr Vision der Berufung Petri, bei der ein Jünger des Herrn der auf einem Kanapee Liegenden den Ausblick auf die beiden Hauptpersonen versperrte. Therese beugte den Oberkörper, damit ihr nichts entgehe, so weit heraus, dass der Oberkörper schließlich vom Kanapee weg frei in die Luft ragte. Ich eilte hinzu, um den unvermeidlichen Sturz auf den Boden aufzuhalten, und ergriff sie, um sie zu stützen, an der rechten Schulter. Es war unnötig. sie stürzte nicht, aber ich erlebte das Unerklärliche, dass dieser ganze schwere Körper nicht mehr wog als eine Briefmarke“2.

Offenbar beugte sich Therese Neumann nicht so weit über den Rand des Sofas hinaus, dass die Verlagerung ihres Körpergewichts einen Sturz hätte zur Folge haben müssen.

Die Dauer der einzelnen Visionen war nicht gleich. Gewöhnlich nahmen sie wie die einzelnen Teilvisionen an den Freitagen nur ungefähr 5 Minuten in Anspruch. Den Berichten zufolge hatte Therese Neumann im Lauf eines Jahres etwa hundert Visionen. Wie sie versicherte, vermochte sie die dabei geschauten Einzelheiten genauso im Gedächtnis zu behalten wie jedes andere Ereignis im Leben. Das Geschaute schilderte sie sowohl in der „einfachen Ekstase“ wie auch danach im Wachzustand. Therese bezeichnete ihr Gedächtnis über den Inhalt der Visionen als treu. Eine Ausnahme bildeten "ihre Äußerungen in der einfachen Ekstase oder im Zustand der gehobenen Ruhe, und zwar diejenigen, die sich vor allem auf die Gewissens- und Seelenfragen beziehen“3. Ganz klug wird man aus ihren Angaben nicht.


Während der Visionen war Therese Neumann zuweilen nicht nur Zuschauende, sondern sie wirkte selber als Beteiligte mit: „Bei der Darstellung im Tempel legte Simeon auch Resl das Kind in die Arme. Diese Seligkeit konnte sie kaum ertragen. Ebenso erging es ihr, als das zweijährige Kind die Waisen aus dem Morgenland begrüßte. Auch Resl durfte dem Kind die Hand geben. Hierüber ist sie vor Freude ohnmächtig geworden.“ Bei der Grablegung am Karfreitag durfte sie beim Einwickeln helfen. „Mit ihren Händen machte sie die Bewegung mit.“4 - Mit dem historischen Ablauf der Ereignisse hat so etwas nichts mehr zu tun.

b) Visionen und historische Wirklichkeit

„Der Inhalt der Visionen“, schreibt Fahsel, „weicht niemals von den Grundlagen des Evangeliums und der christlichen Sittenlehre ab.“ Das erscheint ohne weiteres glaubwürdig, da der Ausdruck „Grundlagen des Evangeliums“ ein verschieden deutbarer Begriff ist. Wie hätte sich Therese Neumann in ihren Äußerungen in grober Weise gegen die christliche Sittenlehre verfehlen können, wenn sie unter der ständigen Kontrolle ihres Seelenführers Pfarrer Naber stand?

Die Frage, die uns beschäftigt, lautet vielmehr: stimmen die geschauten Erlebnisse mit den Berichten der Evangelien oder sonstiger bezeugter Überlieferungen überein? Von manchen Konnersreuthanhängern wird dies zwar als ziemlich bedeutungslos bezeichnet; aber man kann doch nur dann Gott als den Urheber der Visionen bezeichnen, wenn der Inhalt des Geschauten mit dem tatsächlichen Geschehen übereinstimmt. Es lässt sich aber nachweisen, dass vieles von dem, was Therese visionär erlebt haben will, mit den Berichten der Hl. Schrift oder sonst verbürgter Berichte nicht im Einklang steht. Manches entspricht bloß gängigen Ansichten, die zum Teil aus Bildern oder Schriften übernommen werden; anderes stammt aus Legenden oder direkt von der Visionärin. Was beispielsweise Therese in ihren Visionen über das Martyrium der hl. Katharina zu sagen weiß, was sie aus dem Leben der hl. Maria Magdalena, vor allem über ihre Fahrt mit Lazarus, Martha und anderen Begleitern nach Südfrankreich erzählt, das ist nichts anderes als eine Nacherzählung frommer Legenden, die von heutigen Hagiographen aus den schwerwiegendsten Gründen als reine Erdichtungen abgelehnt werden.

Dasselbe ist zu sagen, wenn Therese „an einem Freitag vor dem Kirchweihfest, wie auch sonst öfter“, abseits vom Kreuz „eine große Menge modern gekleideter Leute“ stehen sieht, „die gegen die Liebe des Heilands und sein Leiden kalt und gleichgültig sind, darunter auch Angehörige des Klerus“1. - Hier handelt es sich nicht um eine Vision, sondern um die simple Äußerung von aufgestautem Groll gegen Zweifler.

Maria soll nicht ärmlichen Verhältnissen entstammt sein. „Das Haus ihrer Eltern Joachim und Anna schaute Therese als ein schönes Steinhaus, wie es begüterte Leute hatten, auch sah Resl Maria in der Tempelschule zu Jerusalem. Es konnten sich nicht alle Eltern leisten, ihre Kinder in die Tempelschule zu schicken. Die Armut begann mit der Geburt ihres Kindes im Stall, aber nur, weil in der Herberge kein Platz war.“ -Diese Aussage der Therese Neumann steht im Widerspruch zu den Berichten der Hl. Schrift. Falls Maria aus einer begüterten Familie stammte, hätte sie nicht bloß als Opfer bei der Reinigungszeremonie einer Wöchnerin „ein paar Turteltauben oder zwei junge Täubchen“ bringen dürfen; denn nach dem Gesetz war dies das für die ärmeren Leute festgesetzte Opfer.

Wie Therese versicherte, war die Mutter Anna dreimal verheiratet, zuletzt mit Joachim. Aus ihrer zweiten Ehe mit einem gewissen Heli soll eine Tochter gestammt haben, die einen Mann, Kleophas mit Namen, heiratete. Aus dieser Ehe sollen zwei Kinder hervorgegangen sein, die später Spielgenossen des kleinen Jesus geworden seien. Es wurde bereits die Ähnlichkeit dieser Vision mit jener der Seherin von Dülmen erwähnt.

Im Jahr 1929, so berichtet das „Konnersreuther Sonntagsblatt“, schaute sie die Flucht der Hl. Familie nach Ägypten. „Auf der Reise begegnete die flüchtende Familie einer Nomadensippe, von der sich Maria Milch und Wasser erbat. Die Frau der Nomaden hatte mehrere Kinder, darunter war eines vom Aussatz befallen. Nachdem Maria Wasser erhalten hatte, badete sie darin das Kind. Danach badete darin auch die Nomadin ihr aussätziges Söhnchen und es wurde sofort geheilt. Nach einer weiteren Aussage soll dieses geheilte Kind später der rechte Schächer geworden sein.“ Woher hatte die Seherin ihr Wissen? Was sie, die niemals auch nur eine Zeile über Katharina Emmerich gelesen haben will, zum besten gibt, ist wiederum nichts anderes als eine Nacherzählung dessen, was Katharina Emmerich am 10. März 1821 geschaut haben will: „Maria habe Wasser in einer Mulde, Jesum zu baden, begehrt und unter einem Tüchlein ihn gebadet, habe dann der Frau gesagt, ihr aussätziges Kind hineinzulegen, welches sogleich rein geworden.“ - Wie wenig Zuverlässigkeit solche Phantasiegeschichten an sich haben, lässt sich an einem anderen Beispiel nachweisen. Nach einer Vision am 3. Oktober 1930 erzählte Therese, sie habe unter anderem geschaut, wie der Heiland einen Knaben herbeigerufen und zu den Jüngern gesprochen habe: „Wer sich verdemütigt wie dieses Kind, der ist der Größte im Himmelreim.“ Dieser Knabe, behauptete sie, war derjenige, den wir aus der Geschichte der Kirche als Ignatius von Antiochien kennen2. Diese Auskunft ist ohne Zweifel falsch. Ignatius war in seiner Jugend Schüler des hl Johannes. Er starb als siebzigjähriger Greis um das Jahr 109. Demnach konnte er um die fragliche Zeit noch nicht am Leben gewesen sein.

Unseren Krippendarstellungen entsprechend, schaute Therese an Weihnachten den Stall von Bethlehem aus Holz gebaut, an einen Berg angelehnt; der Stall hatte ein schräges Dach. so schildert Therese den Stall das eine Mal; das andere Mal lässt sie ihn aus Stein gebaut sein. - Von den Weisen aus dem Morgenlande sagt sie, sie hielten sich Sternkundige und Gelehrte und bauten sich zur Beobachtung der Sterne hohe Türme, die mit Strickleitern erklettert werden mussten. Sie wanderten nur bei Nacht, weil der wunderbare Stern bei Tag unsichtbar war. Über dem Ort, in dem die Hl. Familie wohnte, schien der Stern herabzustürzen3.

Einen phantastisch-blutrünstigen Eindruck macht die „Ecce homo-Szene“ , die Boniface schildert:

„Die Geißelung, die aus vollen Leibeskräften und mit unverhohlener Freude durch drei völlig betrunkene römische Soldaten ausgeführt wurde, wird nach kurzer Zeit auf Befehl des Pilatus unterbrochen, der ihnen befiehlt, das Antlitz des Gegeißelten zu bearbeiten, um ihn dem Pöbel in einem erbärmlichen Zustand vorführen zu können und sein Mitleid zu erregen. Aus voller Herzenslust stürzen sich die drei Kriegsknechte auf das neue scheußliche Geschäft. Das Blut schießt bald aus dem Mund, der Nase, den Augen, aus dem ganzen Antlitz des Nazareners, der rasch mit Wunden und blutunterlaufenen Flecken bedeckt ist. Sobald Pilatus seinen Zustand für erbärmlich genug hält, zeigt er den Gepeinigten der ungeduldigen Menge, die draußen lästert und tobt: ,Ecce homo -welch ein Mensch!' Die blutgierige Menge lässt sich jedoch nicht beschwichtigen. ... Die Geißelung geht weiter. Als sie beendet ist und man ihm gestattet, wieder seine auf Erden liegenden Kleider zu nehmen, bückt sich Jesus, um sie aufzunehmen. Da versetzt ihnen einer der Mordbuben einen Fußtritt, dass sie weit fortfliegen.“ ... Man setzt den Heiland auf einen Thron; er wird mit Lumpen bedeckt und verspottet. Therese schaut einem der Unmenschen genau zu, „wie er mehrmals den Augenblick erwartet, in dem Jesus seufzt, um ihn dann in den geöffneten Mund zu spucken“. Das grausige Spiel wird beendet, indem die Peiniger dem Heiland „auf die possierlichste Weise“ eine Krone aufs Haupt setzen. „Die von ihnen benutzte Krone ist jedoch nicht aus regelmäßig geschlungenen Dornen oder Wildrosenzweigen gebildet, wie es überliefert wird, sondern sie war wie ein unförmiger Hut aus orientalischem Akanthus mit langen, spitzigen, gedrängten Dornen angefertigt. Sie wurde mit Knüppeln eingeschlagen, damit die söldner sich bei der Berührung nicht selbst verletzten.“4

Diese Visionen muten sehr unwahrscheinlich an und erinnern an jene Bedenken, die Pfarrer Simon über die Passionsvisionen vorgebracht hat! Vielmehr scheint es sich hier um krankhafte Phantasien, nicht um echte Visionen zu handeln, und die Spur eines religiösen Gedankens ist hier kaum zu finden.

Ein lehrreiches Beispiel dafür, dass die Ekstatikerin in ihren Visionen nur das wiedergefunden hat, was sie zuvor gelesen oder sonst wie gewusst hat, ist die Schau der Ölbergszene5. Therese wird während der Ekstase gefragt, wie der Mond ausgesehen habe. Sie beschreibt eine aufrecht stehende Sichel mit der Hand. Jetzt bemerkt Prof. Killermann zu Pfarrer Naber: „Im Orient hat der Neumond im Frühjahr die Form eines Kahnes oder Schiffchens.“ Erregt erwidert der Pfarrer: „Die Resl, der Heiland wird das besser wissen!“ Der Protest ändert nichts an der Tatsache, dass die Auskunft nicht richtig war; denn nach den Berichten der Hl. Schrift wurde das Osterfest immer in der Zeit des Vollmondes gefeiert. - Therese sah den Mond in Sichelform. Das hing ohne Zweifel mit dem Ölbergbild zusammen, das im Stiegenhaus der Familie Neumann hing. Killermann wurde hernach darauf aufmerksam, als er wegging. Auf diesem Bild war der Mond so dargestellt, wie Therese ihn während der Ekstase geschaut hatte. Wahrscheinlich hätte sie aber trotz der falschen Mondphasendarstellung auf dem erwähnten Bilde doch die richtige Antwort auf die Frage nach der Gestalt des Mondes gegeben, wenn nicht auch Prof. Killermann und Pfarrer Naber ein Irrtum unterlaufen wäre. „Übrigens“, so schreibt Killermann am 23. Juli 1938 an Dr. Deutsch, „haben wir uns beide geirrt: Es muß ja damals (14. Nisan) Vollmond gewesen sein“. Auf dem Wege von Gedankenübertragung hätte wohl Therese, wenn die beiden Theologen sich in die damaligen Zeit- und Himmelsverhältnisse hineinversetzt hätten, die richtige Antwort gegeben.

Anderthalb Jahre später freilich wusste Therese besser Bescheid. Ein Regensburger Domvikar hatte auf die unrichtige Vision der Mondgestalt hingewiesen. Das war der Grund, warum Pfarrer Naber am Freitag, dem 15. Oktober 193O, die stigmatisierte im „Zustand der Eingenommenheit“ fragte: „Resl, sag uns, wie hat der Mond ausgesehen auf dem Ölberg? Das war doch nur der halbe oder ein viertel vom Mond? Weißt, so eine Sichel?“ Die Antwort lautete jetzt: „O nein, nein, das war der volle Mond, so, so (und sie zog einen deutlichen Kreis mit dem Zeigefinger auf dem Oberbett, zwei- bis dreimal).“ Der Pfarrer fragte weiter: „Resl, aber ein Stückl davon hat doch gefehlt!“ Therese widersprach: „Kein Stückl hat g'fehlt. Aber oben rechts war ein gelber Rand“7 -Erst jetzt hat es der „Heiland“ besser gewusst.

Eine sonderbare Ergänzung erfährt durch Therese Neumann der evangelische Bericht über die Gefangennahme Jesu auf dem Ölberg. Therese verkündete an einem Freitag, an dem Prof. Killermann anwesend war: „Einer hat ihm das Auge ausgeschlagen; dann hat der Heiland es wieder hinpickt.“ - Der Pfarrer fragte: „Was habens' dann ihm angetan ?“ -Therese gab die Auskunft: „Zusammengebunden habens' ihn ... in den Bach gestoßen.“ - Als der Pfarrer nach Mitternacht feststellte, Therese schlafe, widersprach Killermann. Da lächelte sie und sprach zu ihm: „Du glaubst es auch noch einmal.“ Killermann erwiderte: „Das bildest Du dir nur ein.“ Sie lächelte bloß dazu8. Der Professor ist kein „Gläubiger“ geworden.

Man möchte meinen, die Visionen hätten Therese eine tiefere Einsicht vermitteln sollen. Aber gerade das Gegenteil ist der Fall. Ihr Interesse richtet sich offensichtlich nur auf äußere, nebensächliche Dinge, die zuweilen mit recht zweifelhaften Szenen ausgeschmückt werden. Das Geschaute lässt sich oftmals mit dem Bericht der Evangelien und sonst verbürgter Begebenheiten nicht oder nur schwer vereinbaren. Vom Verräter, den Therese nach landläufiger Auffassung als rothaarig bezeichnet, behauptet sie, er habe den Heiland geliebt; Pilatus soll den Heiland mit Ehrfurcht behandelt haben, während Petrus getadelt wird, weil er sich bei der Gefangennahme des Meisters gewehrt hat. Als sie gerade Petrus Vorwürfe machte, da meinte der anwesende Professor Wutz: „Aber, Resl, mir scheint, du bist heute etwas dumni.“ Und Resl gab zur Antwort: „Und mir scheint, du bist noch dümmer“9. -Eine sonderbare Antwort, wenn man bedenkt, dass die ekstatischen Auskünfte dem Heiland zugeschrieben wurden !

Im Widerspruch zum Bericht der Evangelien, der ganz eindeutig davon spricht, dass der Heiland auf dem Ölberg seine Jünger schlafend gefunden hat, betont Therese, die drei Apostel

seien weder gelegen, noch hätten sie geschlafen. so erzählt Therese nach ihrer Freitagsekstase vom 4. auf 5. März 1926. Zwei Jahre später, als sie offenbar besser unterrichtet war, weiß sie mehr, nämlich dass die Apostel wirklich geschlafen haben11.

Ebenso hat Therese Neumann, als verschiedentlich an ihrer Behauptung Anstoß genommen wurde, widerrufen, Judas habe den Heiland geliebt. Im Jahr 1930 sah sie in Judas „nicht mehr den Guten, sondern den Schurken“12. In einem Punkt allerdings hat sie bei den Freitagsvisionen nie ein besseres Verständnis bekommen: sie hat nie begriffen, dass der Heiland wirklich zum Tode geführt würde.

Wie wir dem Evangelium entnehmen, wurde Judas im Zusammenhang mit der jüdischen Paschafeier entlarvt und hat dann den Saal verlassen; bei der Feier der hl. Eucharistie war er sicher nicht mehr anwesend. Therese sieht das anders. Eine merkwürdige Sache, wenn sie schildert, die Speisenden hätten nach dem Mahle auch die Teller verzehrt, von denen sie vorher das Fleisch genommen hätten. Die Teller seien runde Fladen dünn gebackenen Brotes gewesen. Jesus habe dem Judas das geheimnisvolle Brot gereicht; nunmehr sei der Verräter davongeeilt, worauf Christus den übrigen Aposteln den geheimnisvollen Kelch gereicht habe.

Nach dem Abendmahl sieht Therese, wie Jesus die Priesterweihe spendet. Der Heiland hält seine beiden Arme „wie mit großer Anstrengung ausgestreckt“. Sie erklärt: „Das war die Priester und Bischofsweihe der Apostel.“ -Ihr Wissen aus der Spendung der Priesterweihe spielt hier mit herein13.

Ebenso weiß sie von einem Ereignis zu erzählen, von dem kein Evangelist berichtet. Am Ostersonntag, so schildert sie es, erscheint am Grabe Jesu ein Engel vom Himmel. „Beim Anblicke des glänzenden Engels in seinem furchtgebietenden Auftreten, so dass unter seinem Fuße die Erde erschüttert wurde, stürzten sechs der Wächter zu Boden. Ein siebenter Soldat, der gleiche, welcher am Kreuze die Brust Jesu mit der Lanze durchbohrt hatte, geriet wohl ebenfalls ins Wanken, stürzte aber nicht, sondern hielt sich aufrecht.“14

Im Widerspruch zu dieser Darstellung lässt Therese im Jahre 1930 sechs Wächter zu Boden sinken; während fünf bewusstlos liegen bleiben, erhebt sich einer wieder15. Ausführlich berichtet über die Ostervisionen Steiner in der fünften Auflage seines Buches über Therese Neumann. Daraus sei herausgegriffen, was namentlich über die Wächter am Grabe gesagt wird: Therese sieht die Wächter, wie sie am Boden liegen, „bis auf einen, der auch noch einen benommenen Eindruck macht“. Sie sind noch bewusstlos, als die Frauen mit Magdalena erscheinen; die Frauen „fürchten sich bei dem Anblick, der sich ihnen bietet“. Die Wächter liegen „so verdreht“ herum. Die Frauen schauen in das Grab. „Magdalena geht ein paar Schritte vor, sieht den Heiland nicht, jedoch einen lichten Mann, der ein paar Worte spricht“. Jetzt läuft Magdalena „den Berg hinauf und dann durch die ganze Stadt“ bis zu dem Haus, in dem sich die Jünger „eingesperrt“ hatten. Petrus und Johannes begeben sich zum Grabe. Bei ihrer Ankunft liegen die Wächter „immer noch wie tot herum“. Bevor Petrus zum Grabe kommt, „erscheint ihm plötzlich kurz und wortlos der Heiland und blickt ihn an“. Die Apostel entfernen sich wieder. „Longinus geht dann auch weg, später vermutlich auch die anderen Wachen, nachdem sie zu sich gekommen waren.“ -Man vergleiche diesen kurzen r Auszug aus der Ostervision mit den Auferstehungsberichten der Hl Schrift! - An Ostern sieht Therese auch die Einkehr des Auferstandenen bei den Jüngern von Emmaus. sie vertritt die Auffassung, Jesus habe wie am Gründonnerstag die Eucharistie gefeiert, allerdings nur unter einer Gestalt. Zum Pfarrer spricht sie: „Weißt Du, wann ihnen ( = den Jüngern) das Licht aufgegangen ist? Wie sie den Heiland in sich gehabt haben.“ Therese kommt im weiteren Gespräch nochmals darauf zurück und sagt: „Das war doch genau so, wie wenn man in der Kirche den Heiland erhält; in dem Augenblick, als sie ihn in sich hatten, hat er sich ... zu erkennen gegeben.“15a -Zu dieser Vision ist zu sagen: Hätte es sich um das eucharistische Brot gehandelt, wie hätten die Jünger es wissen sollen? Sie waren ja am Gründonnerstag nicht Teilnehmer beim Abendmahl.

Das Pfingstereignis wird von Therese phantastisch ausgemalt. Petrus feiert zuerst die hl. Messe. Die Apostel sind mit Maria versammelt; im Hintergrund stehen noch etwa r20 Personen. Die Flammenzungen kommen nur auf Maria und die Apostel. Kurz darauf taufen die Apostel die Neubekehrten in einem Teich am Fuß des Berges, auf dem die Stadt Jerusalem stand. „Petrus taufte'

fast nicht, er lehrte nur und überblickte alles; am notwendigsten hatte es Philippus.“ Maria schaute weinend zu. Auf denselben Tag verlegt Therese auch noch die Heilung des Lahmgeborenen durch Petrus. Den Bettler schildert sie ganz genau, sogar dieses Detail, dass er zum Betteln nicht einen Hut benützte, sondern eine offene Tasche, in die ein Knabe im Vorbeigehen hineinspuckte. Die Apostel Petrus und Johannes werden bereits am Pfingstsonntag verhaftet und ins Gefängnis geworfen, wo der eben Geheilte die ganze Nacht vor dem Tor Wache hält18. Nach der Entlassung am Pfingstmontag feiert Petrus inmitten der übrigen Apostel die hl. Eucharistie, und wieder erscheinen feurige, lodernde Zungen17.

Vom Kreuz auf Golgotha sagt Therese das eine Mal, es sei aus drei Balken zusammengesetzt gewesen, dann wieder erklärt sie, es seien vier Balken gewesen. Wie das Kreuz ausgesehen haben soll, zeigt eine Skizze im Buch Steiners auf S. 182. In Anlehnung an die Angaben der stigmatisierten wurde das Friedhofskreuz von Konnersreuth gestaltet.

Ein bemerkenswertes Beispiel für die phantastische und fragwürdige Ausschmückung biblischer Berichte ist das, was Therese Neumann in der Weihnachtszeit schaute. Wiederholt ist davon die Rede, besonders in Lamas Konnersreuther Berichten und im Konnersreuther Sonntagsblatt. Lesen wir zuerst den ausführlichen Bericht aus der Feder des Erzbischofs Kaspar18, so wie er ihn unmittelbar Pfarrer Naber verdankt:

„So soll die Hl. Familie 50 Tage in einem Stalle verblieben sein und auch die Beschneidung des Herrn soll dort stattgefunden haben. Von hier aus gingen sie dann zur Aufopferung ihres Kindes nach Jerusalem und kehrten dann wieder in den Stall zurück. In Bethlehem wohnten sie etwa dreiviertel Jahre. Zur Nachtrag-Volkszählung kamen wieder viele Fremde und die Hl. Familie musste wieder auf vierzehn Tage in einen Stall ziehen. Nun wurde der hl. Joseph durch einen Engel auf die von Herodes drohende Gefahr aufmerksam gemacht. Darauf zog die Hl. Familie nach Süden und wohnte etwa ein halbes Jahr an der Grenze Judas, da sie wegen der schlechten Wege nicht

weiterkonnten. Als sie dann die weite Reise antritt, fand sie einen gemauerten Stall, der mehreren Hirten gehörte, die in ihm Heu aufbewahrten. Einer der Hirten machte auf die Hl. Familie aufmerksam. Sie verblieb hier mehrere Wochen. Hier war es auch, wo die Anbetung durch die Hl. Drei Könige erfolgte. sie sollen fast anderthalb Jahre unterwegs gewesen sein, da sie nur nachts wanderten und am Tage ruhten. Der Jüngste war von schwarzer Hautfarbe (ein Numidier), der zweite von brauner (ein Araber) und der dritte ein Gelber (ein Meder). Einer konnte sich nicht verständlich machen; die anderen kamen nach ihm und wandten sich an Herodes, der ihnen nach Befragung der Schriftgelehrten mitteilte, der Heiland werde in Bethlehem zur Welt kommen. sie zogen nun gegen Norden in ein anderes Bethlehem; hierbei zeigte sich ihnen aber der Stern nicht. Herodes aber ließ etwa eine Woche nach ihrem Weggang alle Knäblein zu Bethlehem (etwa 54) und dessen Umgebung (19) umbringen. Bei dieser Gelegenheit wurden auch zwei Kinder derselben Familie getötet. Erst nach einigen Wochen kehrten die Weisen nach Jerusalem zurück und diesmal wurden sie nach dem richtigen Bethlehem gewiesen. sobald sie Jerusalem verlassen hatten, erschien ihnen auch der Stern wieder. sie durchzogen Bethlehem nun in den Nachtstunden und am Morgen nach der zweiten Nacht blieb der leuchtende Stern über einem gemauerten Stall stehen, in dem die Hl. Familie Unterkunft gefunden hatte. Der Stern sei ein Komet gewesen, dessen Lichtglanz ,bis herunter' strahlte. Der kleine Jesus konnte damals schon gehen; die Jungfrau Maria führte ihn an der Hand, um ihm den Zug der Könige zu zeigen. ... Joseph wusste noch nichts davon, dass zu Bethlehem die Knäblein unter zwei Jahren hingemordet worden waren. Kaum aber waren die Könige angekommen, so erschien ihm ein Engel mit der Weisung: ,Mache dich auf und gehe eilends von hinnen!' Die Hl. Familie zog nun nach Resls Angaben nicht direkt nach Ägypten, sondern um das Tote Meer herum jenseits des Jordans zurück nach Nazareth, wo der hl. Joseph ein Häuschen besaß. Die Eltern Josephs sollen ebenso wie die der Muttergottes wohlhabend gewesen. Sein. ... Nachdem Joseph das Nötigste besorgt hatte, begab er sich längs der Küste des Mitteländischen Meeres nach Ägypten.“

In dieser Erzählung wimmelt es von Ungereimtheiten, auf die einzugehen es sich nicht lohnt. Zudem findet man in anderen Büchern über Konnersreuth eine Reihe von Angaben, die im t Widerspruch stehen zur Berichterstattung Nabers. Beispielsweise wird als Heimat der Magier auch Nikomedien, Persien und Nubien angegeben. Merkwürdigerweise hatte Therese Neumann auch am ersten Fastensonntag, dem 17. Februar 1929, eine Vision über die Flucht nach Ägypten19. Da heißt es, die Magier seien, „im Stall von Bethlehem“ empfangen worden. - Im Jahr 1932 gibt Therese an, der Empfang der Magier habe „in einer gemauerten Hütte außerhalb der Fluren Bethlehems“ stattgefunden20. Dem Bericht Kaspars zufolge trafen die Weisen die Hl. Familie erst auf ägyptischem Boden. - An Epiphanie 1936 wiederum erklärt Therese, die Weisen hätten dem Jesuskind nach erfolgtem Kindermord in Bethlehem gehuldigt21. - Ein andermal wird behauptet, die Hl. Familie habe sich in Ägypten etwa vier Jahre hindurch aufgehalten22. - Die Berichte über die Kindheit Jesu sind äußerst spärlich; der angegebene Termin jedoch ist auf keinen Fall wahrscheinlich, da Herodes bereits am 1. April des Jahres 4 vor unserer Zeitrechnung starb.

Wie viel Therese an „erbaulicher Literatur“ gelesen haben muss, zeigen ihre Visionen über die Flucht des hl. Petrus aus Rom und seine Begegnung mit Christus auf dem Weg, sowie die Szene, bei der Johannes in Smyrna Gift trinkt, das ihm nicht schadet23. Im Jahrbuch 1929 kommt Lama dreimal auf den Bericht des Evangeliums zu sprechen, nach dem ein Jüngling sich auf dem Ölberg dem Zugriff der Häscher durch Flucht entzogen hat24. Therese behauptete, wie erwähnt, jener Junge sei kein anderer gewesen als der Apostel Johannes. - Auf diese unhaltbare Vermutung ist noch kein Exeget gekommen.

Die bekannte Erzählung über den Anstoß, den Jesus in seiner Vaterstadt erregt hat, erfährt durch die Seherin von Konnersreuth folgende Begründung: „Therese sah mit Erschrecken, wie man den Heiland über den Felsen in den Abgrund hinausstößt, und dann mit Triumph, wie er in der Luft sich umwendet und wieder hereinkommt, so dass die Menge bestürzt auseinander weicht.“ Danach wird die Ekstatikerin gefragt, ob der Heiland in der Luft gegangen oder geschwebt sei. sie antwortete lachend: „Natürlich geschwebt. Er geht ja auch auf dem See nicht etwa schrittweise.“ - Es handelt sich hier um ein: märchenhafte Ausmalung des biblischen Berichts und um eine phantastische Begründung. Lukas, der den einschlägigen Bericht am ausführlichsten bringt, spricht lediglich davon, dass die Landsleute Jesus über den Rand des Berges stoßen wollten; zu einer Ausführung dieses Entschlusses ist es jedoch nicht gekommen.

Am Ostersonntag 1928 sieht Therese, wie der Auferstandene seiner Mutter erscheint. „Sie war mit den anderen Frauen am Ostermorgen mitgegangen, aber, aufs tiefste betrübt, an der Stelle der Kreuzigung stehen geblieben, während die anderen Frauen zum nahe gelegenen Grabe weitergingen. Da erschien ihr kurz, ohne Worte, nur sie aufs innigste anblickend, der Heiland im unaussprechlichen, überirdischen Glanz der Auferstehung. So schreibt Dr. Steiner in der zweiten Auflage seines Buches über Therese Neumann. In der 5. Auflage wurden zwei wesentliche Änderungen vorgenommen. Einmal heißt es nun: Der Heiland „sagt einige Worte zu seiner staunenden Mutter und ist dann entschwunden“. Zum anderen wird die Angabe der Therese über die Begleiterinnen der Mutter Gottes nur als Vermutung der Seherin angegeben, eine Vermutung, welche im Zustand der Eingenommenheit abgegeben worden sei: „Wird wohl mit den anderen Frauen hingegangen sein und dann gesagt haben: ,Geh, laß mich ein bissel allein.'“25 Übrigens schreibt im Widerspruch zu Steiner Anni Spiegl, der Auferstandene sei seiner Mutter "auf dem Ölberg" erschienen26.

Der Hauptmann, der bei der Kreuzigung Jesu anwesend war, und der Soldat Longinus sollen bei der Taufe am Pfingstfest zugegen gewesen sein, ja sogar die Frau des Pilatus. Diese soll auch Zeugin der Himmelfahrt des Herrn gewesen sein.

Maria sei nur einige Jahre in Jerusalem geblieben und dann sei sie von Johannes mit nach Ephesus genommen worden. Dort soll ihnen ein Haus geschenkt worden sein, in dem sie eine Reihe von Jahren wohnten. Die Mutter des Herrn sei im Jahr 49 in Jerusalem gestorben, kurz nach der Rückkehr aus Ephesus. - Es ist nicht gut möglich, dass Johannes vor Paulus Jahre hindurch in Ephesus gewirkt hat; wäre dies der Fall gewesen, hätte er mit der Verkündigung des Evangeliums nicht den geringsten Erfolg gehabt. Paulus nämlich kam um das Jahr 53 erstmals in die Stadt; dort traf er wohl einige „Jünger“ an, aber diese hatten weder ein Wissen um die christliche Taufe noch um das Sakrament der Firmung; sie waren demnach nicht Christen.

Am 19. Januar 1931 hatte Therese folgendes Gesicht: Der Heiland war zusammen mit den Aposteln in Bethanien. Auf dem Rückweg nach Jerusalem gehen die Apostel voraus, Jesus mit Lazarus folgt. Johannes leidet sehr darunter, dass er nicht neben seinem geliebten Meister gehen darf. Dann trennt sich Jesus von Lazarus, der wieder zurückkehrt. Jesus begibt sich auf den Ölberg, um zu beten. Johannes kann in der Herberge aus Sehnsucht nach dem Meister keine Ruhe finden und sucht den Herrn auf dem Ölberg. Er eilt auf Jesus zu, umarmt ihn und küsst ihn auf Stirn, rechte Wange und Mund. Jesus erwidert die Küsse in gleicher Weise. Dann hilft Johannes dem Heiland in der Herberge das Gewand ablegen und schickt sich an, ihm die Füße zu waschen.

„Der Heiland war barfuß gegangen und hatte sich die Füße verletzt. Voll Liebe suchte Johannes das Blut wegzuküssen. Der Heiland aber zog Johannes liebkosend an seine Brust und Tränen flossen aus den Augen des geliebten Meisters auf das Haupt des liebenden Jüngers. Nach der Fußwaschung machte Johannes dem Heiland das Nachtlager zurecht, bedeckte ihn sorgsam und ging dann selbst zur Ruhe.“ Während der Ekstase schilderte Therese, was sie schaute. Da sie sich im darauf folgenden Wachzustand an die geschauten Szenen nicht mehr erinnern konnte, erzählte man ihr den Verlauf der ganzen Vision. Daraufhin wurde sie so sehr von Freude und Begeisterung erfüllt, dass sie ohnmächtig wurde. „Der Eintritt des erhobenen Ruhezustandes richtete sie wieder auf.“27 - In diesem Bericht sind märchenhafte und sentimentale Züge nicht zu leugnen. Jesus und Johannes waren nicht von solch unmännlicher Art. Merkwürdigerweise vermochte sich Therese nach der Ekstase nicht an den Inhalt des Geschauten zu erinnern; dabei behielt sie nach ihrer eigenen Versicherung das während einer Vision Erfahrene sogar bis in die nebensächlichsten Einzelheiten genau im Gedächtnis, so genau, wie jedes Geschehen in ihrem Leben! Wir haben bereits erwähnt, dass sie wiederholt ihre Visionen zweimal geschildert hat: einmal während der Ekstase, dann wiederum im Wachzustand.

Nicht nur in der geschilderten Szene machte Therese aus dem Jünger, „den der Herr liebte“ , eine niedliche Figur. Nach Nabers Angabe war Petrus auf Johannes eifersüchtig. „Er beeilte sich einst bei einem Mahl und setzte seinen Bruder Andreas auf seinen Platz (zur Linken des Herrn). Johannes wurde vor Leid ohnmächtig. Als der Herr kam, umarmte und küßte er ihn und hernach predigte er über die Nächstenliebe.“27a

Am Fest der hl. Maria Magdalena schaute Therese deren ganzes Leben: die Zeit, da sie auf sündhaften Wegen wandelte; ihre Begegnung mit Jesus; ihre Reue und Umkehr sowie ihre Dienste, die sie dem Herrn leistet. Aber Sie wurde wiederholt rückfällig; erst Im Hause des Pharisäers Simon wurde Ihre Bekehrung endgültig. später ging sie mit ihrer Schwester Martha und ihrem Bruder Lazarus nach Südfrankreich, wo sie im Jahr 67 starb: „Ihre Seele wurde von ihren Eltern, ihrer Schwester Anna und ihrem Schutzengel zum Himmel geleitet, von woher ihr der Heiland entgegenkam.“ Nach den Angaben der Therese war Maria Magdalena die Schwester von Martha und Lazarus aus Bethanien. Eine weitere Schwester soll, wie erwähnt, Anna geheißen haben; sie wird jedoch auch von der Seherin als „stille Maria“ und „blöde Schwester des Lazarus“ bezeichnet. - Woher kommt die Bezeichnung „Maria Magdalena“ Therese wusste dies so zu erklären: Maria habe sich ihr Erbteil ausbezahlen lassen und Lazarus habe seiner Schwester bei Magdala ein Haus bauen lassen. „Auf ihrem Gute Magdala“ habe sie Wohnung genommen und ein leichtes Leben geführt. Diese legendären Aussagen stehen im Widerspruch zu den Berichten der Hl Schrift, wo Maria von Magdala weder mit Maria von Bethanien noch mit der Sünderin identisch ist.

Pilatus, so verkündete Therese, sei nicht verdammt worden, da er ja Jesus habe befreien wollen. dass er Selbstmord begangen habe, sei ebenso unrichtig. Soldaten hätten ihn auf Befehl des Kaisers erwürgt und ins Wasser geworfen. - Das ist eine Korrektur von dem, was Eusebius berichtet, nämlich dass Pilatus Selbstmord verübt habe.

Beachtung verdient ebenfalls das Urteil der stigmatisierten über das Turiner Leichentuch. Wie sie an einem Karfreitag zunächst aussagte, wurde der Leichnam Jesu in Tücher gewickelt; das Haupt des Herrn wurde in ein gesondertes Tuch „gebunden“. Ober das Turiner Tuch befragt, gab sie zur Antwort: „Das Turiner Grabtuch kann das Leichentuch gewesen sein, mit dem der Heiland vom Kreuze abgenommen wurde.“ Eine sichere Auskunft wagte also Therese nicht. Über das Tuch, das zur Abnahme des Leichnams vom Kreuz gedient habe, sagt Therese, es sei nachher zusammengefaltet und in eine Ecke des Grabes gelegt worden; dort sah sie es nach der Auferstehung des Herrn liegen. - Inzwischen hat Prof. Dr. J. Blinzler einwandfrei nachgewiesen, dass das Turiner Leichentuch nicht echt sein kann28. Wie in das von Therese bezeichnete Tuch ein so deutliches Bild, wie wir es auf dem Turiner Linnen sehen, kommen konnte, das wusste auch sie nicht anzugeben.

Seltsame Züge weist die schau der Versuchung Christi auf. Therese schildert diese Szene so :

„Am Mittag des nächsten Tages stand der Herr auf der Zinne, während der Teufel unten war und grässlich zu ihm hinauf brüllte. Die dritte Versuchung war am Abend auf einem Berge, auf den der Teufel den Heiland an beiden Schultern hinaufzog. Später flog der Teufel herunter, worauf Engel kamen, den Heiland nach Hause trugen und ihn mit Trauben, Bananen und Brot bedienten“29.

Weder der Erzählende, Pfarrer Naber, noch der Zuhörer, Erzbischof Kaspar von Plag, fanden an dem überaus naiven Inhalt der „Vision“ etwas auszusetzen.

Eines Tages schilderte Therese die Steinigung des Diakons Stephanus. „Plötzlich gähnte sie laut. Auf Lachen eines Zuschauers sagte sie sofort: ,Das gehört auch dazu.'“30

Ein klares Beispiel, wie Bild und Wirklichkeit auseinander fallen, ist die Vision über den Tod des hl. Franz von Sales31. Therese Neumann beschreibt in der Ekstase das Sterbezimmer des Heiligen32 als ein prächtig ausgestattetes, mit allen möglichen Kunstgegenständen und Bequemlichkeiten versehenes Gemach, wie man es wohl in einem bischöflichen Palast finden könnte. Nun ist aber der Heilige gar nicht auf seinem Bischofsitz in Genf gestorben, sondern in der ganz ärmlich ausgestatteten Gärtnerwohnung eines Klosters bei Lyon. Eine Marmorplatte am Sterbeort gibt heute noch Kunde davon.

„Diese Vision“, so folgert Dr. Deutsch, „zeigt ganz eindeutig, dass es sich hierbei und bei ähnlichen Visionen lediglich um sogenannte ,Wach- und Wahrträume' einer krankhaften Person handelt, die sich in nichts unterscheiden von ,imaginären Visionen' und ,religiösen Ekstasen psychopathischer Persönlichkeiten', die wir nicht so selten in der psychiatrischen Klinik zu sehen bekommen.“

Dr. Deutsch brachte durch seine Kritik den Konnersreuther Kreis, insbesondere Pfarrer Naber, in schwere Verlegenheit. Doch Naber suchte die Lösung, wie in ähnlichen Fällen, bei der Seherin von Konnersreuth. Er fragte sie, als sie im Zustand der Ekstase war, ob Franz von Sales im Gartenhaus gestorben sei. Die Auskunft lautete: Das stimmt nicht. In der Gärtnerwohnung hat er sich aufgehalten, bis er krank wurde; dann hat man ihn „in ein großes Haus“ getragen, wo er starb. Naber fragte weiter, ob man das heute noch beweisen könne. Therese antwortete: Ja, das sei bereits „irgendwo“ aufgeschrieben; es werde schon herauskommen. Der Pfarrer gab sich noch nicht zufrieden; er bohrte weiter: „Weiß das heute schon einer, wo das gefunden werden kann?“ Therese erklärte, jener „große Pater“, welcher ein Jahr zuvor in Konnersreuth gewesen sei, wisse es. Pfarrer Naber meinte zu dieser Prophezeiung, „zweifellos“ sei gemeint P. Reisinger, welcher im Jahre 1937 in Konnersreuth war; er bereite eine Biographie des heiligen Franz von Sales vor32a. - Die Auskunft der Seherin ist eine Art Orakel, mit dem man alles und nichts beweisen kann. Bis jetzt, nach mehr als 30 Jahren, ist die angekündigte Biographie nicht erschienen. Inzwischen herausgekommene Schriften lassen keinen Zweifel offen über den Sterbeort des Heiligen. In dem im Jahre I956 erschienenen Werk „Die Großen der Kirche“32b wird über Franz von Sales gesagt, er sei gestorben „im Gartenhäuschen des Klosters der Heimsuchung in Lyon, wo er wohnte, während .in der Allerheiligenlitanei der Sterbegebete gerade die heiligen Unschuldigen Kinder um ihren Beistand angerufen wurden.“ Anette Thoma schreibt im Jahre 1960: „Tagelang musste der Todgeweihte noch Rede und Antwort stehen, da Priester und Laien herbeieilten in das kleine Gärtnerhäuschen der Heimsuchung, um ihn noch einmal zu sehen, noch einmal zu sprechen und seinen Segen zu empfangen.“32c

Wiederholt musste darauf hingewiesen werden, dass die Visionen der Therese Neumann nichts anderes waren als eine bloße Wiederholung dessen, was sie vorher in erbaulichen Schriften gelesen hatte. dass hier nicht lediglich eine Vermutung ausgesprochen wird, zeigt eine Vision, die Therese Neumann am Freitag, dem 22. Juli 1927, also am zweiten Freitag während der Beobachtungszeit im Elternhaus in Konnersreuth, hatte. Am selben Tag wird das Fest der hl. Maria Magdalena gefeiert. Nach Beendigung der Freitagsvisionen hatte Therese eine etwa fünf Minuten dauernde neue Schauung. Sie sah jetzt „den lieben Heiland bei Maria und Martha in Bethanien“. Wie kam es zur Schauung? Therese hatte sich vorher in einschlägiger Literatur informiert. Das ergibt sich aus einem Bericht der beobachtenden Schwestern. Therese ging am Tag nach ihrer Vision mittags um 13.20 Uhr in den angrenzenden Schuppen und suchte dort ein Buch, „in dem die Begebenheit bei den Geschwistern in Bethanien ausführlich berichtet wäre“. sie gab allerdings an, im Buch nichts gefunden zu haben, „was dem Schauen von gestern geglichen hätte“33. Wie weit diese Angabe gestimmt hat, darüber haben sich die Schwestern keine Aufklärung verschafft. Aber es scheint damit erwiesen, dass Therese ihren Stoff für die Schauungen aus Büchern bezogen hat.

In welchem Buch könnte Therese im Schuppen nachgesehen haben? Bischof Teodorowicz versichert: „Therese liest keine Bücher über Visionen, wie beispielsweise die Werke über Katharina Emmerich.“ Der Pfarrer habe ihr zwar ein Buch über die Seherin von Dülmen überreicht, doch habe sie es zurückgewiesen und erklärt, nur auf Befehl des Pfarrers. würde sie es lesen. Therese habe „keine Seite von den Offenbarungen der Katharina Emmerich gelesen“. Ist die Darstellung des Bischofs zutreffend? Im Bericht vom 4. August 1926 an den Bischof von Regensburg

schreibt Pfarrer Naber:

„Mehrere Schriften über Katharina Emmerich und Columba Schonath sind uns zugekommen. Neumann, die offenbar eine Andeutung erhalten, dass darin ganz Außergewöhnliches enthalten, erklärte, sie würde diese Schriften nur lesen, wenn ich es ihr befehlen würde“34.

Damit ist nicht einmal klar zum Ausdruck gebracht, an wen die Schriften adressiert waren. Es ist auch keineswegs erwiesen, dass Therese in die Bücher nicht doch Einblick genommen hat. Das muss vielmehr sogar angenommen werden, da, wie bereits festgestellt wurde, die Visionen der Stigmatisierten von Konnersreuth mit denen der Seherin von Dülmen in auffallender Weise übereinstimmen. Im elterlichen Schuppen hat Therese Neumann in einem Buch nachgesehen; sie wollte darin über die „Begebenheit bei den Geschwistern in Bethanien“ nachlesen. Katharina Emmerich hat auf Grund ihrer Visionen ausführlich über Maria Magdalena berichtet35. Vielleicht war das gesuchte Buch eine Schrift über die Seherin von Dülmen.

Als Therese am 13. Januar 1953 in Eichstätt eidlich vernommen wurde, versicherte sie, von Kindheit an habe sie eine „zeitlebens gebliebene Abneigung gegen alles Erdichtete und Erfundene, vor allem gegen Märchen“ besessen. Romane, Kalendergeschichten, auch solche religiöser Art habe sie „nie“ gelesen. Am 16. Januar aber gesteht sie ebenfalls unter Eid:

„Ich las ja nur Heiligenlegenden meiner Standesgenossinnen und hl. Klosterfrauen, um herauszubringen, wie diese dem Heiland näher kamen und Freude machten. Das Außerordentliche lag gänzlich außerhalb meines Interesses, ja Verständnisses. Am liebsten las ich die ,Philothea' nebst Goffiné und einigen Zeitschriften (Notburga, Rosenhain, Sendbote des göttlichen Herzens).“

Damit hat Therese offensichtlich selber eine Fundgrube ihrer „Visionen“ angegeben und selbst bestätigt, dass sie „Erdichtetes und Erfundenes“ gern gelesen hat, wozu ja auch Legenden zu zählen sind.

c) Vision und Suggestion

Die geschauten Bilder und Szenen kommen bei Therese Neumann aus ihrer eigenen Vorstellungswelt sowie aus Bildern und Büchern. sie können auch auf dem Weg der Suggestion entstanden sein.

Ohne Zweifel spielte hier eine nicht unwesentliche Rolle Pfarrer Naber. An der wiederholten Befragung Thereses durch Pfarrer Naber nach den Ekstasen nahm bereits Dr. Seidl Anstoß1. Vom psychologisch-experimentellen Standpunkt aus, sagt er, hätte dieses Ausfragen unterbleiben müssen, ,weil eine nicht vorbereitete und unvorsichtige Fragestellung die Möglichkeit einer Suggestion geben kann. Wenn beispielsweise Pfarrer Naber frage, ob Therese nicht auch das oder jenes gesehen habe, so könne dies bereits wie eine Suggestion wirken. Das gleiche gelte von den Fragen, die Professor Wutz an sie stelle, um aramäische Worte, die sie in der Ekstase gehört haben soll, herauszubringen.

Von drei visionären Erscheinungen in den Tagen der Beobachtungszeit im Elternhaus berichten die beauftragten Klosterschwestern. Am 24. Juli 1927 fiel Therese nach dem Kommunionempfang während der Frühmesse in eine Verzückung, die. Bis 9.25 Uhr dauerte. Weil der Pfarrer eine Aufnahme haben wollte, wurde Therese in ihrem Stuhl in die Sakristei getragen, ohne dass sie dabei zu sich kam. Nach dem Erwachen gab sie auf die Frage, wo sie gewesen sei, zur Antwort: „Beim Heiland im Himmel“. Zu der Ekstase meint Dr. Seidl:

„Diese visionären Zustände können meiner Ansicht nach einer ernsten kritischen Würdigung kaum standhalten. Autosuggestion, Gesichts- und Gehörhalluzinationen spielen hier zweifellos eine große Rolle. Die Theresia Neumann ist meiner Ansicht nach eine stark suggestible Person. Wie leicht kann sie bei einer intensiven Betrachtung in der Nacht, bei einem inbrünstigen Gebete nach der hl. Kommunion in einen autosuggestiven Zustand hinübergleiten, in dem sie vollkommen der Umwelt entrückt erscheint. Ich getraue mir das zu behaupten, weil ich auf dem Gebiet der Suggestion sehr viel erfahren habe. Ich habe mich nicht nur theoretisch und durch den Besuch glänzender Experimentalvorträge von In- und Ausländern in die Materie hineingearbeitet, sondern bin besonders in früheren Jahren praktisch auf dem Gebiete der Hypnose und Suggestion tätig gewesen und hatte dabei außerordentliche Erfolge. Ich darf vielleicht an den exceptionellen Fall erinnern, in dem es mir gelang, bei einer Dame nach einigen Vorhypnosen die Analgesie soweit herabzusetzen, dass Herr Geheimer Rat Angerer die Laparotomie und die chirurgische Beseitigung einer Darmfistel ohne jede Schmerzempfindung machen konnte."2

An Autosuggestion lässt eine kurze Angabe denken, die Therese am 15. Januar 1953 bei der Vernehmung in Eichstätt gemacht hat. Hier erklärte sie:

„Ich kann mich im gewöhnlichen Zustand genau an das erinnern, was ich in den Schauungen gesehen habe. Der Inhalt dieser Schauungen ist ja der Gegenstand meines Betens, Betrachtens und Denkens.“

Zu diesem Thema ein lehrreicher Bericht Von Prof. Waldmann3:

Am 6. August 1926 begab er sich in Begleitung zweier Mitbrüder nach Konnersreuth. Es war ein Freitag, an dem das Fest der Verklärung Christi gefeiert wird. Während der Fahrt spricht Waldmann immer wieder von seiner Erwartung, dass Therese vor der Passion die Verklärung auf dem Berge Tabor schauen werde. Um 12.30 Uhr kommt er im Neumann-Haus an. Kurz nach 13 Uhr hört er aus dem verschlossenen Zimmer, in dem Therese weilte, die stimme des Pfarrers Naber: „So, jetzt ist alles aus. Bitte, das Zimmer verlassen und niemand hineingehen, damit man das Zimmer lüften kann.“ Die Leute, auch die noch Wartenden, entfernen sich. Jetzt geht Waldmann die

Stiege hinauf bis zur letzten Stufe. Er überlegt: „Also hat die Therese die Verklärung nicht gesehen. Es sollte mich aber wundern, wenn die Schau nicht jetzt käme.“ Er hatte sie zuerst vor der Passion erwartet. Aber schon hört er die Stimme des Pfarrers: „Schnell, schnell, laufen Sie zum Pfarrhof hinüber. Die Herren sollen wieder kommen. Etwas Neues, ganz Neues!“

„Nun also“, dachte Waldmann, „die Verklärung!“ Augenblicklich tritt er in das Zimmer. Der Pfarrer spricht ihn an: „Sehen sie doch Therese sieht etwas überaus Schönes, sie ist ja wie verklärt.“ Darauf Waldmann: „Nun ja, Herr Pfarrer, sie sieht jetzt die Verklärung Christi auf dem Berge Tabor.“ Nach ungefähr drei Minuten sinkt Therese ins Kissen zurück, um nach einer kurzen Pause von etwa einer halben Minute wieder in den Trancezustand zurückzufallen.

Nunmehr verkündete Waldmann mit lauter Stimme: „ Das kommt schon noch ein drittesmal.“ Er rechnete nämlich mit der Schau der Verklärung in drei Szenen. Am Ende der Schau erklärt er: „So, jetzt ist es aus.“ Ohne mit irgendeinem Menschen ein Wort zu wechseln, verlässt er das Zimmer.

Am Samstag, dem 7. August, befragte Pfarrer Naber im Beisein eines anderen Pfarrers Therese, was sie am Freitag mittags geschaut habe. Merkwürdigerweise stellte sich heraus, dass sie nicht die geringste Ahnung davon hatte, dass an diesem Tage das Fest der Verklärung gefeiert wurde. Ja, sie wusste nicht einmal, was sie eigentlich gesehen hatte. Sie habe gemeint, es sei der auferstandene Heiland gewesen, aber er habe keine Wundmale gehabt. In drei Szenen hatte sie tatsächlich die Verklärung geschaut; zuerst Jesus mit drei Männern auf einem Berg und dann zweimal jeweils in gleicher Form: Jesus verklärt in den Wolken. Prof. Waldmahn fährt in seinem Bericht weiter: „Therese Neumann hat überhaupt nur so etwas wie die Verklärung Christi erlebt. sie sah Moses und Elias nicht, sah und härte nichts von der Unterredung der beiden mit dem Herrn, hörte auch nicht die Stimme vom Himmel.“

Hierzu muss bemerkt werden, dass Therese Neumann später ihr Erlebnis vom 6. August 1926 dem biblischen Bericht angepasst hat. In ihrer Schilderung, die sie Pfarrer Witt gegeben hat4, ist die Dreigliederung der schau nicht mehr ersichtlich. Natürlich wird dann ergänzt, was vorher gefehlt: Jetzt erscheinen auch Moses und Elias; ebenso wird von der Himmelsstimme erzählt. Aus diesem Erlebnis zieht Prof. Waldmann folgende Schlüsse:

„Das Erlebnis der Therese Neumann am 6.8.1926 war eine telepathische Schau der Verklärung Christi, angeregt durch meine höchst gespannte Erwartung und unter Zuhilfenahme ihrer Reminiszenzen aus ihrem biblisch-religiösen Unterricht. Tatsächlich geht denn auch aus allen Berichten über Konnersreuth unbestreitbar hervor, dass Therese Neumann im Zustand der ,Benommenheit', worin sie sich an jenem Freitag unmittelbar nach den Leidensvisionen befand, mit ihrer Umgebung, vorab aber Pfarrer Naber, in telepathischer Beziehung steht, auf unausgesprochene Fragen Antwort gibt, den Seelen- oder Krankheitszustand von Personen erschaut, Reliquien benennt. ...: dies alles aber doch nur in der Voraussetzung, dass Umstehende eine bewusste oder unbewusste Kenntnis davon haben. ... Mit bloßer Hysterie, ohne Hinzunahme parapsychologischer Befähigungen, lässt sich demnach das Rätsel von Konnersreuth nicht in allen Einzelheiten verständlich machen.“

Noch eine weitere Gegebenheit fällt auf: Therese hatte bekanntlich keine Leidensvisionen an hohen Festen und deren Oktaven, nicht einmal in der Fastenzeit. so fiel am Passionsfreitag 1948, zugleich Fest des Hl. Josef, die Leidensvision aus. Nicht einmal am Fest Kreuzerhöhung, dem 14. September 1927, hatte Therese die gewohnten Leiden, angeblich deswegen, weil der Tag in die Oktav von Mariä Geburt fiel; vorher und nachher stellten sie sich jedoch ein. Am 6. August aber schaute sie die Passion, nach deren Vision dann erst die Szene von der Verklärung folgte. Therese hatte also keine Ahnung von dem Feste. Sie hätte auch die Vision nicht gehabt, wäre Prof. Waldmann nicht zugegen gewesen.

Hilda Graef zieht daraus folgende Schlussfolgerung:

„Therese weiß z. B. in ihrem gewöhnlichen Bewußtsein, dass auf den nächsten Freitag ein hohes Fest fallen wird; also erwartet sie keine Leidensvision; ihr Unterbewußtsein greift diesen Gedanken auf und bringt tatsächlich keine solche Vision hervor. so ist es Therese, nach Professor Waldmann, möglich, Visionen auf dem Wege über Telepathie oder Suggestion hervorzubringen.“

d) Frage nach dem Zweck der Visionen

Stigmatisierte waren in der Regel - Jacobi behauptet dies sogar von allen - zugleich Ekstatiker. Ekstasen sagen nichts aus über die Heiligkeit einer Person. Aber das eine müssen wir festhalten: Wenn Gott einen Menschen durch mystische Schauungen auszeichnet, dann informiert er nie falsch.

Was haben aber die Visionen, wie sie Therese Neumann schaut, zum Inhalt? Die Themen gehören sicher meist zum Bereich religiöser Fragen. Die Ereignisse jedoch, die sie schaut, und die Aufschlüsse, die sie darüber erhält, haben mit Religiösem sehr wenig zu tun. Vielmehr wird hier höchstens menschliche Neugier befriedigt, ähnlich wie es den apokryphen Schriften und Legenden eigen ist.

Bischof Teodorowicz glaubt versichern zu können, Therese habe auf Äußerlichkeiten nichts gegeben; zumindest stellt er dies im Zusammenhang mit der Vision an Epiphanie fest. Die Seherin, meint er, hatte gar kein Gefallen am prunkhaften, reichen Aufzug der Weisen. In ihrem Gefolge sollen sich an die ,,300 Personen, viel Volk und ein großer Aufzug, viele Kamele“ befunden haben. solch ein Prunk habe ihrer Demut und ihrem schlichten Gemüt nicht entsprechen können. „Ach“ , ruft sie aus, „diese prächtigen Kleider! Diese vielen Leute! Aber die kümmern mich gar nicht! Muß ich denn das alles schauen? Warum läßt mich der Heiland das alles sehen? 1ch möchte mir s'Buzerl betrachten (d. h. das Jesuskindlein)“1

Dennoch scheint Therese viel Wohlgefallen an den Äußerlichkeiten gefunden zu haben. Als Beispiel dafür sei die Epiphanievision vom Jahr 1932 angeführt: „Im gehobenen Zustand erzählt sie, dass die drei Weisen wirkliche Könige waren und dass ihre Namen so ähnlich wie Kaspar, Melchior und Baltasar klingen. In der ersten Vision nun befand sich Therese in Nubien vor dem Palaste des Königs Baltasar. Im Morgensonnenscheine erglänzte das königliche Haus, so dass die Visionärin nicht müde wurde, sich an diesem herrlichen Bilde zu weiden. Das Gold und der Farbenreichtum am niedrigen Hause lag in vollem Glanze, als der König mit seinem großen Gefolge herauskam. Nach der Erzählung der Therese war König Baltasar ziemlich groß und stark, die roten Lippen, die weißen Zähne und das Weiß der Augen fielen ihr besonders auf, da sie sich von der dunkelbraunen Hautfarbe und dem schwarzen, krausen Haare und Vollbart stark abhoben.

Die Kopfbedeckung bestand in einem blendend weißen, mit einem hängenden Goldband umschlungenen Wulst, auf dem sich oben ringsum Goldstäbchen mit goldenen Kügelchen befanden, deren jedes mit einem Edelstein geziert war. Innerhalb der Stäbchen und über dieselben hinaus ragte eine kegelförmige, weiße, golddurchwirkte Haube empor. Er trug einen buntgestreiften, in der Mitte mit einem bunten Gürtel zusammengehaltenen, über und unter demselben faltigen Rock, der bis etwas unter die Knie reichte und dort einen breiten, dagegen an den langen weiten Ärmeln vorne und am Halse einen schmaleren Goldsaum hatte. An den Füßen trug er Sohlen, von denen aus goldene Bänder kreuzweise um Füße und Unterschenkel geschlungen waren. Auf der Brust war der Rock mit Goldstickereien versehen. Um den Hals trug er etwa fünf am Rock festgemachte, mit Perlen verzierte goldene Ketten verschiedener Form, an denen vorn verschiedenförmige goldene Münzen mit eingeprägten Verzierungen übereinander hingen. Der Mantel, der nur etwas über die schultern vorreichte und vorn mit silbernen Bändern und silberner Schließe zusammengehalten wurde, zeigte einen weißen Untergrund mit eingewirkten verschiedenartigen Blumen und war mit einem handbreiten Goldsaum eingefaßt; er war faltenreich und nachschleppend und wurde von zwei Dienern nachgetragen. Des Königs Frau kam hinter diesem, begleitet von vier Dienerinnen. sie trug einen mit zarten Blumen bestickten, in der Mitte mit einem gestickten Gürtel zusammengehaltenen, sehr faltenreichen Rock, der bis zu den Knöcheln reichte und nachschleppte. Vom Hals hingen ihr mehrere goldene Ketten, die mit Perlen besetzt und an der Brust verschlungen und befestigt waren. Um den Hals selbst trug sie einen goldenen Reifen, an den Ohren ein auf den schultern noch aufliegendes, goldenes, mit Perlen besetztes Gehänge, in den bis auf die Schultern reichenden, offenen, schwarzen, krausen Haaren feine Goldkettchen, mit Perlen besetzt, über den Ohren je zwei krumme Spangen mit Edelsteinen. Die Sohlen an den Füßen wurden durch gestickte, um die Knöchel geschlungene Bänder festgehalten. über dem Rock lag ihr ein weißer, großblumig gestickter Mantel, der über die rechte Schulter hereinhing und von da über den Rücken und die linke Schulter nach der rechten Hüfte geschlungen war, so dass er am Boden noch nachschleppte. Zu beiden Seiten ging je eine Dienerin, die der Königin das Gewand emporhielt. Diese trugen gelbliche, blumengestickte, etwas nachschleppende, in der Mitte mit gelben Bändern, deren Enden seitlich herabhingen, gegürtete faltenreiche Röcke, um den Hals etliche Goldkettchen mit etlichen Steinen, ebenso im mittellangen Haar; auch Ringe in den Ohren. Hinter den dreien gingen noch etliche feinere Dienerinnen, letztere in einfachen, bunten oder gestreiften, bis zu den Knöcheln reichenden, hinten meistens längeren Röcken, ohne Schmuck außer in den Ohren, mit mittellangen, offenen, krausen Haaren. Der König hatte zwei Diener rückwärts zur Seite, die den Mantel nach trugen. Sie hatten einen gelblichen Rock mit farbigen, eingestickten Verzierungen an, der bis unter die Knie reichte und in der Mitte mit einem Band zusammengehalten war, dessen Enden an der Seite herabhingen und mit goldenen Quasten versehen waren. Um den Hals trugen sie einige goldene Ketten; um den Kopf einen goldenen Reif. Ihre Fußbekleidung ähnelt der des Königs. Hinter ihnen folgten noch viele Diener, auch vor dem König war schon ein Trupp Diener heruntergegangen. Die einen waren vollständig mit bunten Gewändern bekleidet, aber ohne Schmuck, nur teilweise trugen sie Ohrringe. Insbesondere die Diener um den König trugen einen krummen Dolch mit weißem und kupfernem Griff. Andere Diener hatten nur ein buntes Lendentuch über Schulter und Brust geworfen, die Füße waren bloß.

In der Nacht hatte man einen Stern bemerkt, und nun hielt der König Rat, was dies bedeuten sollte. Nach dieser Beratung brach ein Gesandter auf nach Arabien, um dort sich Kunde zu holen. Hier war wohl der Stern bemerkt worden, doch die Magier kümmerten sich nicht darum, und als nun der nubische Gesandte eintraf, stieg der arabische König selbst auf den Beobachtungsturm und sah ihn. Da schickte er Boten nach Medien, wo man gleichfalls den Stern gesehen. Auch hier hatte der König Rat gehalten, ohne aber zu einem Entschluß zu kommen. Als aber nun die arabischen Boten eintrafen, da beschloß man, nach Arabien zu reiten. Inzwischen war nun der König von Nubien aufgebrochen mit großem Gefolge nach Arabien, wo nun bald auch der medische König mit seinem Zuge eintraf.

Gemeinsam machten sie nun die Reise durch die Wüsten, über mächtige Flüsse unter größten Strapazen. So kam ungewohnt für die Bevölkerung Jerusalems der Zug der Könige mit Gelehrten, Dienern in die Stadt, allseits beamtet und begleitet, bis zur Burg des Herodes. König Herodes empfing in seinem Saale die drei Könige, beriet sich dann mit seinen Räten und wies die hohen Gäste nach Bethlehem. Doch der Stern leuchtete nicht mehr und der Führer zog den Weg nach einem falschen Bethlehem im Norden. Dort angekommen, erkannten sie, dass sie irregeleitet worden waren und kehrten nach Jerusalem zurück. Als sie die Stadt erreichten, da leuchtete der Stern wieder auf und herrschte im Königszuge große Freude. So erreichten sie denn Bethlehem und fanden das Kind und die heilige Familie. Diese wohnte damals nicht mehr im Stalle, sondern in einer gemauerten Hütte, außerhalb der Fluren von Bethlehem.“2

Es ist staunenswert, wie Therese die nebensächlichsten Dinge bemerkt und sich eingeprägt hat, obwohl sie sich nach ihren eigenen Worten um solche Äußerlichkeiten gar nicht gekümmert hat.

Unmittelbar nach oder zwischen den einzelnen Visionen, beispielsweise an den Freitagen, stellte sich der „Zustand der Eingenommenheit“ ein, währenddem man Therese befragen konnte und sie Auskunft gab. Aber, so muss man fragen, wieso vermochte sie dies zu tun, da sie angeblich im Zustand der Eingenommenheit jedes natürlich erworbene Wissen verloren hatte?

Benefiziat Härtl bezeugt: „In diesem Zustand ist jedes natürlich erworbene Wissen völlig ausgeschaltet; sie weiß nicht einmal, dass sie die Therese Neumann von Konnersreuth ist. Auf die Frage nach ihren Personalien gibt sie zur Antwort: ,Ich bin die Heilandsresl'3. Im Zustand der Eingenommenheit vermochte sie weder Zahlen noch Namen zu benennen. sie zählte dann nur auf: „Eins und eins und eins.“ Auch der Name Bethlehem fiel ihr nicht ein; sie sagte dafür: „Der Platz, wo's neulich die Mutter net hineinlassen ham.“ Für den Fluß Jordan gebrauchte sie den Ausdruck: „Das laufende Wasser, wo die drei mit ihre Leut (Zug der heiligen drei Könige) drüber san.“ Paulus nennt sie den „Stamperer“, Maria Magdalena „das Moidl“, Pilatus den „Idrauminet“, den hl. Josef den „guat Mo“, den Apostel Johannes den „jungen Mann“, Petrus den „Ohrwaschlabschneider“, den Vorläufer Jesu „den mit'm Viechgewand“. Ja, oftmals wusste sie nach den Visionen überhaupt nicht, was sie eigentlich geschaut hatte. Am Fest der Verklärung Christi beispielsweise kannte sie sich nach der Vision nicht im mindesten aus; an Mariä Verkündigung wusste sie nicht einmal, dass die geschaute Person Maria war. Wie ist dies zu verstehen, dass Therese bekannte Ereignisse und Personen überhaupt nicht erkannt hat? dass sie einfache Zahlen und Bezeichnungen nicht wiederzugeben vermochte? Dabei waren doch offensichtlich die Namen leichter zu merken als die von ihr gebrauchten, mehr oder minder treffenden Bezeichnungen! Zudem war sie fähig, ganze Sätze, auch in hochdeutscher Sprache, zu sprechen. Mit Prof. Killermann und vielen anderen hat sie sich in der gleichen Situation unterhalten und wusste dann sehr wohl Auskunft zu geben. sogar fremdsprachliche Ausdrücke soll sie wiedergegeben haben; aber einfache deutsche, sehr wohl bekannte Bezeichnungen soll sie nicht gefunden haben!

Es bleibt die Frage: Welchen höheren Zweck soll man in den Visionen der Stigmatisierten von Konnersreuth finden? Irgendeine zufällige und legendäre Erzählung hat den Anlass gegeben, dass der hl. Antonius von Padua in der gewohnten süßlichen Art, mit dem Jesuskind auf dem Arm, dargestellt wird. In dieser Weise schaute auch Therese Neumann den Heiligen Jahr für Jahr und verkitschte das der gesamten katholischen Welt vertraute Bild in abstoßender Weise. Am 13. Juni 1928 sieht sie, wie das Jesuskind vor dem Heiligen sich auf einem Buch niederlässt „Antonius streckt freudestrahlend die Arme nach ihm aus, zieht es an seine Brust und küsst es auf Stirne, rechte Wange und Mund. Das göttliche Kind legt seine Arme um des Antonius Hals und küsst ihn ebenso. Einige Zeit verbleiben sie in glückseliger Umarmung, dann legt das Kindlein dem Antonius seine rechte Hand auf das Haupt und verschwindet.“4

Im Gegensatz zu den Visionen, die Therese Neumann schaute, hatten die Visionen, von denen die Hl. Schrift berichtet, eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Es waren Weisungen Gottes, die tiefere Einsicht und Erleuchtung brachten, keine Gefühlsduselei oder Verdunkelung. Therese hingegen begreift bei ihren Freitagsekstasen nicht, was eigentlich vorgeht. sie hat kein Wissen vom Tode des Erlösers für die Menschen, und ihre Gedanken gehen nur darauf aus, diesen Heiland zu befreien, mit ihm zu fliehen.

„Der bloße Gedanke an seinen Tod klingt wie Gotteslästerung in ihren Ohren“, schreibt Teodorowicz. Als sie dem Pfarrer von den Balken erzählt, die der Heiland tragen muss, da meint der Pfarrer: „Der Heiland wird gewiß an diese Balken geschlagen.“ Aber da fährt Therese den Pfarrer entrüstet an: „Wie unterstehst du dich, so etwas zu sagen ? Ich werde dich vor dem Heiland verklagen.“

Dieser Mangel an tieferem Verständnis blieb bei allen Freitagsekstasen erhalten; Therese lernte von einem- zum andernmal nichts hinzu. schon Prof. Killermann ist dieser Verständnismangel aufgefallen. Ähnlich berichtet Lama:

„Nach der ekstatischen Schau der Kreuztragung und des ersten Falles unter dem Kreuz versucht der Pfarrer auf meine Anregung hin sie sofort auf die Tatsache der Kreuzigung hinzuführen. Alle Versuche mißlangen. sie blieb hartnäckig dabei, dass der liebe Heiland ja gar nicht ans Kreuz genagelt werde.“5

Während der ganzen Freitagsekstase ist sie immer wieder der Meinung, Jesus werde freigelassen. Noch nach der Ankunft der Verurteilten auf Golgotha meint sie: „Sie han ihn halt a Bauholz rauftragen lassen.“ Bei anderen Visionen versteht sie alles; vom Geschehen auf Golgotha begreift sie das Entscheidende nicht!

Sie sieht den Heiland weder als Erlöser noch als Gottessohn; sie sieht lediglich ein hilfloses Schlachtopfer in ihm, das Mitleid erheischt. Petrus, so sagt uns die Hl. Schrift, will den Herrn vom Lciden abhalten und muss dafür einen überaus harten Verweis hinnehmen: „Zurück, Satan, du bist mir zum Ärgernis; du denkst nicht die Gedanken Gottes, sondern der Menschen.“ Im Lichte dieser Aussage ist es einfachhin undenkbar, dass von Gott gewährte Visionen ausgerechnet das Verlangen wecken sollen, das Erlösungswerk zu ignorieren. Immer, wenn Gott einem Menschen Schauungen oder Offenbarungen schenkte, hat er den Verstand erleuchtet und die Liebe entzündet. Völlig anders bei Therese! Ihr Verstand wird nicht erleuchtet, sondern verdunkelt, und zwar bis zu einem Grad, dass sie die grundlegende Glaubenswahrheiten nicht mehr erkennt, dass sie sogar ihren Seelenführer verklagen will, weil er auf das hinweist, was Christus für uns getan hat, und dass sie nicht einmal das Hochdeutsch versteht, das der „Schutzengel“ zu ihr spricht.

Natürlich sprechen die Berichterstatter von der großen Liebe der Stigmatisierten zum Heiland. Aber was ist das für eine Liebe! Bei vielen Visionen außerhalb des Freitags handelt es sich fast ausschließlich um nebensächliche Dinge mit einem schmalen religiösen Rahmen, und bei der Schau der Passion findet man einen stark sentimentalen Einschlag. Die Angaben über das Geschaute sind durchwegs nichtssagend, farblos, ja banal. Zudem müssen die Auskünfte durch beständiges Ausfragen der Visionärin eingeholt werden, und zu guter Letzt kommt oft nicht das heraus, was Therese wirklich geschaut hat. Was veröffentlicht wurde, ist so zusammengestellt und ergänzt, dass man den Eindruck hat, Pfarrer Naber selber habe die Visionen gehabt. Es sei nur bei der Schau der Verklärung Christi auf das verwiesen, was Therese wirklich wahrgenommen hat und was später veröffentlicht worden ist.

Ebenso erstaunlich ist, dass Therese dann, wenn sie ihre Visionen nen schildert, keinerlei tiefere Ergriffenheit offenbart. Nur eine Szene sei ergänzend angefügt: sie war gerade beim Schildern des bethlehemitischen Kindermordes. Plötzlich redet sie ihren Neffen Josef an: „Hast du an Haring g'habt?“ Nach der Erörterung dieser Frage, ob ihr Neffe einen Hering gegessen habe, geht die Schilderung des Kindermordes weitere, Man hat nie den Eindruck einer tieferen Ergriffenheit als Frucht der Vision. Welche Ehrfurcht spricht schließlich aus ihren Worten, wenn sie an einem Karsamstag im erschöpften Zustand die Bemerkung macht: „Heiland, i hab' jetzt keine Zeit, dass I red mit dir; ich muß ausschlafen.“7 Ein vertrauensvolles Gespräch mit dem Heiland wird man es wohl nicht nennen dürfen.

Es ist auffallend, wie Therese selber immer wieder im Mittelpunkt der Visionen steht und nicht Christus. Ein paar Beispiele:

Da schildert Therese ihre Weihnachtsvision und behauptet: „Mit hellen, dunkelblauen Augen blickte es mich freundlich an; das Kindlein trug ein weißes Hemdchen, breitete gegen mich seine Ärmchen aus und lächelte mir zu, Es sah aus, als wolle es zu mir.“ Während derselben Ekstase wird die Seherin von der hl. Theresia angesprochen: „Du mußt nicht nur leiden mit dem göttlichen Heiland - du darfst dich auch mit ihm freuen. Nur bleib kindlich!“8 Was macht außerdem auf sie den größten Eindruck? Natürlich die schöne Musik und der liebliche Gesang der Engel sowie das Christkind, aber offenbar nur, weil es „so feine gerötete Wangen“ hat und so „schöne Füßchen“.

Bei der Darstellung Jesu im Tempel legt Simeon das Kind in die Arme der Resl; an Epiphanie gibt das Jesuskind ihr zum Gruß die Hand. Ein andermal sah Therese, wie das Jesuskind dem hl. Antonius von Padua erschien. sie schaute, wie der Heilige die Arme gegen das Kind ausstreckte, das auf einer Wolke zu ihm niederstieg, es ans Herz drückte und sein Antlitz mit Küssen bedeckte. „Therese bat ihn, er möchte das Kind für einige Augenblicke ihr geben, und als der Heilige ihr keine Antwort gab, sagte sie zu ihm: ,Wart nur, wenn es an Weihnachten zu mir kommt, so bekommst du es dann auch nicht'.“9

Die Heiligen haben vor allem das Leiden und Sterben Christi betrachtet weil sie um die Schuld der Menschen wussten und schwer an ihrer eigenen Unvollkommenheit litten. Finden wir Ähnliches bei Therese Neumann? Eine Flut von Büchern wurde über sie geschrieben und viele Beteuerungen, die sie auf Fragen abgab wurden bestätigt, aber von einem tiefen persönlichen Schuldbewusstsein eines liebenden Sünders ist darunter nichts zu finden. Von einer Tugend der Reue keine Spur! Niemals klagt sie sich irgendwelcher Fehler an. Nie gesteht sie nachgewiesenes Versagen ein, aber sie ist jederzeit in Abwehrstellung, um sich zu verteidigen und zu entschuldigen; andere hingegen hat sie, und zwar sehr oft, beschuldigt.

Es bleibt also die Grundfrage: Handelte es sich bei den Visionen der Therese Neumann um von Gott gewährte Schauungen? Keineswegs! Sie waren nichts anderes als gewöhnliche Halluzinationen. Visionen, die ein falsches Bild von der Wirklichkeit geben, können nicht von Gott gewährt worden sein. Außerdem fällt auf, dass zwar Therese wiederholt dieselbe Szene schaut, jedoch immer wieder in wesentlichen Punkten widersprechende Angaben macht. Erinnern wir uns nur an die Schauungen am Feste Epiphanie! Gerade hier steigen auch Zweifel anderer Art auf. Wie vermochte die Seherin Angaben in nebensächlichsten Dingen zu machen, die sich unmöglich so dem Gedächtnis eingeprägt haben können? Offenbar findet man hier lediglich die Schilderung von Krippenfiguren oder von Bilddarstellungen. Eine weitere Frage bleibt zu beantworten: Wie konnte Therese Angaben über Dinge machen, die über den Ablauf der geschauten Ereignisse hinausgingen? Das wäre ihr doch nur dann möglich gewesen, wenn während der Vision zugleich von einem Engel oder Heiligen die notwendigen Erklärungen gegeben worden wären. Offenbar stammt dieses Wissen aus der Lektüre oder aus vorausgehenden sowie nachfolgenden Gesprächen, vor allem mit ihrem Pfarrer. Als Therese im Sommer 1927 erstmals die Verklärung Jesu schaute, wusste sie danach nicht einmal, was sie eigentlich gesehen hatte; sie hatte auch nicht die bekannten Worte vom Himmel her vernommen. Trotzdem wurde schon bald darauf betont, sie habe alles genau so gesehen, wie es die Hl Schrift berichtet. Was nunmehr bekannt gemacht wird, das ist nicht rnehr dic Vision der Therese Neumann, sondern eine frisierte Darstellung des Pfarrers.

Die „Ekstasen“ selber, als „Eingenommenheit“ oder „gehobene Ruhe“ bezeichnet, sind in der Konnersreuther Art der echten Mystik unbekannt. Das geben sogar Verteidiger der Therese Neumann zu, wie zum Beispiel Erzbischof Teodorowicz. Diese „Ekstasen“ gleichen aber ganz genau jenen des „zweiten Zustands“ , wie er bei hochgradiger Hysterie von den Psychiatern beschrieben wird, oder dem Trancezustand spiritistischer Medien und dem Zustand der Hypnose. Auch die Erinnerungslosigkeit nach der „Ekstase“ ist ein Symptom bei hochgradiger Hysterie im „zweiten Zustand“. Erinnerungslose Ekstasen gelten in der Mystik ganz allgemein als unecht und als nicht von Gott gewirkt. Was hätten sie auch für einen tieferen Sinn?

Während bei der echten mystischen Begnadigung der Verstand über das gewöhnliche Erkennen hinausgehoben wird, zeigt sich bei Therese Neumann ein Grad von Verdunkelung, ja Verdummung, wie er sich eben nur bei hochgradiger Hysterie findet.

4. Sprachengabe

Den Berichten zufolge geschah es, dass Therese Neumann in der Ekstase Fremdsprachen vernommen hat, und zwar: Arämäisch, Französisch, Griechisch und Portugiesisch, obgleich sie fremde Sprachen weder gesprochen noch verstanden hat. Sie soll lediglich während der Ekstase die ihr ungewohnten Laute gehört haben.

Eigenartiges hierzu berichtet allerdings Steiner1. Er spricht davon, wie zuweilen der Schutzengel zu Therese geredet habe: „Im eingenommenen Zustand versteht Therese Neumann hochdeutsch nicht und gibt deshalb die Worte des Engels nur mechanisch weiter wie fremdsprachliche Worte.“ Sie beklagt sich, daß der Engel so sonderbar daherrede, er könne doch auch so sprechen, dass man ihn verstehe. -Wie hätte der Engel sprechen sollen? Und wozu redete er, wenn er doch nicht verstandsn wird?

Steiner erzählt aber auch2, Therese habe im erhobenen Ruhezustand, der fast nach jeder hl. Kommunion und ebenso zur Stärkung zwischen den Leidensvisionen aufgetreten sei, auf Befragung die Auskunft in hochdeutscher Sprache gegeben. Das klingt recht eigenartig. Sie redet hochdeutsch und versteht die Worte, wenn der Engel in der Umgangssprache zu ihr spricht, sie versteht ihn jedoch nicht, wenn er hochdeutsch spricht!

Dass Therese Neumann suggestiv ansprechbar war, beweist ihre erstmalige Vision über die Verklärung Christi. Und auch die Tatsache, dass sie fremde Worte oder Wortfetzen hervorbrachte, ist nicht schwer zu erklären. so sagt Prof. Wunderle. „Man kann auch Dinge durch Fragen in einen Menschen hineinsuggerieren. Merkwürdig, dass Prof. Wutz angefangen hat, nach diesen Dingen zu fragen, ebenso Josef Naber. Man ging folgendermaßen vor und fragte: Hat der Heiland so gesagt oder hat er so gesagt?“3 - Auf einen Aufsatz von Prof. Hasenfuß über Prof. Wunderle4 erwiderte Prof. Mayr von Eichstätt: Als Prof. Wutz Therese Neumann nach aramäischen Worten fragte, beteuerte diese immer wieder, „dass sie nicht verstehen könne, was gesagt w'urde, und es kostete sehr viel Geduld und Mühe, bis er einige Silben und Worte herausgebracht hatte“H, Nach und nach hätten sich die Worte dem Gedächtnis der Therese Neumann besser eingeprägt, „und für Wutz wurde es weit leichter, nach einigen Jahrcn konnte sie die Worte am Kreuze und andere Worte und Sätze selbständig wiederholen.“ - Ist das verwunderlich? Außerdem ist das eine eindeutige Bestätigung der Argumente Wunderles.

Die ersten aramäischen Worte, die von Therese Neumann gesprochen wurden, gehen nicht über die Zahl jener Worte hinaus, die in der Leidensgeschichte überliefert wurden. so urteilt Prof. Wunderle: „Die allermeisten Andeutungen, die Pfarrer Naber mir gegenüber diesbezüglich machte, kann ich nur als Wiedergabe der wenigen aramäischen Worte verstehen, die Therese Neumann aus der häuslichen Lesung der Passionsgeschichte kannte.“6

Wie die übrigen Konnersreuther Phänomene, so lässt sich auch bei der Sprachengabe der Einfluss der vertrautesten Berater mehr als erahnen. „Pfarrer Naber und Prof. Wutz suggerieren der Therese Neumann ihre Gedanken; Prof. Wutz auch sein Aramäisch, das er nachher findet“ , so urteilt P. Hummel, der oft in Konnersreuth weilte und den Dingen lange Zeit nicht ablehnend gegenüberstand7.

Wenn Prof. Wutz zugibt, welche Mühe er habe aufwenden müssen, um einzelne aramäische Ausdrücke bruchstückweise aus Therese Neumann herauszubringen, so ist das sicher kein Beweis gegen, sondern für ein Suggerieren von Worten. Was er dem Bischof von Lemberg8 anvertraute, spricht ebenfalls für suggestives Hineinfragen: „Mit den Fragen ging es aber nicht so leicht; grundsätzlich hat Therese Neumann nicht gerne, dass man sie zu viel mit Fragen belästigt, besonders da sie sich nicht auf alles besinnen kann. ,Ja, denken sie' - sagte mir Prof. Wutz – ich brauchte ein volles Vierteljahr dazu, um schließlich ein Wort aus ihr herauszubekommen, das sie mir obendrein nur silbenweise wiedergab'." Zu solch einer Leistung benötigt man keine Seherin.

Über die Möglichkeit von Suggestion im Falle Therese Neumann sagt Prof. Ewald:

„Dass das ständige Ausfragen über Erlebnisse, auch während der Ekstase, zwar keine Quälerei ist ..., dass es aber nur zu oft in das Vorlegen von Suggestivfragen und in ein Hineinfragen ausartet, ,war das nicht so, oder so, oder so', bis eine Zustimmung erfolgt, das weiß jeder, der sich überhaupt einmal in verständiger Weise mit der Exploration eines Menschen befaßt hat. Wesentlich ungünstiger, von der Seite des Wissenschaftlers gesehen, scheint mir in dieser Beziehung noch der Einfluß eines anderen Geistlichen ..., der sehr häufig zu Besuch kommt und in seiner temperamentvollen Art ganz zweifellos ganz ungemein viel in die Kranke hineinkatechisiert. So und nur so ist es zu erklären, dass Therese nun mit einem Male angefangen hat, aramäisch zu halluzinieren, während früher des Heilands Worte auf gut oberpfälzisch von ihr vernommen ,wurden. Dieses Aramäisch sollte auch mir vorgeführt werden - eigentlich ein naives Unterfangen -, man fragte während einer Ekstasepause, was der Heiland gesagt hatte, sie antwortete etwas von ,,Jeruschalem' und fügte dann noch etwas Unverständliches hinzu. Das war wohl nichts recht Positives, denn der betreffende Herr sagte nur lächelnd: ,Eine tolle Aussprache', und gab weitere Versuche auf. Ebenso wurde berichtet, dass man gelegentlich aramäische Worte aus ihr herausfragen wollte, indem man ihr anbot, ,hat es nicht so geheißen?', und nun einige aramäische Worte sagte, und als Therese verneinte, ihr von neuem andere aramäische Worte anbot. Es kann nicht wundernehmen, dass das Mädchen bei ihrem guten Gedächtnis auf diese Weise nun einige aramäische Worte gelernt hat, die sie gelegentlich dann zum Staunen der Umwelt wiedergeben mag."9

Vom Herbst 1926 an war Prof. Wutz ein regelmäßiger Gast in Konnersreuth. Nach Auskunft des „Konnersreuther Sonntagsblattes“ hat er am 25. März 1927 „die Forschungen über das aramäische Sprachvermögen Thereses“ begonnen. Vier Monate später versuchte er, Prof. Ewald die Sprachengabe der Stigmatisierten zu beweisen. Der Versuch scheiterte vollkommen; so wenig hatte Therese in der Zwischenzeit gelernt. Zwischen Herbst 1926 und 25. März 1927 war offenbar Wutz bei seinen häufigen Besuchen kein aramäisches Wort zu Gehör gekommen.

Beachtung verdient, dass die angeblich aramäischen Wörter von den einzelnen Berichterstattern wiederholt ganz verschieden wiedergegeben. werden. Hierzu einige Beispiele: Im Jahr 1927 weilte Prof. Killermann an einem Freitag in Konnersreuth. Damals bekam er kein aramäisches Wort aus Thereses Mund zu hören. Ein Jahr darauf vernahm er bereits mehrere Ausdrücke. Dazu gehört das Wort „kuma“, das heißt „steht auf!“ Bei Franz Huber heißt es „kumu“, bei steiner „kume“; Teodorowicz hört „komu“. - Die Jünger sollen dem Verräter gegenüber Schimpfworte gebraucht haben, neben anderen die von Steiner als „du Schurke“ erklärte Bezeichnung „ganapa“. Dafür findet man aber auch „gannaba“, „kannappa“, „grallaba“ und „gallaba“. Als ein weiteres Scheltwort wird erwähnt „baisebna“. Dieses angeblich aramäische Wort wird aber auch als „aisehuba“, „aisebna“, „biasebua“ und „beisebuba“ überliefert; schließlich findet man alle diese Ausdrücke bei ein und demselben Verfasser, nämlich bei Teodorowicz. Dr. Bauer10 bringt für das fragliche Wort „bäisebua“; Waitz hört „bäisehuba“ ; er vermutet die Bezeichnung „Belzebuba“. Nach Huber lauteten die Worte „ausebua, aisehuba, baisebua“. Dazu bemerkt er, diese Scheltworte der empörten

Jünger seien Wutz „völlig fremd und unbekannt“ gewesen; sie seien auch „durch rein nichts irgendwie überliefert“ . Wie wusste dann der Professor, dass die ihm unbekannten Wörter aramäische Bezeichnungen waren und wie man sie übersetzen musste? Zudem sind die Fassungen für ein und dasselbe Wort überaus widersprüchlich.

Im Oktober 1927 erschien in Konnersreuth Frl. Isenkrahe in Begleitung des Studienrats Dr. Müller. Als die Dame auf das Aramäische zu sprechen kommt, wird Therese „etwas zaghaft“. „Sie trägt einige aramäische Worte vor, die sie gehört haben will, duldet aber nicht, dass sie Dr. Müller notiert. Sie fürchtet, dass ihr bei der Wiedergabe doch einige Ungenauigkeiten unterlaufen könnten, und glaubt, die Wiedergabe sofort nach der Schauung exakt machen zu können.“12 - Den genannten Besuchern gegenüber ist Therese vorsichtig. Wenn Prof. Wutz die aramäischen Worte ausfindig machen wollte, war sie so sicher, dass sich angeblich der Professor seine Aussplache aramäischer Ausdrücke oftmals korrigieren lassen musste. So sicher war sich jedoch Therese nach dem Zeugnis Witts keineswegs: „Doch vermochte Therese die fremden Worte nicht zu wiederholen. sie war nicht imstande, sich nach einmaligem Vorsagen derselben zu erinnern ... noch vermochte sie, dieselben nachzusprechen.“13

Über die von Prof. Wutz angewandte Methode urteilt Dr. theol. Schneider:

„Das famose Aramäisch habe im damals auch etwas unter die Lupe genommen, da ich ja auf der Universität lange Syrisch getrieben habe und mich nachher noch mit etwas palästin. Aramäisch abgab. Wenn man wie Wutz sinnloses Gestammel solange willkürlich behandelt, kommt schließlich auch etwas heraus, das sich so anhört. Das ist so, wie wenn Piefkes gen Süden fahren und sich aus dem Bädecker rasch einige italienische Phrasen zusammenstoppseln. Übrigens ist diese hirnrissige Methode damals ja auch vom alten Kittel ad absurdum geführt worden.“14

Für die angeblich aramäischen Worte, die Therese gehört beziehungsweise gesprochen haben soll, liegt eine sehr einfache Erklärung nahe. sie wurde bereits von Dr. Ewald angedeutet, und auch Hilda Graef hat darauf hingewiesen15. Die Stigmatisiert gebraucht Worte, die selbst dem Fachmann Wutz unbekannt waren. Er hat die uroberpfälzischen Laute nicht verstanden und hat darin aramäische Ausdrücke vermutet. So besteht kein zwingender Grund, in dem Wort „kum“ einen aramäischen Ausdruck mit dem Sinn „auf!“ zu verstehen. In der Oberpfalz bedeutet „kum“ nichts anderes als „komm!“ - Während Therese die Szene auf dem Ölberg schaut, spricht sie ähnliche Worte wie „magera, baisebna, gannaba“. Prof. Wutz versteht sie als Ausdrücke der über den Verrat des Mitapostels empörten Jünger. Hilda Graef vermutet darin Bezeichnungen der oberpfälzischen Mundart. Das Wort „magera“ hat Wutz als Lehnwort aus dem griechischen „macheira“ = „Schwert“ abgeleitet. Das klingt zwar etwas geistreich, scheint aber sehr unglaubwürdig. Viel eher ist hier an das oberpfälzische „der Magere“ zu denken. - Das andere Wort „baisebna“ beziehungsweise „biasebua“ oder „bäisebua“ erklärt Graef als „böser Bub“. Eine Bestätigung für diese naheliegende Auslegung befindet sich in der Schrift von Dorsaz. Da heißt es: „Dann lauscht sie zum Heiland hinüber, was er erwidert, und kehrt sich plötzlich mit zorniger Miene von dem fluchenden linken Schächer ab, vom ,böisen Mo', wie sie ihn zu nennen pflegt, wenn sie über ihn befragt wird.“16 - Eine auffallende Parallele: böser Bub! - böser Mann!

Das dritte Wort wird einmal mit „gannaha“ wiedergegeben auf einem Schriftstück17, das keine Zeitangabe enthält, auf dem aber der Verfasser bemerkt, es sei damals, als er die Worte zum erstenmal gelesen habe, noch von keinem Gelehrten verstanden worden. Man muss bedenken, dass gerade in der Ekstase Thereses Sprechweise sehr undeutlich war. Der Ausdruck kann verstanden werden entweder als „Gauner“ oder als „geh weg!“ Prof. Wutz legt den ihm unbekannten Wörtern „magera, baisebua, gannaha“ den Sinn unter: „Ein Schwert! Beelzebub! Dieb!“, beziehungsweise „Lump“ oder „Mörder“. Der Zusammenhang mit Konnersreuther Mundartausdrücken ist einleuchtender: „Magerer, böser Bub, Gauner!“, oder: „Magerer, böser Bub, geh weg!“

Das aramäische Sprachverständnis nahm sein Ende mit dem Tod des Professors Wutz. Von da ab wurde in den Berichten nur Altes und Bekanntes wieder hervorgeholt. „Von der Wiedergabe aramäischer Ausdrücke ist seit langem nichts mehr bekannt geworden", konnte im Jahr 1957 auf Anfrage Generalvikar Baldauf von Regensburg mitteilen18.

Allmählich und mit viel Mühe hat Wutz aus Therese Neumann aramäische Worte herausgeholt. Die Visionärin sah aber auch Ereignisse, bei denen die Menschen nicht Aramäisch, sondern Griechisch oder Französisch sprachen. Aus diesen Fremdsprachen hat Therese nur wenige Worte vorgebracht, da vermutlich ein Inspirator wie beim Aramäischen fehlte. In einer unbekannten Sprache kann man zudem einen Irrtum nur schwer nachweisen; anders hingegen bei einer bekannteren. Das ist wohl ein weiterer Grund, warum Therese bei geläufigeren Fremdsprachen ihre Sprachengabe kaum betätigt hat.

Nur ein einziges Mal hat sie ein paar zusammenhängende griechische Ausdrücke erwähnt. Aus einer Vision vom hl. Johannes, der aus einer Tonne siedenden Öls steigt, erinnert sie sich der Worte aus seinem Gebet: „Jesus Christos Theos Hyios ego bios“ (Jesus Christus, Gottes Sohn, ich bin das Leben)19. - Ein höchst lehrreicher Satz! Der Ausdruck „bios“ kommt im ganzen Neuen Testament nur fünfmal vor; er wird nie im metaphorischen Sinn gebraucht, sondern stets für „Leben“ im wörtlichen, biologischen Sinn. Wann immer das Leben der Seele oder Christus als das Leben gemeint ist, wird regelmäßig das Wort „zoe“ verwendet. Im Evangelium des hl. Johannes kommt „zoe“ nicht weniger als vierhundertdreißigmal vor, „bios“ überhaupt nicht. Woher stammt also das von Therese vorgebrachte Wort „bios“? Sicher nicht von Johannes, sondern vom Pfarrer Naber und aus seiner unzureichenden Kenntnis des neutestamentlichen Griechisch. Naber war, wie sein ehemaliger Mitstudent Prof. Waldmann versicherte, „ein guter Hebräer, aber ein schlechter Grieche“.

Die Angabe des Bischofs Teodorowicz, Therese Neumann habe fremde sprachen gesprochen, ist reichlich übertrieben. Es sind nur wenige Worte, die zuweilen von ihr gehört wurden oder die man zu hören vermeinte. Von den veröffentlichten wenigen Beispielen sei nur noch auf eines hingewiesen. Am 16. Juli 1928 weilten zwei Männer im Empfangszimmer der Stigmatisierten; sie unterhielten sich in portugiesischer Sprache. Da unterbricht sie Therese: „Mir scheint, diese Sprache habe ich in der Ekstase gehört.“ Man ging auf die Bemerkung nicht ein. Aber da unterbricht sie die Herren ein zweites Mal und erklärt, sie habe diese Sprache während einer Ekstase gehört. Nun greift Pfarrer Naber ein. Er meint, falls kein Irrtum vorliege, könne Therese bei keiner anderen Gelegenheit Portugiesisch gehört haben als bei der Vision, die sie am vergangenen 13. Juli gehabt habe. Da habe sie am Fest des hl. Antonius geschaut, wie der Heilige einem vornehmen Freund auf dessen Schloss einen Besuch gemacht habe20. Therese glaubte, die Sprache gehört zu haben; wann das war, wusste sie nicht. Pfarrer Naber hilft mit einer Vermutung nach. Sie hat auch kein einziges Wort wiedergeben können; nur der Klang der Sprache soll ihr bekannt vorgekommen sein. - Dass sie dann später ihr Wissen in ein besseres Licht gerückt hat, verwundert nicht. Wie Steiner auf Grund einer Mitteilung durch Prof. Mayr schreibt21, soll Therese sofort ohne Vermittlerrolle des Pfarrers, geäußert haben: „Die Sprach hob i doch scho ghört. Ja, beim hl. Antonius, ham's so g'redt.“

In dem Zeitraum von mehr als einem Jahr nach Beginn der Visionen hat offenbar niemand etwas von einer Sprachengabe bemerkt. Als Prof. Killermann im Jahr 1927 in Konnersreuth zur Beobachtung weilte, hat er kein einziges aramäisches Wort aus dem Mund der Stigmatisierten vernommen. Erstmals hörte er ein paar angeblich aramäische Brocken im Jahr 1928. Man geht nicht fehl in der Annahme, dass die Sprachengabe künstlich angeregt und gefördert wurde, vor allem durch Prof. Wutz. Aus oberpfälzischen Ausdrucken wurden aramäische und der weitere Ausbau der Sprachengabe war dann nicht mehr allzu schwierig.

Als Therese im Jahr 1953 von zwei Eichstätter Professoren eidlich vernommen wurde, erzählte sie ihnen, sie habe in der Fastenzeit 1926 zum erstenmal Jesus auf dem Ölberg geschaut; da habe er die Worte gebetet: „te sebud ach“*. Diese Worte hat sie damals bestimmt nicht gehört; sie erwähnte ja in dieser Zeit nicht einmal die in der Bibel überlieferten Worte Jesu.

Genau besehen kann man von einer Sprachengabe bei Therese Neumann überhaupt nicht reden. sie hat nie in fremden Sprachen geredet und gesteht lediglich, nur fremde Wörter gehört zu haben. Aber auch diese Wörter hat sie in Wirklichkeit gar nicht gehört; sie stammen vielmehr aus dem Wissen anderer, vor allem von Prof. Wutz und Pfarrer Naber. In der Konnersreuther Literatur ist nur ein einziges Mal die Rede davon, dass Therese eine ihr fremde Sprache verstanden habe. Am Freitag, dem 2. September 1932, soll sich ein indischer Bischof mit der Stigmatisierten während ihres ekstatischen Zustandes unterhalten haben; der Bischof sprach nur lateinisch; Therese gab ihre Antworten in deutscher Sprache. Das soll der Bischof einem Pater aus Afrika erzählt haben22. - Wie wollte der Bischof wissen, dass Therese seine Fragen begriffen hat? Er selber verstand ja nicht Deutsch. Und selbst wenn Therese zutreffende Antworten auf eine ihr unverständliche Sprache gegeben hätte, ihr Können ginge nicht über das hinaus, was beispielsweise in der Hypnose möglich ist. Der im Jahr 1779 in Pondorf a. D. verstorbene Pfarrer Johann Joseph Gaßner sprach bei seinen „Heilkuren“ zu den Patienten oftmals in lateinischer Sprache die Patienten taten, was er befahl, obwohl sie seine Sprache nicht verstehen konnten. Ja ein Mädchen erwiderte sogar auf die Aufforderung: „Latine loquatur creatura ista! (Deutsch soll sie sprechen, die Kreatur)“ spontan: „Non possum.“ Gaßner verfügte über hypnotische Fähigkeiten wie ganz wenige23. Im Vergleich zu seinem Können verblasst das, was über Therese Neumann erzählt wird, erheblich.

Der katholische Religionsphilosoph Friedrich von Hügel hat sich eingehend mit der Mystik beschäftigt. Er sieht die Ekstasen und Visionen sowie das Stimmenhören als etwas durchaus Nebensächliches an. Von Hügel sagt klar und deutlich: „Wenn diese Erscheinungen als etwas Heiliges, Übernatürliches gelten sollen, dann sind nirgendwo mehr Heilige zu finden, als in den Irrenhäusern.“24

5. Hierognosie

Im Zustand der gehobenen Ruhe besaß Therese Neumann angeblich die Gabe der Hierognosie, das heißt die Fähigkeit, Reliquien oder geweihte Dinge zu erkennen. „Über diesen Punkt“, schreibt Boniface1, „liegen so viele Erfahrungen vor, ohne dass ihr je ein Irrtum nachgewiesen werden konnte.“ Die genannte Fähigkeit erstreckte sich insbesondere auf Kreuzpartikeln und andere Christusreliquien. Boniface nennt unter anderem „Fäden des Schweißtuches und des Hl. Rockes“. Steiner2 weiß zu berichten, wie man eines Tages Therese eine Reliquie reichte, die sie sofort als ein Stück von einem „Schleier der Muttergottes“ erkannte. sie gab sogar anschließend bekannt, auf welchem Wege die Reliquie in die Hände der derzeitigen Besitzer gekommen sei. Ebenso soll Therese ohne Zögern „reagiert“ haben, sobald echte Kreuzpartikeln einem ihrer Wundmale, besonders der Seitenwunde, nahe gebracht wurden. „Ganz eigentümlich“ nennt es Boniface, „dass sie auch auf ähnliche Weise reagierte bei Berührung der mit ihrem eigenen Blute getränkten Wäschestücke“. Wiederholt habe sie im Verlaufe solcher Versuche ausdrücklich betont: „Das ist nicht mein Blut.“ Diese Äußerung passt nicht zu der vorausgegangenen Feststellung. Aber ähnlich überliefert die Worte auch Fahsel2a. Die ekstatische Auskunft überrascht. Entweder hat sich Therese tatsächlich getäuscht oder die Wäschestücke waren nicht mit ihrem Blut getränkt. Außerdem, wenn Therese, wie auch Benefiziat Härtl versichert3, über heftige Schmerzen in dem Wundmal, dem ein Tüchlein mit ihrem vom Freitag her eingetrockneten Blut nahe gebracht wurde, geklagt hat, welche hellseherische Gabe hätte sie damit bewiesen? An den Passionsfreitagen trugen ihre Wäschestücke regelmäßig blutige Spuren. Sollte sie bloß auf länger aufbewahrte blutgetränkte Linnen „reagiert“ haben?

Wie hat Therese Neumann „reagiert“, wenn man einer ihrer, Wunden eine Reliquie, vor allem eine Kreuzpartikel, nahe brachte? Ein Bischof reichte ihr sein Brustkreuz, in dem sich eine Kreuzreliquie befand. „Wie ein Blitz durchzuckt der schmerzliche Krampf Gesicht und Körper Theresens; besonders krampfen sich die Hände.“ Ein Kapuzinerpater berührte mit einer Kreuzpartikel eine Hand der stigmatisierten. „Sie ließ einen Seufzer hören, wurde weiß wie der Tod und sank in sich zusammen. Der Kopf fiel etwas nach hinten, der Mund blieb geöffnet. Es war das Bild einer soeben Gestorbenen.“ Erzbischof Kaspar hält sein Pektorale, das eine Kreuzpartikel enthält, an die Hand Thereses; „augenblicklich fühlt sie einen furchtbaren Schmerz“4. - Dieses Verhalten der Stigmatisierten beweist gar nichts über die Echtheit von Reliquien; es ist höchstens eine entsprechende Reaktion auf Grund des Wissens der die Reliquien darreichenden Person. Aber angenommen, die Reliquien wären echt gewesen, was soll ein derart sonderbares, unverständliches Verhalten? Das kann nicht die Wirkung echter Reliquien sein.

Andere stigmatisierte empfanden bei ähnlichen Versuchen sichtbare Freude und Linderung in ihren Schmerzen.

Als im Jahr 1933 in Trier der Hl. Rock gezeigt wurde, war Therese Neumann dabei. Um sie dem Andrang der Menge zu entziehen, wurde der Dom abgesperrt; Therese konnte in aller Ruhe den Hl. Rock aus nächster Nähe betrachten. Wiederholt versicherte sie, auch im „Zustand der Eingenommenheit“ , der Rock sei echt. Sie berührte bei dieser Gelegenheit einen Rosenkranz am Hl. Rock und sandte ihn an den Freiherrn von Aretin. Zwei Jahre später kam dieser wieder einmal nach Konnersreuth. Während Therese im ekstatischen Zustand dalag, legte ihr von Aretin auf Anregung des Pfarrers den Rosenkranz auf das rechte Handstigma. sofort erklärte Therese, aber ohne wie gewöhnlich bei solchen Experimenten zu jammern: „Du, da sind fein hohe Weihen darauf! Das ist an etwas angerührt worden, was dem Heiland selbst gehört hat.“5 - Therese hat sich getäuscht. Der Hl. Rock weist zwar ein ehrwürdiges Alter auf, aber echt ist er keinesfalls.

Boniface meint, nie sei ein Irrtum hinsichtlich der Angaben über die Echtheit von Reliquien nachgewiesen worden. Das ist die große Frage. Hier hätte man experimentell vorgehen müssen unter Verwendung von nachweislich echten oder unechten Reliquien. Anders lassen sich höchstens Vermutungen anstellen.

Wir haben keine sicheren Beweise für die Echtheit von Kreuzpartikeln. Noch fragwürdiger ist die Sache hinsichtlich des Schweißtuchs Jesu oder des Schleiers der Muttergottes. Unecht sind ganz bestimmt die Fäden vom Hl. Rock, weil der ganze Rock nicht echt ist. Man hätte in jedem Fall experimentell vorgehen müssen. „Anders dagegen, wenn Therese Neumann über dieselbe Reliquie widersprechende Aussagen macht oder eine zweifellos echte Reliquie für unecht erklärt. Beides ist geschehen“, wie Dr. Heermann in seiner Schrift Um Konnersreuth6 berichtet. Heermann hat den Vorschlag gemacht, man möge die Fähigkeit der Therese auf die Probe stellen, indem man sie aus geweihten und ungeweihten Gegenständen die geweihten aussuchen lasse. „Tatsächlich“, so versichert er, „hat ein mir bekannter Konnersreuthpilger mit Begleiter dem Pfarrer Naber diesen Vorschlag in Gegenwart der Therese Neumann gemacht. Naber lehnte jedoch sofort ab mit der Begründung: ,Das haben wir bisher nicht gemacht einen Mißerfolg würde man uns übel auslegen.'“ - Die Konnersreuthpilger waren Caecilie Isenkrahe und Dr. Miller. Vor ihrer Abreise nahmen sie sechs Medaillen mit, von denen sie eine vorher von einem Pater segnen ließen. Sie legten jede Medaille einzeln in einen Briefumschlag und wollten dann in Konnersreuth Therese auf die Probe stellen. Dort erhielten sie dann die bekannte Antwort7.

Ebenso hatte Msgr. Dr. Brunelli bei seinem Besuch in Konnersreuth am Freitag, dem 19. Dezember 1930, Reliquien mitgebracht. Aber Therese wollte keine Auskunft geben. sie sagte:

„Das ist schon angeschrieben, was es für Reliquien sind.“ Brunelli antwortete, es sei nichts darauf geschrieben; er wolle wissen, ob die Reliquien echt seien oder nicht. „Therese sagte, dass sie nichts wisse. Wenn sie etwas wisse, sei es nur, weil Jesus ihr alles eingebe.“ Da kam ihr der Pfarrer zu Hilfe, indem er meinte: „Heute ist sie nicht in wirklicher Ekstase, sondern in einem halbekstatischen Zustand.“8 Nunmehr ließ der Pfarrer den Nuntiaturrat allein mit Therese. Brunelli wollte sehen, ob sie ihm „wenigstens etwas ganz Intimes“ zu sagen wisse, so wie sie es zuweilen Bischöfen gegenüber, sogar unaufgefordert, getan hatte. Aber es erfolgte keinerlei Auskunft. - Die Entschuldigung des Pfarrers leuchtet nicht ein, da Therese ja ihre gewohnten Freitagsvisionen hatte und der Pfarrer während der Schauungen die üblichen Erklärungen abgab; Therese brachte auch „einige lange hebräische Ausdrücke“ vor.

Man kann nicht Glauben fordern und dabei jedwedem Nachweis für die Wahrheit der Thesen aus dem Wege gehen, wie es im Fall Konnersreuth nicht bloß hinsichtlich der in Anspruch genommenen Gabe der Hierognosie der Fall war. Dort aber, wo man den Spuren nachgehen kann, zerrinnen die „Beweise“ wie Schnee in der Sonne, und man stößt ins Leere.

Einige Male gelang es doch, Thereses Hierognosie auf die Probe zu stellen, und sie hat die Prüfung nicht bestanden. Eine Reliquie des heilig gesprochenen Bruders Gerhard C.Ss.R., die dem Kardinal Kaspar von Prag geschenkt worden war, hat Therese Neumann als unecht bezeichnet, hingegen das Brustkreuz des Bischofs von Regensburg als Reliquienkreuz anerkannt. Zugleich hat sie genaueste Angaben über die Herkunft der „Kreuzpartikel“ gemacht. Der Bischof wollte zu Hause die Reliquie in Augenschein nehmen, „als er indes das Kreuz öffnete, war überhaupt nichts drinnen“9. Von einer Reliquie des italienischen Rcdemptoristenfraters Blasucci sagte Therese, sie stamme von Johannes dem Täufer.

Ein und dieselbe Reliquie bezeichnete Therese einmal als echt, das andere Mal als unecht, wie der Jesuitenpater Fonck bezeugt. Der geistliche Studienrat Dr. Günther von Hagen-Böle stellte im Jahr 1928 der Seherin die Frage: „Die Schwestern in Böle haben eine Reliquie vom Kreuze Christi; ist diese echt?“ Die Antwort lautete: „Ja!“ Tatsache ist aber, dass die genannten Schwestern überhaupt keine Reliquie besitzen10.

Als Beweis für die eine Form des Hellsehens, nämlich die „Reliquienkenntnis“, berichten mehrere Autoren, wie Therese Neumann bei Berührung mit einem Linnen reagiert hat, das mit Blut der Wundmale anderer Stigmatisierter getränkt worden war. Eines Tages berührte man sie mit einem Tuch, das Blut von den Wundmalen der belgischen stigmatisierten Louise Lateau enthielt. „Sofort fing sie an zu zittern und zu jammern. Das Zittern wurde zu einer heftigen Erschütterung des Körpers, das Jammern zu Schreien. Ähnlich stark hatte sie am Morgen schon auf diese selbe Probe reagiert, außerdem in ihrer Ekstase er-klärt: ,Das Blut ist echt; alle Geschehnisse dort waren echt.'“11 Sie gab außerdem an: „Louise Lateau kam gleich nach ihrem Tod in den Himmel, ohne durchs Fegfeuer hindurchzugehen.“12

Therese Neumann hat also in der Ekstase versichert, alle Geschehnisse seien echt gewesen. Ihre Aussage bezieht sich insbesondere auf die Behauptung, Louise Lateau habe im Alter von 21 Jahren aufgehört, speisen zu sich zu nehmen. Es erhebt sich die Frage: Waren die Geschehnisse, wie Therese behauptete, echt? - Durchaus nicht! Eines Tages wurde Louise Lateau von ihrem Beichtvater ertappt, wie sie in betrügerischer Weise Stigmen und eine Ekstase hervorrief. „Ferner entdeckte Doktor Warlomont nach Louises Verschwinden Früchte, Wasser und Weißbrot in ihrem Schrank, womit ihre Ausdauer bei dem verlängerten Fasten eine natürliche Erklärung findet.“ Ebenso hatte der Vater des belgischen Arztes Dr. Masoin mit seinem Spazierstock angekaute Brotkrusten und andere Speisen unter dem Bett der Louise hervorgeholt; er wurde daraufhin von ihrem Vater an die Luft gesetzt13.

Ähnlich wie im erwähnten Fall reagierte Therese, als sie mit einer Abbildung des Herz-Jesu-Bildes von Mirebeau mit den angeblichen Blutspuren berührt wurde. Der Urheber der Legende von